Stand: 18.07.2020 12:19 Uhr

Wünschewagen rollt nach Corona-Pause wieder

Was bleibt am Ende eines Lebens? Was ist der letzte Wunsch? Ein Zoobesuch, ein Tag am Meer oder ein Besuch bei der Verwandtschaft - vieles ist für schwerkranke Menschen und ihre Familien aus eigener Kraft nicht mehr möglich. Dafür gibt es den Wünschewagen vom Arbeiter-Samariter-Bund. Nach einer Corona-bedingten Zwangspause fährt er nun wieder.

von Wiebke Neelsen

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Richard Bielefeldt besucht noch einmal seinen früheren Arbeitsplatz und seine Kollegen.

Punkt 12 Uhr am Seiteneingang von Hagenbecks Tierpark: Der Letzte-Wünsche-Wagen wird schon erwartet. An Bord heute: Richard Bielefeldt, 69 Jahre alt, ehemaliger Portier im Tierpark. Mehrere seiner Arbeitskolleginnen und -kollegen sind extra an ihren freien Tagen gekommen, um Richard Bielefeldt noch einmal zu sehen. Denn er hat Krebs im Endstadium und ist schon sichtlich geschwächt, kann nur noch liegend transportiert werden. Aber er hat noch eine Mission: "Das ist mein letzter Tag und deshalb wollte ich nochmal in den Zoo kommen. Alles noch mal besuchen, alles noch mal sehen, die Modernisierungen und so weiter und so fort."

Unterstützt und begleitet wird Bielefeldt von zwei Ehrenamtlichen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), die die Wünsche-Fahrt begleiten. Sie transportieren ihn in einem Rettungswagen, helfen ihm aus dem Fahrzeug in den Rollstuhl, könnten zur Not auch Sauerstoff geben oder andere medizinische Hilfe leisten.

Intensivkrankenschwester hilft ehrenamtlich

Eine der Ehrenamtlichen ist Hannah Karner. Die 24-Jährige arbeitet als Intensivkrankenschwester und seit anderthalb Jahren ehrenamtlich für das Projekt - an ihren freien Tagen, wenn es sich mit den Schichten im Krankenhaus vereinbaren lässt. "Ich finde es einfach ganz spannend zu sehen, dass es so Kleinigkeiten sind, die die Leute als letzten Wunsch haben wollen. Wenn man nicht in der Situation steht, denkt man sich, dass man 'ne große Reise machen will oder auf einen anderen Kontinent möchte. Aber häufig ist es so was wie: Noch mal in den eigenen Garten kommen oder einfach nochmal das Wasser sehen."

Oder wie im Fall von Richard Bielefeldt - noch einmal ins Elefantenhaus - und vor allem seine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen treffen: "Na mein Jung? Hallo Richard!"

ASB hat schon 80 letzte Wünsche in Hamburg erfüllt

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In Hamburg ist der Wünschewagen seit drei Jahren unterwegs.

Seit drei Jahren gibt es den Wünschewagen in Hamburg. Seitdem habe er rund 80 letzte Wünsche erfüllt - kostenlos, wie Projektkoordinatorin Annett Habermann berichtet. Der Wagen ist komplett spendenfinanziert. In den vergangenen Wochen, als viele Corona-bedingt zu Hause bleiben mussten und auch die Besuche in Pflegeheimen und Hospizen eingeschränkt bis unmöglich waren, konnte der Wagen nicht fahren: "Da hat uns wirklich das Herz geblutet, wir mussten ja wirklich während des Lockdowns auch Fahrten absagen."

Stattdessen haben die Ehrenamtlichen Wünsche aus der Ferne erfüllt: Zum Beispiel einer älteren Dame ein Päckchen mit Strandsand, Ostseewasser und Muscheln geschickt: "Da haben wir dann von der Tochter Rückmeldung bekommen, dass das natürlich nicht wirklich an der Ostsee sein bedeute, aber es habe sie trotzdem sehr gefreut."

Schlagermove, Konzerte und Sport-Events müssen warten

Seit Anfang Juni fährt der Wagen wieder unter Beachtung der geltenden Corona-Regeln - und war seitdem auch schon am Meer. Doch noch immer geht nicht alles. Besuche von Fußballspielen und Konzerten sind nicht möglich. Vor Corona waren dies häufige Wünsche: "Gerade Menschen, die noch mal mitten ins Leben wollten. Wir waren beim Schlagermove, wir waren bei Punk-Konzerten, bei Eishockey-Spielen - das fällt natürlich jetzt weg."

Richard Bielefeldt hat sein Ziel bei Hagenbeck erreicht

Auch schon vor Corona war es aber so, dass etwa ein Drittel der geplanten Wünschewagen-Fahrten kurzfristig abgesagt werden musste - weil der kranke Mensch vorher starb oder die Kraft an dem Tag einfach nicht reichte. Und auch Richard Bielefeldts letzter Ausflug zum Tierpark Hagenbeck endet schon nach einer knappen Stunde. Er hat Schmerzen. Er möchte nach Hause. Sein Ziel, sich von seinen Kolleginnen und Kollegen zu verabschieden, hat er aber erreicht.
"Tschüss, mein Lieber! Ciao! Bye-bye!“

Weitere Informationen
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NDR Talk Show

Wunscherfüller Christian Wapenhensch und Ramona Kühne

NDR Talk Show

Menschen in ihrer letzten Lebensphase Glück und Freude schenken - das ist die Mission der ASB-Wünschewagen. Was sie dabei erleben, erzählen Christian Wapenhensch und Ramona Kühne. Video (18:15 min)

Dieses Thema im Programm:

Infoprogramm | 18.07.2020 | 09:49 Uhr

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