Erkältungswelle bei Kleinkindern bringt Praxen und Kliniken an die Grenzen

Stand: 05.12.2022 13:46 Uhr

In langen Schlangen stehen Eltern zur Zeit mit ihren kranken Kindern vor den Kinderarztpraxen, die Stationen in den Kinderkliniken im Land sind voll - die Zahl der akuten Atemwegsinfektionen, wie Influenza oder das RS-Virus steigt derzeit stark an.

"Die Kunst besteht im Moment nur noch darin, jemand schwerkranken nicht zu übersehen. Alles andere kann man nicht mehr schaffen", so fasst Kinderärztin Ireen Widmer die Situation in ihrer Schweriner Kinderarztpraxis zusammen. Über 100 Kinder sieht die Ärztin derzeit pro Tag in ihrer Praxis mit ihrem Team. So wie Widmer geht es vielen Kinderärzten im Land: "Wir arbeiten am Anschlag. Wir haben so viele Patienten am Tag wie wir sonst nie hatten", sagte der Landesverbandsvorsitzende der Kinder- und Jugendärzte, Andreas Michel.

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"Wir beobachten derzeit vor allem bei Kindern sowie Menschen ab 60 Jahren einen starken Anstieg bei den Atemwegsinfekten", sagte Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) in der vergangenen Woche. Im Vergleich zur Vorwoche habe sich die Zahl der Arztbesuche fast verdoppelt. Im Wochenbericht des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGuS) sehen die Kurven dramatisch aus. Fast 80.000 Patienten haben in der vergangenen Woche mit Atemwegserkrankungen einen Arzt aufgesucht.

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Immer wieder müssen Kinder dann ins Krankenhaus verlegt werden, berichtet auch Hagen Straßburger, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin aus Rostock: "... einen drei Wochen alten Säugling mit Atempausen aufgrund einer RSV-Infektion und einen knapp zwei Jahre alten Jungen mit Fieberkrampf bei Influenza-Erkältung. Die Kinder mussten wir per Rettungsdienst in die Kinderklinik einweisen."

"Bunte" Mischung an Viren

Die Erreger seien eine "bunte" Mischung aller Erkältungsviren: Influenza, RSV, aber auch Rhinoviren, Adenoviren und Parainfluenzaviren. Covid 19 komme nur noch ganz selten vor. Manche Praxen sind so überlastet, dass sie ihre Patienten bitten, möglichst nur im absoluten Notfall zu kommen und sowohl viel Zeit, als auch Essen und Trinken mitzubringen - die Wartezeit könne mehrere Stunden betragen.

36 freie Kinderintensivbetten im Land

Auch in den Kinderkliniken ist die Lage teilweise angespannt. Laut DIVI-Intensivregister sind 41 Kinderintensivbetten im Land belegt, 36 Betten sind noch frei (Stand: Montag, 5. Dezember, 8 Uhr). Doch vor allem die Helios-Kliniken in Schwerin erhalten täglich Anfragen zur Übernahme von Kindern und Babys aus Hamburg. Das habe natürlich auch Einfluss auf geplante Aufnahmen und Behandlungen, so ein Sprecher.

Kinder aus Berlin in Neubrandenburg

Auch das Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg hat schon beatmungspflichtige Kinder aus Berlin aufgenommen, weil es dort keine Kapazitäten mehr gibt. Neun Säuglinge und Kleinkinder bis zwei Jahre werden dort zur Zeit behandelt, davon drei mit RSV. Der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Dr. Sven Armbrust, geht davon aus, dass die Region erst am Anfang der Welle steht, er erwartet den Höhepunkt etwa zu Weihnachten.

"Die kommenden zwei bis drei Wochen werden es zeigen"

"Die Lage ist ernst, aber wir sind immer noch in der Lage, die Kinder, die hereinkommen, gut zu versorgen", sagte Armbrust NDR MV Live. In seinem Krankenhaus gebe es noch keinen Notstand an Betten. Im Vergleich zu einigen Großstädten sei die Lage noch "ganz gut." Es müssten keine Patienten ausgelagert werden. "Das kann aber natürlich noch kommen. Ob es über uns hereinbricht, werden die kommenden zwei bis drei Wochen zeigen", so Armbrust. Die Politik könne in der gegenwärtigen Lage kaum helfen, meint er. Grundsätzlich wichtig sei eine solide finanzielle Ausstattung der Kinderkliniken. Als eine Ursache für das derzeit massive Auftreten von Erkältungskrankheiten sieht Armbrust die "irrwitzige" Maskenpflicht bei Kindern. "Die Immunsysteme sind blank." Erreger mit eigentlich normalen Verläufen seien nun deutlich aggressiver. Die verschiedenen Erreger hätten in der Pandemie-Zeit keine Möglichkeit, durch die Wirte durchzuwandern. "Das wird jetzt sozusagen nachgeholt", so Armbrust.

Vorpommern: Einige Kinder auf der Intensivstation

Ähnlich wie in Neubrandenburg schätzt das Krankenhaus in Demmin die Lage ein. Von etwa 20 Betten sind dort derzeit sieben nicht belegt. Noch sind in Demmin keine Anfragen nach freien Kapazitäten aus anderen Bundesländern angekommen. In Greifswald liegen derzeit neun Kinder mit Influenza, 11 Kinder mit RSV, davon vier Kinder auf der Intensivstation. Auch im Helios-Klinikum Stralsund werden "auffällig viele Kinder mit schwereren Infekten der Atemwege behandelt. Derzeit befinden sich 13 Kinder im Alter bis zwei Jahren auf der Kinderstation, davon fünf mit einer RSV-Infektion."

Influenza und RSV mit deutlichem Anstieg

In seinem Wochenbericht hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) am 1. Dezember von einem deutschlandweit deutlichen Anstieg der akuten Atemwegsinfektionen mit saisonal bedingtem Trend nach oben berichtet. Dabei sind besonders zwei Erreger zu finden: die Influenza, also Grippe-Viren und das Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV), das "insbesondere bei Kleinkindern vermehrt zu Erkrankungen und Krankenhauseinweisungen führt", so das RKI.

Jüngere Kinder mit engen Atemwegen besonders betroffen

RSV ist ein weitverbreitetes Virus, mit dem sich auch Erwachsene infizieren. Bei ihnen verläuft die Infektion meist wie eine leichtere Erkältung. Besonders jüngere Kinder haben aber engere Atemwege, wodurch sich schneller eine Bronchitis entwickeln und die Infektion besonders heftig verlaufen kann. Atemwegserkrankungen und RSV-Infektionen stellen in der Erkältungszeit im Winter alle Kinderkliniken in Sachen Personal- und Bettenverfügbarkeit vor große Herausforderungen - hinzu kommt in diesem Jahr, dass die Kinder im Kleinkindalter häufiger und vor allem schwerer betroffen sind, heißt es aus der Uniklinik in Rostock.

Durch die Pandemie-Maßnahmen sind mehrere Infektions-Jahrgänge bei Kindern ausgefallen. 90 Prozent der Kinder machen normalerweise in den ersten zwei Lebensjahren eine RSV-Infektion durch, 50 Prozent sogar zweimal. Doch nun haben viele erst im Kindergartenalter ihre erste Begegnung mit dem Virus. Diese ersten Infektionen fallen häufig besonders heftig aus, spätere Infektionen mildern sich ab.

Drese: Ausbreitung eindämmen

Ministerin Drese appellierte, die Ausbreitung von Erregern mit Hilfe von Hygienemaßnahmen zu erschweren. Dazu gehörten Abstand halten, das Vermeiden von Händegeben und Anhusten, intensives Lüften und gründliches Händewaschen. Auch eine Impfung gegen Influenza sollte überlegt werden.

 

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Eine Intensivpflegerin versorgt auf einer Kinder-Intensivstation einen am Respiratorischen Synzytial-Virus (RS-Virus oder RSV) erkrankten Patienten, der beatmet wird. © picture alliance/dpa | Marijan Murat Foto: picture alliance/dpa | Marijan Murat

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NDR 1 Radio MV | 05.12.2022 | 08:18 Uhr

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