Corona-Krise und Schweinepest: Schweinebauern in MV in Not

Stand: 13.10.2020 04:51 Uhr

Die Afrikanische Schweinepest hat den weltweiten Absatzmarkt durcheinandergebracht, wichtige Handelspartner nehmen kein deutsches Schweinefleisch mehr ab. Hinzu kommt die Corona-Pandemie.

von Franziska Drewes

In den vergangenen Wochen mussten mehrere Schlachthöfe zeitweise schließen, weil Mitarbeiter sich mit dem Virus Sars-CoV-2 infiziert hatten. Das hat zu einer extremen Krise auf dem Schweinemarkt geführt, von der auch Mecklenburg-Vorpommern betroffen ist. Deutschlandweit konnten bislang rund 400.000 Mastschweine nicht geschlachtet werden, Tendenz steigend. Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands fürchtet, dass bis Weihnachten 1 bis 1,5 Millionen Schweine zu viel in den Ställen stehen.

Stau beim Schlachten

Einige große deutsche Schlachthöfe arbeiten momentan nur eingeschränkt. Das hat Auswirkungen auf die Mastbetriebe hierzulande. Das spürt auch Jörg Brüggemann, Schweineexperte bei der LMS Agrarberatung Rostock, dem landwirtschaftlichen Beratungsunternehmen für Mecklenburg-Vorpommern. Er betreut Schweinebetriebe landesweit und betont, es vergehe kein Tag, an dem ihn nicht besorgte Landwirte anrufen, weil sie ihre Mastschweine nicht aus den Ställen bekommen. Zum Hintergrund: Deutschlandweit gibt es einige wenige Betreiber von großen Schlachthöfen. Dazu zählen Tönnies und Danish Crown. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es gar keinen großen Schweineschlachthof mehr, dafür aber etwa 130 größere Betriebe, die Schweine produzieren. Mäster aus dem Land liefern ihre Tiere vor allem nach Perleberg (Brandenburg) und Weißenfels (Sachsen-Anhalt). Der Betrieb in Weißenfels gehört zu Tönnies. In der Vergangenheit mussten zwei Tönnies-Schlachthöfe Corona-bedingt zeitweise schließen, einmal im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück und zuletzt im emsländischen Sögel. Und genau das habe zu einer Kettenreaktion geführt, so Brüggemann. Denn Schweine seien auf andere Tönnies-Schlachtbetriebe umgelenkt worden. Ein Stau an schlachtreifen Tieren habe sich gebildet. Erste Landwirte aus Mecklenburg-Vorpommern weichen mit ihren Tieren bereits nach Polen aus.

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Jörg Brüggemann formuliert gegenüber NDR 1 Radio MV zwei klare Forderungen an die Politik. Er spricht sich in dieser Notsituation für zusätzliche Schichten oder Schlachttage auch an Sonn- und Feiertagen aus. Vor allem aber sollten Schlachthöfe künftig nicht komplett geschlossen werden. "Es müsse bei einem Corona-Ausbruch unter Mitarbeitern möglich sein, unter Einhaltung von verschärften Schutzmaßnahmen, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Zuvor hatte sich schon der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, dafür ausgesprochen. Er warnte vor drastischen Folgen für die Wertschöpfungskette. Die gefährliche Mischung aus Corona und Afrikanischer Schweinepest hat laut Rukwied fatale Folgen und wird den Strukturwandel deutlich beschleunigen. Erste Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern planen, ihre Schweinebestände aufzugeben, unter ihnen sind Sauenhalter und Mäster. Einer von ihnen ist der Züssower Landwirt Sebastian Vaegler.

Ferkelzüchter am stärksten von Krise betroffen

Auch bei Heidi Bartsch steht das Telefon nicht mehr still. Sie ist Geschäftsführerin der Qualitäts-Schlachtschweine-Erzeugergemeinschaft von Mecklenburg-Vorpommern und vermarktet für mehrere kleinere Betriebe aus dem Land Tiere. Auch sie betont, dass die Schweinehalter in einer absoluten Notsituation stecken, für die sie nichts können. Sie macht klar: "Am härtesten trifft es die Ferkelproduzenten. Wenn die Ställe nicht leergeräumt werden können, können keine neuen Schweine nachrücken." Eine Sau ist 114 Tage trächtig. Für Ferkelzüchter ist es laut Bartsch absolut unmöglich, zu planen. "Niemand weiß, wie lange die Pandemie andauert und was noch kommt." Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands verweist darauf, dass sich weniger Besamungen von Sauen zum jetzigen Zeitpunkt am Markt erst im nächsten Jahr auswirken.

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Fleisch vom Markt nehmen

Beide Experten, sowohl Heidi Bartsch als auch Jörg Brüggemann, sprechen sich dafür aus, auf Anordnung gesunde Schweine zu töten und zu entsorgen, um die Schlachtkapazitäten zu verringern. Hier sei die Politik gefordert, eine Entscheidung zu treffen. "Eine Lösung aus der Krise könnte auch eine Abwrackprämie für Schweinebauern sein, die für immer aufhören wollen. Auch darüber müsse die Politik nachdenken", so Bartsch. Sie hofft zudem, dass die Afrikanische Schweinepest nicht auch noch in Mecklenburg-Vorpommern ausbricht. Und sie hofft, dass nicht noch mehr Schlachthöfe Corona-bedingt schließen müssen, vor allem nicht die in Weißenfels oder Perleberg. "Das wäre katastrophal für alle ostdeutschen Schweinehalter."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 13.10.2020 | 06:00 Uhr

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