Stand: 09.10.2019 13:40 Uhr

Diakonie-Mitarbeiter proben den Aufstand

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV

Das Neubrandenburger Bonhoeffer-Klinikum gilt als größter Arbeitgeber der Diakonie in Mecklenburg-Vorpommern. (Archivbild)

In der Nordkirche und den dazugehörigen Diakonischen Werken hängt der Haussegen schief: Die Mitarbeitervertretungen verlangen mehr Rechte und wollen erneut eine Reform des kirchlichen Arbeitsrechts. Bei einer Konferenz in der Rostocker St. Nikolai-Kirche haben rund 150 Teilnehmer aus Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern eine Art Willkür der Führungskräfte beklagt. Sie fordern Gespräche mit der Kirchenleitung.

Arbeitnehmer beklagen fehlenden Einfluss

Der Hintergrund: Die Nordkirche und ihre Diakonischen Werke betreiben Kitas, Krankenhäuser und Pflegenheime. Knapp 15.000 Menschen arbeiten dort allein in Mecklenburg-Vorpommern. Das Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg gilt als größter Arbeitgeber der Diakonie im Nordosten. Noch immer werden laut einer internen Erhebung in jeder fünften Einrichtung der Nordkirche die Arbeitsverträge allein vom Arbeitgeber bestimmt - im sogenannten "1. Weg". Die Arbeitnehmerseite habe keinen Einfluss und das bedeute teils bis zu 15 Prozent weniger Gehalt als sonst in der Diakonie üblich, beklagen Mitarbeitervertretungen. Das kirchliche Sonderrecht macht diesen "1. Weg" jedoch möglich.

"Skandalöse" Unterordnung beklagt

Den wollen die Mitarbeitervertretungen kippen. Sie empören sich über "eine rechtswidrige Praxis beim kirchlichen Arbeitsrecht". Die Arbeitgeber-Seite diktiert in ihren Augen die Vertragsbedingungen und mache ihr eigenes Ding. Noch immer sei zwischen Mitarbeiter und Arbeitgeber von einer "Dienstgemeinschaft" die Rede. Das sei ein herrschaftlicher Begriff, der Unterordnung bedeute, kritisiert der Vorsitzender der Mitarbeitervertretungen in Schleswig-Holstein, Alfred Wagener, im Gespräch mit dem NDR. Er spricht von einem "Skandal".

Mitarbeiter wollen Führungskräften den "Heiligenschein" nehmen

Es sei Zeit, "Tacheles mit der anderen Seite" zu reden, meint sein Kollege aus Mecklenburg-Vorpommern, Michael Hollmann, ebenfalls im Gespräch mit dem NDR. Hollmann ist Vorsitzender des Gesamtausschusses der Mitarbeitervertretungen. Er findet es problematisch, dass es keine Folgen habe, wenn Führungskräfte gegen Regeln verstießen. Ihnen müsse der "Heiligenschein" genommen werden. Der Diakonie-Mitarbeiter aus Rostock macht es plastisch: "Es hilft nichts, ein Tempolimit-Schild aufzustellen, dahinter muss eine Blitzeranlage aufgebaut sein." Wie die Sanktionen gegen Führungskräfte aussehen könnten blieb offen.

Reform von innen angestrebt

Hollmann warnt jedoch davor, dass kirchliche Arbeitsrecht komplett zu kippen. Das sei schon wegen der grundgesetzlich garantierten Sonderstellung der Kirchen nicht möglich. Er setzt eher auf Reform von innen. Diese Haltung ist einigen in der Diakonie zu zurückhaltend - sie fordern ein forscheres Auftreten gegenüber der Kirchen- und Diakonieleitung und auch ein Ende des sogenannten 3. Wegs. Bei diesem Modell werden Verträge in arbeitsrechtlichen Kommissionen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ausgehandelt. Auch diese Verträge kämen nicht auf Augenhöhe zustande, so die Kritik. Dem NDR liegen mehrere anonyme Schreiben vor, die auf echte und allgemeinverbindliche Tarifverträge pochen. Anders als bei der AWO oder dem DRK hat die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di in kirchlichen Einrichtungen kaum Mitglieder.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 09.10.2019 | 13:00 Uhr

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