Stand: 12.12.2019 11:04 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Armutsbericht: In MV gilt jeder Fünfte als arm

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Kampf gegen Armut: Der Wohlfahrtsverband fordert unter anderem eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze. (Archivbild)

30 Jahre nach dem Mauerfall ist die Bundesrepublik nach Einschätzung des Paritätischen Gesamtverbandes ein regional sozial zerklüftetes Land. Der am Donnerstag in Berlin veröffentlichte aktuelle Armutsbericht zeige, dass sich das Land weiter aufspaltet in abgehängte und wohlhabendere Regionen.

Es gebe, so der Paritätische Wohlfahrtsverband, besorgniserregende Armutsentwicklungen in Deutschland. Der Graben verlaufe längst nicht mehr nur zwischen Ost und West. So sei der Süden deutlich wohlhabender als etwa Nordrhein-Westfalen, Ostdeutschland oder der Nordwest-Gürtel von Schleswig-Holstein bis zum Saarland.

Armutsquote in MV liegt bei 20,9 Prozent

In Mecklenburg-Vorpommern gilt dem Bericht zufolge gut jeder fünfte Mensch als arm. Die Armutsquote lag demnach 2018 bei 20,9 Prozent - das sind 1,5 Prozentpunkte mehr als im Jahr davor. Von den 16 Bundesländern hat in Deutschland nur Bremen mit 22,7 Prozent eine noch höhere Armutsquote.

Der Anstieg sei ein besorgniserregendes Signal und müsse ernstgenommen werden, sagte der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Friedrich Wilhelm Bluschke.

Positiver Bundestrend

Der Bundestrend sieht dagegen positiver aus: In Deutschland ist die Armut dem Bericht zufolge leicht zurückgegangen - die Quote sank auf 15,5 Prozent (-0,3 Punkte). Rechnerisch mussten damit 210.000 Menschen weniger als im Vorjahr unterhalb der Armutsgrenze leben. Die bundesweite Armutsquote ging erstmals seit 2014 zurück, liegt aber trotz jahrelang guter Konjunktur fast einen Prozentpunkt höher als vor zehn Jahren.

Das einzige norddeutsche Bundesland, in dem die Quote zurückging (- 0,8), ist Niedersachsen. Das Land liegt mit 15,9 Prozent aber noch über dem Bundesschnitt. Schleswig-Holstein (+ 0,5) und Hamburg (+ 0,6) liegen bei je 15,3 Prozent. Die niedrigste Quote in Deutschland haben Bayern (11,7) und Baden-Württemberg (11,9).

Verband fordert Erhöhung der Hartz-IV-Sätze

Als Maßnahmen gegen Armut fordert der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem Bericht unter anderem eine sofortige Erhöhung der Hartz-IV-Sätze, eine Neubestimmung des Existenzminimums vor allem für Kinder, einen Mindestlohn von 13 Euro und eine Reduzierung des Eigenanteils für Pflegebedürftige.

Die Landesarmutskonferenz in Niedersachsen warnt vor sozialen Spannungen. "Wenn das aktuelle konjunkturelle Hoch einem Tief weicht, wird die Armut wieder steigen", prognostizierte Geschäftsführer Klaus-Dieter Gleitze am Donnerstag. Vor allem die Entwicklung der Mietpreise biete sozialen Sprengstoff.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband Schleswig Holstein mache sich schon seit Jahren für fundamentale Änderungen an den Sozialsystemen stark, sagte Michael Saitner NDR 1 Welle Nord: "Das reicht von einer echten Kindergrundsicherung bis hin zu einer Anhebung des Mindestlohns."

Wer ist arm?

Als arm gilt dem Bericht des Verbands zufolge, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Für einen Single sind das 1.035 Euro, für einen Alleinerziehenden mit einem unter 14-jährigen Kind etwa 1.350 Euro und für eine vierköpfige Familie rund 2.200 Euro. Eingerechnet wird das gesamte Nettoeinkommen des Haushalts inklusive Wohngeld, Kindergeld, Kinderzuschlag oder sonstiger Zuwendungen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 12.12.2019 | 06:00 Uhr

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