Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Virologin Ciesek über Omikron-Welle: Jeder Tag zählt

Stand: 21.12.2021 17:00 Uhr

Die Infektionszahlen in Deutschland fallen. Doch weil sich die neue Omikron-Variante rasend schnell ausbreitet, sind schärfere Corona-Maßnahmen überfällig. Ein schwer aufzulösendes Paradoxon, sagt die Virologin Sandra Ciesek. Denn: "Es zählt eigentlich jeder Tag."

von Ines Bellinger

Geimpft, geboostert - und nun kommt Omikron. Experten sprechen wahlweise von einer "Welle" oder einer "Wand", die mit der neuen Coronavirus-Variante auf uns zurollt. Gut zu beobachten bereits in Nachbarländern wie Dänemark oder den Niederlanden, wo sich die Zahl der Infizierten mit der Mutante bereits alle zwei Tage verdoppelt. "Mir fällt kein guter Grund ein, warum das in Deutschland anders sein sollte", sagt Ciesek in der neuen Folge des NDR Info Podcasts Coronavirus-Update.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Weihnachten mit Omikron (96 Min)

Um Weihnachten herum, so haben es Modellierer errechnet, wird B.1.1.529 wohl auch in Deutschland die vorherrschende Corona-Variante sein. Doch weil die Feiertage bevorstehen und Gesundheitsämter und Labore nicht so arbeiten wie an normalen Werktagen, werden wir uns nach Einschätzung von Ciesek lange in einer Art "Blindflug" bewegen und das mögliche Ausmaß der Omikron-Ausbreitung spät erkennen. "Erst Anfang, Mitte Januar werden wir sehen, wie die Lage wirklich ist", sagt die Direktorin der Medizinischen Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt/Main.

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Expertenrat und RKI mahnen

Der neue Expertenrat der Bundesregierung hat in einem eindringlichen Appell auf eine neue Dimension im Pandemiegeschehen und die Möglichkeit einer explosionsartigen Ausbreitung von Omikron hingewiesen, weil zu den Haupteigenschaften der mit mehr als 50 Mutationen gespickten Variante gehört, dass sie auch Geimpfte und Genesene infizieren kann. Das Robert Koch-Institut (RKI) hat "maximale Kontaktbeschränkungen" ab sofort gefordert. Dass der volle Ernst der Lage dennoch nicht von jedem erkannt wird, hängt auch mit dem sichtbaren Teil der derzeitigen Entwicklung des Infektionsgeschehens in Deutschland zusammen: Die bundesweiten Zahlen sinken. Es ist ein Effekt vorangegangener Maßnahmen, obwohl längst schärfere nötig wären. Und es ist nur der noch vorherrschende Delta-Anteil, der zurückgeht, während die Omikron-Variante davon verdeckt schon zulegt.

Präventions-Paradoxon hat uns eingeholt

Das Präventions-Paradoxon hat uns wieder eingeholt. "Medizinisch und gesundheitspolitisch müsste man präventiv reagieren. Aber die Gerichte sagen: Solange sich die Zahlen nicht verschlechtern, lassen sich Verschärfungen nicht begründen", sagt Ciesek. "Wie man das auflösen soll, ist mir unklar." Umso wichtiger sei es, dass jeder selbst vorbeugend handele. Gerade zu Weihnachten und zum Jahreswechsel. Die Virologin wiederholt, worauf sie bereits vor einem Jahr hingewiesen hat: "Wichtig ist, dass jeder für sich überprüft: Welche Kontakte sind essenziell? Und dass man auch das Reisen als potenzielle Infektionsquelle sieht und es reduziert. Dass man zum Jahreswechsel einfach ein paar Gänge zurückschaltet."

Aufgrund der Dynamik, die das Infektionsgeschehen unter Omikron in anderen Ländern bereits zeigt, steigt auch hier täglich das Risiko einer Ansteckung mit der Omikron-Variante, so Ciesek. Und stabile Daten für insgesamt milde Verläufe sieht sie derzeit nicht. Ihr Rat: Für einen besseren Schutz sollte man vorzugsweise FFP2-Masken tragen und Abstand, Lüften und Hygieneregeln weiter praktizieren, wie im Laufe vieler Monate gelernt. Und mit Antigentests ein zusätzliches Netz einziehen, zum Beispiel bei Besuchen in Pflegeheimen. Das gilt auch für dreifach Geimpfte und obwohl Schnelltests immer nur eine Momentaufnahme bleiben.

Arbeitsleben: Kleingruppen bilden, Funktionsfähigkeit erhalten

Ein besonderes Augenmerk sollte aus ihrer Sicht in den kommenden Wochen auf die Arbeitswelt gelegt werden, gerade in Bereichen, in denen der Betrieb zwingend aufrechterhalten werden muss, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Strom- und Wasserversorger. "Ich kann nur jedem Arbeitgeber raten, sich Gedanken zu machen, wie man sicherstellt, dass es kleine Gruppen gibt, die sich möglichst wenig begegnen. Damit, wenn jemand ausfällt, die Funktion gesichert werden kann durch ein anderes Team", sagt Ciesek.

Booster unterstützt auch gegen Omikron

Nicht zuletzt hofft die Wissenschaftlerin, dass sich noch mehr, vor allem Ältere, für das Impfen entscheiden. Vielerorts bleiben Impfstellen auch über den Jahreswechsel offen. Gerade hat die Ständige Impfkommission (Stiko) empfohlen, Booster schon ab drei Monate nach der zweiten Impfung einzusetzen. Ciesek sieht es als gutes Zeichen, dass bereits ein Drittel der Gesamtbevölkerung einen Booster erhalten hat. Omikron ist zwar in der Lage, auch das Immunsystem Geimpfter und Genesener auszutricksen. Mehrere Laborversuche weltweit haben jedoch gezeigt, dass eine dritte Dosis den Schutz auch gegen Omikron wieder erhöht - wenngleich nicht im selben Maße wie bei Delta. Das Ergebnis in Cieseks Frankfurter Labor: Im Abstand von zwei Wochen nach einem Biontech-Booster war der Immunschutz gegen die Delta-Variante nahezu vollständig intakt, gegen Omikron lag die Schutzwirkung zwischen 58 und 78 Prozent.

Auch Booster-Wirkung nimmt mit der Zeit ab

"Unsere Daten sind ein Hinweis darauf, dass dieser Booster extrem wichtig und auch extrem effizient ist, weil der Schutz gegen Delta, aber auch gegen Omikron deutlich erhöht werden kann", sagt Ciesek. Zugleich betont sie die Notwendigkeit, eine langfristige Strategie im Blick zu behalten: "Man muss sich Gedanken machen: Was passiert danach?" Ihre Laborversuche in Zellkultur haben auch gezeigt, dass der Booster-Effekt nicht ewig anhält, dass der Antikörperspiegel mit der Zeit erneut absinkt. Die Seren von Krankenhaus-Mitarbeitenden wiesen drei, vier Monate nach dem Booster nur zu 85 Prozent einen robusten Schutz gegen Delta auf. Jedoch bildeten sich nur noch in 25 Prozent der untersuchten Proben neutralisierende Antikörper gegen die Omikron-Variante.

Hundert Prozent Sicherheit gibt es nicht

Für Ciesek folgt daraus, dass schon bald so drängende Fragen beantwortet werden müssen wie: Impft man Geboosterte nach einem halben Jahr erneut? Oder ist das Risiko für eine schwere Erkrankung nach drei Dosen so gering, dass man lieber auf ein für Omikron optimiertes Impfstoff-Update wartet? "Auch ein Booster wird wohl nicht dauerhaft vor einer Infektion schützen." Es werde immer wahrscheinlicher, dass alle irgendwann auf das Virus treffen.

"Wenn man sich anschnallt und einen Airbag hat, dann ist das das, was man machen kann und ein guter Schutz. Aber wenn ich mit hundert gegen eine Mauer fahre, wird mir das auch nichts nutzen." Sandra Ciesek über das Navigieren durch die Corona-Pandemie

Auf diesen Zeitpunkt X könne man sich einfach nur so gut wie möglich vorbereiten, sagt die Virologin und vergleicht das Navigieren durch die Pandemie mit dem Autofahren: "Wenn man sich anschnallt und einen Airbag hat, dann ist das das, was man machen kann und ein guter Schutz. Aber wenn ich mit hundert gegen eine Mauer fahre, wird mir das auch nichts nutzen." Eine hundertprozentige Sicherheit gebe es nicht.

Novavax: Weniger potent als mRNA-Impfstoff

Auch nicht mit dem frisch zugelassenen Impfstoff Novavax, dem ersten Corona-Vakzin, das nach dem Prinzip konventioneller Impfstoffe funktioniert und auf das angeblich viele Impfskeptiker gewartet haben. Bei dem Protein-Präparat muss der Körper das Spike-Protein des Coronavirus nicht selbst nachbauen wie bei mRNA-Impfstoffen. Es wird künstlich hergestellt und in Form winziger Partikel injiziert. Der Körper erkennt die Proteine als fremd und fährt als Reaktion das Immunsystem hoch. Die Wirksamkeitsdaten der Zulassungsstudie sahen gut aus, allerdings wurden die Daten ohne die Delta- und natürlich auch ohne die Omikron-Variante erhoben. "Aus immunologischer Sicht muss man auch sagen, dass der Impfstoff nur wenige Teile des Immunsystems anregen kann. Er ist weniger potent als ein mRNA-Impfstoff", urteilt Ciesek. Da das Vakzin hauptsächlich auf die Antikörper-Antwort im Körper ausgerichtet ist und weniger auf die zelluläre Immunantwort, die für den Schutz gegen schwere Verläufe entscheidend ist, bleibe abzuwarten, wie effektiv Novavax nach einer gewissen Zeit noch sein wird.

Hinweis: Die nächste reguläre Folge des Coronavirus-Update wird am 4. Januar 2022 veröffentlicht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 21.12.2021 | 17:00 Uhr

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