Ein Schild mit der Aufschrift "Universitätsmedizin Rostock" weist auf das entsprechende Gebäude im Hintergrund hin. © dpa-Bildfunk Foto: Bernd Wüstneck

Ausschuss will Akteneinsicht zur Krise an der Uni-Klinik

Stand: 07.09.2021 19:19 Uhr

Es ist Druck im Kessel: Fast sechs Stunden lang haben die Landtagsabgeordneten im Bildungsausschuss den Vorstand und den Aufsichtsrat der Uni-Medizin Rostock (UMR) sowie die zuständige Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) befragt. Es ging um Personalmangel, Engpässe in der Patientenversorgung und die Finanzen. Öffentlich durfte von den Inhalten nichts nach außen dringen, die Sitzung war als streng vertraulich eingestuft.

von Stefan Ludmannn, NDR 1 Radio MV Aktuell

Der Mann, der im Mittelpunkt steht, gab sich auch deshalb wortkarg. Nach seiner Aussage im Ausschuss erklärte der beurlaubte Vorstandschef Prof. Christian Schmidt, er könne sich "wegen des laufenden Verfahrens" nicht äußern. Vielleicht aber könne das zu "einem späteren Zeitpunkt gerne" passieren und dann auch "umfassend". Schmidt ließ damit durchblicken, dass er schon einiges zu sagen hätte. Im Ausschuss soll er mehr als nur Andeutungen gemacht haben. Offenbar geht es ihm darum klarzustellen, dass die Uni-Medizin immer stärker unter dem Spardruck des Aufsichtsrats zu leiden hatte und das es auch frühzeitig Warnungen vor Engpässen Richtung Land gab. Der Chefkontrolleur, Aufsichtsratschef Mathias Brodkorb (SPD), zeigte sich ebenfalls zugeknöpft. Inhalte der Sitzungen seien nicht öffentlich. "Dabei bleibt es auch", wiederholte Brodkorb auf Nachfrage. Er hatte in der Vergangenheit den Sanierungskurs an der defizitären Uni-Medizin verteidigt und er hatte Schmidt als allein Verantwortlichen für die Misere ausgemacht. Auch der amtierende UMR-Chef Prof. Emil Reisinger wollte öffentlich nichts sagen.

Abgeordnete zeigen sich ratlos

Einigermaßen ratlos verließen die Abgeordneten die Sitzung. Der Rostocker CDU-Abgeordnete Daniel Peters beklagte widersprüchliche Aussagen der Beteiligten, hier könne nur eine schnelle Akteneinsicht helfen. Die Mitarbeiter an der Klinik hätten eine schnelle Aufklärung verdient, so Peters. Aufgeklärt werden soll offenbar, wann die Landesregierung von der Misere und dem Personalmangel erfahren hat. Eine offene Frage bleibt auch, ob der Aufsichtsrat einen Sanierungs- und Sparkurs noch mitten in der Corona-Pandemie "durchdrücken" wollte. Der AfD-Abgeordnete Jens-Holger Schneider brachte bereits ein ganz schweres Geschütz in Stellung: Schneider meinte, es sei schon so viel Material zusammen, dass es für einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) reichen würde. Schneider weiß auch, dass ein PUA vor der Wahl in weniger als drei Wochen kaum zu stemmen sein dürfte. Das wäre eine Sache für den neuen Landtag, so der AfD-Parlamentarier.

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Linkspartei: Versäumnisse der Regierung

Der Linksabgeordnete Torsten Koplin sprach von einem "Handlungsdruck". Die Uni-Medizin brauche einen arbeitsfähigen Vorstand, es gehe um ein neues Gesamtkonzept, mit dem Fachkräfte gesichert werden könnten. Außerdem sei der Sanierungsplan mit dem Sparkurs gescheitert - für Koplin eindeutig ein Versäumnis der Landesregierung, sie habe viel zu spät gehandelt. Insgesamt gebe es eine nicht funktionierende Führungskultur. Koplin sieht Defizite zwischen Vorstand, Aufsichtsrat und einzelnen Kliniken. Ein Problem sei auch die Infrastruktur mit vielen über die Stadt verteilten Kliniken. Nötig sei eine "Ein-Campus-Lösung" - also ein zentraler Klinikstandort. Die Schwierigkeiten in der Kindermedizin müssten "vordringlich gelöst" werden, so Koplin.

Ministerin weist Vorwürfe zurück

Die zuständige Bildungsministerin Martin wies die Vorwürfe zurück und stritt eine Mitschuld ab. Sie habe erst am 2. August durch den "Brandbrief" der Chefärzte von der Misere an der Kinderklinik erfahren und dann sofort gehandelt - mit Extra-Millionen für die Kinderklinik. Martin nahm auch Chefkontrolleur Brodkorb in Schutz, der nach Gesprächen offenbar seit Monaten über die prekäre Lage an der Uni-Medizin und speziell der Kinderklinik informiert war. Schon im April 2020 gab es ernste Hinweise. "Ich kann dort kein Verschulden von meinem Aufsichtsratsvorsitzenden erkennen", sagte Martin. Offen bleibt, warum Martin nicht schon nach dem ersten "Brandbrief" der Chefärzte vom März 2021 gehandelt hat. Zudem gab es bereits im November 2020 einen Hilferuf der Uni-Medizin an das Land. Außerdem wurde Martin bereits am 30. Juni 2021 über die Probleme an der Kinderklinik informiert - in einem Gespräch mit Top-Medizinern im Spielsaal der Kinderklinik. Martin behauptete nach der Sitzung des Bildungsausschusses dennoch mehrfach, sie habe erst am 2. August von den Schwierigkeiten erfahren. Auf den Ausschuss könnte noch viel Arbeit zukommen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 07.09.2021 | 06:00 Uhr

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