Amtsärztin Ute Siering: "Ich bin urlaubsreif"

Stand: 20.06.2021 15:12 Uhr

Wie geht es uns? Was brauchen wir jetzt? Um über den zweiten Sommer in der Pandemie zu kommen und gemeinsam Wege aus der Krise zu finden? Corona und wir in MV: Über Monate hat der NDR in Mecklenburg-Vorpommern Menschen aus dem Land begleitet und nachgefragt, wie sie die Zeit zwischen Winter 2020 und Sommer 2021 erlebt haben.

von Thomas Naedler

Wir passen Ute Siering kurz vor ihrem Urlaub ab. Noch einmal setzt sich die Chefin des Gesundheitsamtes im Kreis Ludwigslust-Parchim für uns in den großen Kreistagssaal im Landratsamt in Ludwigslust, hier haben wir sie schon mehrfach getroffen - für "Corona und wir" - aber auch für den Podcast Dorf Stadt Kreis mit dem Titel "Leben in der Lage". Ute Siering kann und will nicht verbergen, wie sehr die letzten Monate sie gefordert haben: "Die erste Hälfte des Jahres war wirklich sehr, sehr anstrengend, das merkt man doch. Ich bin urlaubsreif."

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"Ich bin Optimistin, nach wie vor"

Mit mehreren größeren Corona-Ausbrüche musste der Kreis Ludwigslust-Parchim in der dritten Welle der Pandemie umgehen, vor allem in Betrieben grassierte das Virus. Für das Gesundheitsamt bedeutete das einen enormen Druck, die Mitarbeiter mussten innerhalb kürzester Zeit herausfinden, wie genau die Infektionen passieren konnten und wenn es um Strategien ging, die Ketten zu brechen, saßen die Mitarbeiter von Ute Siering immer zwischen den Stühlen: in erster Linie war ihr Ziel natürlich, dass sich möglichst wenig Menschen anstecken, auf der anderen Seite war Augenmaß gefragt, hingen doch die Arbeitsplätze vieler Menschen auch von der Arbeit des Gesundheitsamtes ab. Mit Blick auf den Sommer freut sich Ute Siering über die Hoffnung, die allerorten zu spüren ist: "Sorglos sollten wir nicht sein, aber wir haben viele Menschen geimpft und viele sind genesen - es kann nur besser werden."

Trauer im Blick zurück

Wenn Ute Siering an den Anfang dieses Corona-Jahres denkt, wird sie leiser. Da hatten sie und ihre Mitarbeiter es mit vielen schweren Verläufen zu tun, in den Pflegeheimen gab es Todesfälle und dennoch kam eine Zeit, da riefen viele Verantwortliche nach Lockerungen. Ute Siering formuliert es zurückhaltend: "Das war für uns ein bisschen unverständlich. Wir haben gesagt, bloß nicht so schnell, das geht nach hinten los." Lieber wäre ihr gewesen, sie hätte mit dieser Prognose Unrecht gehabt.

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"Ich brauche für meine Kollegen Zeit der Erholung"

Was brauchen wir jetzt, haben wir Ute Siering, wie alle anderen gefragt. Und mit dem Blick auf ihre Arbeit lässt sie keinen Zweifel daran, wie sehr die vergangenen Monate ihre Kollegen geprägt haben. "Wir müssen wieder lernen, auch mal abzuschalten, damit wir wieder das Alltagsgeschäft schaffen und nicht immer nur im Feuerwehrmodus arbeiten." Mit Blick auf die Gesellschaft hofft Ute Siering auf Rücksicht, denen gegenüber, die anfälliger sind und weiterhin geschützt werden müssen. Das sei doch ein Lerneffekt dieser Zeit, von dem hoffentlich etwas übrig bleibt. Angesichts der zum Teil unversöhnlichen, der hitzig geführten Debatten rund um die Pandemie, sagt die Amtsärztin: "Ich hoffe auf Toleranz, anderen Meinungen gegenüber. Aber manchmal schämt man sich auch für, ich sage mal, so Sachen, die dann in die Welt gestellt werden, ohne Sinn und Verstand. Wenn dann absolut falsche Sachen in die Öffentlichkeit kommen und viele Gutgläubige dem hinterherlaufen, das ist so etwas, wo man sagt, oh, was haben wir in der Schule gelernt, und das tut auch weh."

Hygienekonzepte prüfen - Garten pflegen - Enkel besuchen

Eine ruhige Zeit hat das Gesundheitsamt im Kreis Ludwigslust-Parchim auch jetzt noch nicht. Alle Kulturveranstalter, alle Gastronomen und Touristiker wollen mit ganzer Kraft in die Saison starten, dafür müssen Konzepte geprüft und deren Umsetzung kontrolliert werden. Und das Gesundheitsamt hat ja auch darüber hinaus noch Aufgaben, die in der Pandemie etwas in den Hintergrund getreten waren. Doch all dem zum Trotz: Ute Siering hat jetzt erstmal Urlaub. Ihr Garten ist ihr Rückzugsort, ihre Kinder und Enkelkinder hat sie viel zu selten gesehen in den vergangenen Monaten. Ihr Gesundheitsamt weiß sie in guten Händen, die Zeit hat alle zusammen geschweißt und auch in der gesamten Kreisverwaltung ein Bewusstsein dafür wachsen lassen, das vieles möglich ist, wenn alle zusammen arbeiten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 14.06.2021 | 05:00 Uhr

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