Vera Arndt © NDR

Corona und wir in MV - Was das Virus mit uns macht (2)

Stand: 28.12.2020 15:37 Uhr

Wie werden wir uns in Zukunft wohl an diese Zeit erinnern? Zweifellos hat Corona unsere gewohnte Normalität verändert, in allen Lebensbereichen. Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern erzählen, wie sie diese Bewährungsprobe erleben, was sie bewegt und worüber sie nachdenken. "Corona und wir in MV" - eine vorläufige Momentaufnahme.

3. März: Covid-19 wird zum ersten Mal bei Patienten in Mecklenburg-Vorpommern nachgewiesen. Das ist der Anfang. In den Monaten darauf verändert Corona unser Leben. Wir müssen viel Neues lernen: "Lockdown" oder "Homeoffice".  Die Schutzmaßnahmen wirken. Ist das Virus bezwungen? Das hoffen viele. Es kommt anders. Im Herbst schießt die Zahl der Neuinfizierten in die Höhe, Städte und Landkreise in Mecklenburg-Vorpommern werden zu Risikogebieten. Es folgt: der zweite Lockdown, erst "light", dann strenger. Das ist der Stand im Dezember 2020, am Ende eines bemerkenswerten Jahres.

Was Corona mit uns macht

Der NDR in MV hat über sie berichtet: die Krankenschwester, den Koch, den Konstrukteur der MV-Werften, die Kleinunternehmerin ebenso wie über die Künstlerin und das Kinobetreiber-Ehepaar. Aber auch über Schüler, Schulleiter, Schausteller, eine Schwester im Hospiz sowie eine Friseurin und einen Familienvater, eine Dorfladenbesitzerin, einen Geschäftsinhaber auf Rügen und eine Amtsärztin aus dem Gesundheitsamt. Was hat Corona mit ihrem Arbeitsalltag, mit ihrem Leben gemacht?

Vera Arndt, Schulleiterin: "Wir waren null vorbereitet"

Mitte März 2020 machen die Schulen im Land dicht. Bis Ende April sind sie komplett geschlossen. Vera Arndt, Schulleiterin der Schweriner Bertolt-Brecht-Schule, ist selbst überrascht, wie engagiert junge Kollegen unverhofft in nur 14  Tagen digitale Lösungen aus dem Nichts auf die Beine stellen. "Wir sind von null auf zweihundert. Toll!". Im Herbst muss Vera Arndt ihre Schülerinnen und Schüler in Quarantäne schicken. Es gibt Fälle, die sich nicht nachverfolgen lassen. Sicherheitshalber lässt die Schulleiterin sich testen. Das Ergebnis ist positiv. "Ich bin in Tränen ausgebrochen, das hat mich erschreckt."

Symptomfrei übersteht Vera Arndt die Quarantäne. Danach kommen die  Klassenstufen nur gestaffelt alle 15 Minuten zum Unterricht. "Freut ihr euch?", ruft die Schulleiterin zum Neustart. "Ja!", rufen die Mädchen und Jungen. "Einwandfrei. Ich auch." Eine einzigartige Situation in 42 Jahren im Schuldienst. Die größte Sorge von Vera Arndt: ein lebenslanger Nachteil für die Jugendlichen der Abschlussklassen.

Andrea Boldt, Dorfladenbesitzerin: "Wie wird das alles werden?"

Andrea Boldt sorgt sich im März um ihre Kunden. Nicht, weil sie wegbleiben. Das Gegenteil ist der Fall. Die Kunden sind gern in ihrem Dorfladen in Bernitt. Vor allem die älteren. Morgens gibt es belegte Brötchen, mittags Bockwurst und Kartoffelsalat. Sie hat jeden zweiten Stuhl in ihrem Laden entfernt, damit der Mindestabstand eingehalten werden kann. Und wer zu Hause bleibt? Der bekommt seine Einkäufe jetzt geliefert. "Viele wollen ja nicht zur Last fallen", sagt Andrea Boldt. "Da muss man manchmal hartnäckig sein."

Andrea Boldt fragt sich, wie es weiter gehen wird. Sie lässt sich überraschen. Und freut sich, dass viele Kunden mehr darüber nachdenken, wo und wie sie einkaufen. "Die Alltagshektik ist raus. Vieles ist ruhiger geworden."

Romy Kohsmund, Unternehmerin: "Man ist fix und fertig"

Hotels dürfen ab März keine Touristen mehr aufnehmen. Die Inseln werden für Gäste gesperrt, die Polizei kontrolliert die Zufahrten nach Rügen, Usedom und Poel. Tourismus im Lockdown: Das trifft auch Romy Kohsmund. Sie betreibt einen Waschsalon und Ferienwohnungsservice in Prerow. 15 Mitarbeiter reinigen hier die Wäsche von Hotels und Ferienhäusern. Alle müssen in Kurzarbeit, so wie 170.000 Beschäftigte im ganzen Land. Als es wieder losgeht, legt Romy Kohsmund einen Kaltstart hin. "Von 0 auf 200 kann man nicht bewältigen", sagt sie. Die Mitarbeiter seien "groggy".

Im Sommer Volllast, doch Ende des Jahres stehen alle Waschmaschinen wieder still. Romy Kohsmund hat keine Arbeit mehr für ihre Leute. Und weiß nicht, wie es weiter gehen soll. Einnahmen oder Soforthilfen für ihren Betrieb: Fehlanzeige.

Bettina Westermann, Kinobetreiberin: "Kultur verschwindet nicht"

Auch Kinos dürfen im Juni 2020 wieder öffnen, unter strengen Auflagen. Anfang November ist wieder Schluss. Auch das Luna Filmtheater in Ludwigslust kämpft ums Überleben. Das Stammpublikum ist  treu geblieben, kauft Gutscheine für die Zukunft, erzählt sagt Bettina Westermann, die das Kino gemeinsam mit ihrem Mann Christian Quis betreibt. Im Oktober wird das Luna 2020 mit dem Kinokulturpreis des Landes ausgezeichnet. 9.750 Euro gibt es dafür. Ein Sonderpreis wird ausgelobt. Ein Bonus, der beim Durchhalten hilft. 

"Kultur verschwindet nicht sang- und klanglos", meint Bettina Westermann. Kino ist anders, ist Gemeinschaft, auch wenn es jetzt eine Zwangspause einlegt. Die Schließung ist für sie ein Akt der Solidarität. Um alle zu schützen.

Wie die Zahl der Infektionen steigt in Mecklenburg-Vorpommern zum Jahresende 2020 auch die der auf Intensivstationen behandelten Covid-19-Patienten. Kurz vor Weihnachten nimmt Mecklenburg-Vorpommern Erkrankte aus Sachsen auf, weil es dort eng wird.

Petra Richter, Angehörige: "Je länger es dauert, desto mehr fehlt das"

Gefährdet sind vor allem alte Menschen in den Pflegeheimen. Mitte Dezember 2020 ist der Besuch nur noch mit negativem Corona-Test möglich. Im Frühjahr müssen Angehörige sogar ganz draußen bleiben. Vier Monate sind die Heime dicht. Kontakt - nur noch durch Plexiglas. "Ich bin seit über 40 Jahren in der Pflege tätig", sagt Pflegedienstleiter Gerd Bekel von pro-persona.care in Neubrandenburg, "aber eine solche Situation habe ich noch nicht miterlebt." Ideen sind jetzt gefragt. Im Betreuten Wohnen in Neubrandenburg werden im Mai Angehörige per Hebebühne hoch zur Dachterrasse gebracht. Für einen Besuch mit sicherem Abstand. Für einen Gruß zum Muttertag.

Für Petra Richter, deren Mutter hier betreut wird, ein unvergessliches Erlebnis. "Umarmungen, körperliche Nähe - je länger es andauert, desto mehr fehlt genau das."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 27.12.2020 | 10:00 Uhr

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