Stand: 28.11.2019 18:57 Uhr

Pro und Kontra: Dienstpflicht für alle sinnvoll?

Junge Menschen, die sich nach der Schule für ein Jahr in den Dienst der Gemeinschaft stellen - bei der Bundeswehr, beim THW oder auch in der Pflege. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer lässt bei ihrem Vorschlag einer allgemeinen Dienstpflicht nicht locker. Am Donnerstag gab es dazu ein "Werkstattgespräch" in der CDU-Parteizentrale.

Anita Fünffinger (BR) und Sabine Henkel (WDR), beide im ARD-Hauptstadtstudio tätig, haben dazu unterschiedliche Ansichten. Wie ist Ihre Meinung? Schreiben Sie uns - unten auf dieser Seite.

Pro

"Was lässt einen Menschen wachsen? Aufgaben, die erst einmal nicht attraktiv erscheinen", sagt Anita Fünffinger.

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Junge Leute müssten spüren, wie gut es ihnen geht, meint Anita Fünffinger.

Wer ist denn eigentlich der Staat? Die Politiker da oben, das Finanzamt, die Rentenversicherung, ja und wir, die Gesellschaft. Wir alle, wir Bürger des Staates. Und wir haben ein Problem: Uns geht langsam, aber sicher die Solidarität verloren. Das, was Deutschland mal ausgemacht hat, ist immer seltener spürbar: für einander einzustehen.

Es gibt Menschen, die haben das nicht mehr gelernt, zu Hause nicht und in der Schule auch nicht. Weil ihnen gesagt wurde: "Du und dein persönliches Vorankommen stehen ganz vorne. Dafür tun wir alles, wir Eltern, wir Politiker." Die Devise war klar. Junge Menschen sollten früher mit der Schule fertig sein, schneller studieren, damit sie möglichst schnell in das Berufsleben einsteigen können.

Heute wissen wir: Der Bachelor hat nicht alles besser gemacht. Die Wirtschaft beklagt nicht nur die schulische, sondern vor allem auch die persönliche Unreife vieler Jugendlicher. Was lässt einen Menschen wachsen? Aufgaben, die erst einmal nicht attraktiv erscheinen: ein Jahr lang im Altersheim Bettpfannen wechseln, sich ein Jahr lang in der Obdachlosenhilfe die Geschichten von Alkoholikern anhören.

Ja warum? Damit die vielen, die solche Probleme nicht haben, spüren, wie gut es ihnen geht und dass hier in dieser Gesellschaft niemand fallen gelassen wird. Selbst merkt das nur derjenige, der Hilfe braucht, und die anderen müssen es lernen - mit einer Dienstpflicht, die ordentlich bezahlt werden muss und sich damit auch ordentlich in der Rente niederschlägt, in der Dienst am Menschen ein Dienst für uns alle ist: für die Gesellschaft, als Teil des Staates - und das sind wir.

Kontra

"Die junge Generation wird noch genug für die Solidargemeinschaft leisten müssen", meint Sabine Henkel.

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Verpflichtete Schülerinnen und Schüler seien kein Ersatz für Fachkräfte, so Sabine Henkel.

Eine Dienstpflicht, die das Ehrenamt entlasten soll. Klingt gut, klingt schön. Ist aber komplett daneben. Denn was bringt wohl Verpflichtung zum Dienst am Menschen? Wer Kinder hütet, Alte pflegt oder Behinderte betreut, sollte ja wohl ein Mindestmaß an sozialer Kompetenz mitbringen. Überprüft das in diesem Fall jemand? Nein.

Der Vorschlag einer Arbeitspflicht in einer sozialen Einrichtung gehört in den Papierkorb. Das Ganze ist zum Scheitern verurteilt, denn wer wird schon motiviert ins Altenheim gehen, wenn er muss, aber nicht will? Alte Menschen füttern, Windeln wechseln, Nachttöpfe leeren. Wer das macht, sollte verantwortungsbewusst, geduldig und belastbar sein. Die Jobs sind schlecht bezahlt, undankbar und überaus anstrengend; deshalb fehlen so viele Fachkräfte. Verpflichtete Schülerinnen und Schüler können diese Fachkräfte auch nicht ersetzen.

Abgesehen davon haben Schutzbedürftige ein Recht auf qualifiziertes Personal. Das aber müsste sich dann auch noch um die Dienstpflichtigen kümmern, was Zeit kostet, die dann für die eigentliche Arbeit fehlt. Die junge Generation soll der Gesellschaft etwas zurückgeben, sagen die Befürworter der Dienstpflicht. Für was denn?

Die junge Generation wird noch genug für die Solidargemeinschaft leisten müssen, wenn die Rentenkasse kollabiert. Es ist wichtig, dass Kramp-Karrenbauer sich Gedanken über den Zerfall der Gesellschaft macht. Die Dienstpflicht ist allerdings keine Lösung, sondern Unsinn.

Dieses Thema im Programm:

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