Stand: 15.09.2019 14:25 Uhr

Neue Fangquoten: Ostseefischerei vor dem Aus?

von Hendrik Backhus
Ostseefischer bangen um ihre Existenz.

Mitte Oktober werden die EU-Fischereiminister in Brüssel die Fangmenge 2020 für die Ostsee festlegen. Drastische Einschnitte sind zu erwarten. Dorsch und Hering sind die sogenannten Brotfische der Küstenfischer, machen einen großen Teil ihres Fanges und Umsatzes aus. Der Vorschlag der EU-Kommission sieht jetzt eine radikale Reduzierung der Fangmenge für Dorsch in der westlichen Ostsee um 68 Prozent, bei Hering um 71 Prozent vor. Zudem ist in dem Gebiet östlich von Rostock sogar ein komplettes Dorschfangverbot mehr als sechs Seemeilen von der Küste entfernt geplant.

Der Deutsche Fischereiverband geht in einer ersten Stellungnahme davon aus, dass "viele Betriebe diese extremen Kürzungen nicht mehr verkraften. Diese würden pleitegehen, und die nachgelagerten ökonomischen Strukturen irreversibel zerstört werden", so die Einschätzungen des Verbands.

Quoten schon in den vergangenen Jahren rückgängig

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Zu DDR-Zeiten waren noch Massenfänge möglich.

Vor allem die Heringsfischer hatten schon in der Vergangenheit mit stark reduzierten Fangquoten zu kämpfen. Wurden zu DDR-Zeiten noch jährlich bis zu 50.000 Tonnen an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns angelandet, sollen 2020 nur noch 1.462 Tonnen gefangen werden dürfen. Auch die regionale, fischverarbeitende Industrie lässt sich so wohl nur schwer weiterbetreiben, Arbeitsplätze sind gefährdet. Ähnliches gilt in Schleswig-Holstein.

Unverständnis bei den Fischern

Bruno Böhrk ist Stellnetzfischer und Vorstandsvorsitzender der Fischereigenossenschaft Fehmarn eG. Auch er kann die Pläne aus Brüssel nicht verstehen, sieht seine Existenz bedroht: "Unsere kleine Flotte ist doch gar nicht mehr in der Lage, irgendwas zu überfischen. Deshalb ist das ein Armutszeugnis für die gesamte EU-Fischereipolitik. Wenn Nachhaltigkeit bedeutet, alle Quoten zu senken, bis irgendwann eine Null dasteht, dann kann das kein Mensch mehr nachvollziehen." In Mecklenburg-Vorpommern sind 237 Haupterwerbsfischer betroffen, in Schleswig-Holstein 206.

Weniger Dorsch auch für Angler

Dürfen Angler in diesem Jahr noch täglich sieben Dorsche fangen und entnehmen, soll dieses sogenannte Baglimit 2020 auf nur noch zwei Fische reduziert werden. Das könnte auch Folgen für den örtlichen Tourismus haben. So würden viele Angelkutter ihren Betrieb einstellen, auch Bootsvermieter oder Angelgeschäfte müssten mit Umsatzverlusten rechnen, so der Fischereiverband. Die Aussicht nur noch zwei Fische fangen zu dürfen, würde viele Angler künftig von einem Ostsee-Besuch abhalten.

Auch Klimawandel verantwortlich

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"Der Hering hat ein Nachwuchsproblem", sagt Uwe Krumme vom Thünen-Institut in Rostock.

Für die kontinuierlich sinkenden Fischbestände in der Ostsee ist nicht nur die Fischerei verantwortlich. So habe der Hering vor allem ein Nachwuchsproblem, weil sich die Boddengewässer im Frühjahr in den vergangenen Jahren zeitiger erwärmen, so der Wissenschaftler Uwe Krumme vom Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock. Die Fische würden mittlerweile deutlich früher im Jahr laichen, das dringend benötigte Planktonfutter stehe dann aber noch nicht vollständig zur Verfügung. Viele Jungfische würden so einfach verhungern.

Beim Dorsch sehe das Ganze etwas anders aus, die Bestände seien in den letzten 20 Jahren regelmäßig überfischt worden, so Krumme. Vor allem in der östlichen Ostsee machten sich zudem ökologische Veränderungen bemerkbar. Überdüngung sorge für Sauerstoffmangel in den tieferen Becken, mit negativen Auswirkungen auf die Laichbedingungen, das Nahrungsangebot und zu erhöhtem Befall mit Leberparasiten. All dies führe in der Summe zu stark verlangsamten Wachstum und verringerter Produktivität des Ostdorschbestandes.

Fischerei ohne Zukunft?

Den Fischern an der Ostsee stehen mit den neuen Fangquoten die härtesten Einschnitte der vergangenen Jahrzehnte bevor. Und auf absehbare Zeit wird es offenbar deutlich weniger "Brotfisch" in der Ostsee geben, um eine rentable Fischerei in der jetzigen Form aufrechtzuerhalten. Auf politischer Ebene wird bereits seit Längerem über Abwrackprämien für stillgelegte Kutter nachgedacht. Wissenschaftler Krumme sieht für die Politik in der jetzigen Situation aber auch eine "Chance zur notwendigen Gesundschrumpfung", um künftig nachhaltig mit der natürlichen Ressource Ostseefisch umzugehen.

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NDR//Aktuell | 16.09.2019 | 14:00 Uhr