Stand: 27.08.2015 06:00 Uhr

Proteste gegen Tierversuchslabor in Wohngebiet

von Peter Hornung

In der NDR Info Serie "Hörer fragen - Reporter recherchieren" geht es diesmal um die Frage: Warum kann man ein Tierversuchslabor in einem Wohngebiet in Hamburg-Neugraben nicht schließen?

Stacheldrahtzaun des Tierversuchslabors gegenüber von Wohnhäusern in Hamburg-Neugraben © NDR Foto: Peter Hornung
Mitten im Wohngebiet: das Tierversuchslabor LPT in Hamburg-Neugraben.

"L-P-T...Tiermörder!", skandieren Tierversuchsgegner im Hamburger Stadtteil Neugraben. Sie stehen vor dem Labor für Pharmakologie und Toxikologie, abgekürzt LPT. Das Labor führt seit Jahrzehnten Tierversuche für die Pharmaindustrie durch - in Hamburg, aber auch an Standorten in Schleswig-Holstein und Niedersachsen. In Mienenbüttel zum Beispiel, nur 15 Kilometer von Neugraben entfernt: "Jetzt stehen wir am hinteren Teil der Anlage in Mienenbüttel und das ist direkt vor dem Beagle-Zwinger", erklärt Sabine Brauer von der Lobby pro Tier: "Hier leben in Zwingern einige Hundert Beagle, die dann für Tierversuche gebraucht werden."

Tausende Mäuse sterben bei der Produktion von Botox

Sabine Brauer engagiert sich seit sechs Jahren gegen das LPT - vor allem mit Mahnwachen vor dem Labor. Ein wichtiges Thema für sie ist die Tötung von Mäusen bei der Produktion des Nervengifts Botox, das als Medikament, aber auch in der Kosmetik eingesetzt wird: "Für jede hergestellte Charge wird neu getestet, und es sterben jährlich zigtausend Mäuse nur für diesen Stoff." Das LPT zu schließen - diese Forderung radikaler Tierversuchsgegner unterstützt sie aber so nicht: "Dafür gibt es keine Begründung. Wir brauchen Medikamenten- und Chemikalientests. Und es ist ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Das darf auch gerne Geld verdienen. Aber es soll das Geld ohne Tiere verdienen."

Bei Kontrollen keine größeren Beanstandungen

Reporter Peter Hornung (l.) interviewt mehrere Tierversuchsgegner. © NDR Foto: Sabine Brauer
Die Tierversuchsgegner im Gespräch mit NDR Info Reporter Peter Hornung (l.).

Diese Tierversuche jedoch, schreibt das LPT an NDR Info, "... werden vom deutschen und europäischen Gesetzgeber gefordert und sind im Arzneimittelgesetz festgelegt". Zudem nutze man Alternativen zum Tierversuch, es seien aber nur wenige freigegeben. Die zuständigen Aufsichtsbehörden äußern sich zum LPT speziell nicht. Sie verweisen auf den Datenschutz und Betriebsgeheimnisse des Unternehmens. Doch aus Kreisen der Behörden mehrerer Bundesländer erfuhr NDR Info, dass es bei regelmäßigen Kontrollen keine größeren Beanstandungen gebe.

Schließung des Labors kein Thema

Im Falle der umstrittenen Tests für die Botoxproduktion schaue man aber genau hin. Sobald ein großer deutscher Hersteller wie angekündigt einen tierversuchsfreien Test im Herbst einführe, könnten Tierversuche für Botox verboten werden - mit Folgen für das LPT. Das Labor aber zu schließen - das sei gar nicht das Thema, sagt auch Sven Ihling, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses Hamburg-Harburg der Partei Die Linke: "Für uns ist es auch gar nicht so entscheidend: Wir schließen den Laden. Für uns ist es entscheidend zu sagen: Was da vorgeht, muss auf jeden Fall transparent sein."

Lobby von Tierversuchsgegnern größer als von Kranken

Tatsächlich: Das LPT igelt sich seit Jahren ein, es herrscht eine Art Wagenburgmentalität, konkrete Fragen werden von dem familiengeführten Unternehmen nicht oder nur ausweichend beantwortet. "Der mediale Einfluss der gesunden lautstark organisierten Tierversuchsgegner ist weitaus größer als der Einfluss von unheilbar Kranken, die keine wirkliche Lobby haben", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme für NDR Info.

Transparenz ist offenbar das Problem

Auch für die Tierversuchsgegner sei es schwierig, zuverlässige Informationen zu bekommen, sagt Sabine Brauer von der Lobby pro Tier: "Das einzige, was wir herausbekommen haben, ist, dass kein Tier das Labor lebend verlässt." Transparenz ist offenbar das Problem. Ob die Inhaber, die Hamburger Familie Leuschner, eine verschärfte öffentliche Diskussion über Tierversuche fürchten, wenn sie Licht ins Dunkle ließen? Die NDR Info-Recherchen ergaben jedenfalls, dass es zwei weitere Standorte gibt, die bislang nicht im Fokus der Tierschützer waren: im schleswig-holsteinischen Kreis Plön und in Südfrankreich. Dort, in der Provence, auf einem Bioweingut der Familie ist merkwürdigerweise auch eine Firma namens LPT registriert. Eine frühere Internetseite des Hamburger Labors zeigte auch ein Bild dieses Weinguts. Ob dort ebenfalls Tierversuche stattfinden - dazu gibt es keine Antwort von LPT.

Fazit der Recherche: Das Tierversuchslabor zu schließen, dafür gibt es anscheinend keine Handhabe. Umso mehr gibt es Gründe auch für NDR Info, Fragen zu stellen und weiter zu recherchieren.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 27.08.2015 | 07:20 Uhr

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