Szene in einer  Intensivstation © picture alliance/dpa Foto: Fabian Strauch

Nach MPK-Beschluss: Verwirrung um Hospitalisierungsinzidenz

Stand: 20.11.2021 08:00 Uhr

Das Timing könnte nicht schlechter sein: Gerade jetzt, da die vierte Corona-Welle über das Land schwappt, bräuchte es klare und einheitliche Regeln, von denen sich strengere Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung ableiten lassen. Doch die jüngst in der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) beschlossenen neuen Schwellenwerte werden in einigen Bundesländern wohl eher Verwirrung stiften.

von Marvin Milatz und Isabel Lerch

Denn viele Bundesländer haben bereits vor Wochen angefangen, eigene Hospitalisierungsraten zu veröffentlichen, die sich von der vom Robert Koch-Institut veröffentlichten Rate teils drastisch unterscheiden. Im Norden veröffentlicht einzig Schleswig-Holstein die gleichen Inzidenzwerte wie das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin - und das bringt ebenfalls Probleme mit sich.

Das Problem an der RKI-Hospitalisierungsrate: Ein wochenlanger Meldeverzug sorgt dafür, dass Fälle in der jeweils aktuellen Hospitalisierungsinzidenz eines Landes womöglich gar nicht berücksichtigt werden. Der Grund dafür ist, dass das RKI zur Berechnung nicht das Datum der Einweisung eines Covid-19-Patienten benutzt, sondern das Datum des positiven PCR-Tests. Dieses liegt aber Tage vor einer Hospitalisierung und würde, wenn es älter als sieben Tage ist, in der Sieben-Tage-Inzidenz nicht berücksichtigt werden. Wie NDR Recherchen jüngst zeigten, hat sich dieses Problem in den vergangenen Monaten in einigen Bundesländern so sehr verschlimmert, dass Anstiege in der Hospitalisierungs-Inzidenz wegen des Meldeverzugs nicht aufgefallen sind.

Bundesländer steuern in gegensätzliche Richtung

Wenn die Hospitalisierungsinzidenzen, die die Länder selbst berechnen, auf dem Datum der Krankenhauseinweisung beruhen, spiegeln sie die Lage in den Krankenhäusern vor Ort deutlich besser wider als der verzögerte RKI-Wert. Nur ist zu diesem Zeitpunkt noch unklar, für welchen Wert sich die Bundesländer entscheiden.

Dem Vernehmen nach sind die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Gesundheitsämtern nun am Prüfen, an welche Inzidenz sie sich fortan binden wollen. Hamburg, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern haben dem NDR bereits geantwortet und schon jetzt zeichnet sich ab: Es wird auch weiterhin keine bundeseinheitliche Lösung geben, da allein schon diese Bundesländer in gegensätzliche Richtungen steuern.

Niedersachsen baut auf eigene Berechnung

Das Land Niedersachsen weist die zuverlässigste Hospitalisierungsrate im Norden auf. Denn statt sich auf das RKI zu verlassen, hat das Land schon frühzeitig ein komplett digitales Meldesystem parallel zum offiziellen Meldeweg in seinen Krankenhäusern etabliert, mit dem sich ohne größere Verzögerungen sämtliche Corona-Hospitalisierungen erfassen lassen.

"Der von der Landesregierung ausgewiesene Wert ist aus unserer Sicht besser geeignet, die Belastung des Gesundheitssystems und unserer Krankenhäuser tagesaktuell einzuschätzen", teilt Oliver Grimm, Sprecher des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung mit. "Wir planen vor diesem Hintergrund auch weiterhin, die Maßnahmen der Landesregierung im Kampf gegen die Pandemie auf diesen Wert zu gründen."

Auch Mecklenburg-Vorpommern nutzt eigenen Wert

Auch Mecklenburg-Vorpommern erhebt eine eigene Hospitalisierungsinzidenz nach dem Einweisungsdatum und - so teilt das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGuS) mit - man werde auch in Zukunft diese Inzidenz zum Beurteilen der dortigen Lage heranziehen.

Hamburg will RKI-Inzidenz verwenden

Hamburg steuert hingegen in die andere Richtung: Man werde die RKI-Inzidenz als Grundlage für die Schwellenwerte nutzen, lässt Martin Helfrich, Sprecher der Sozialbehörde, wissen. Dass die RKI-Daten von einem starken Meldeverzug betroffen sind, ist der Behörde dabei bewusst. Aber: "Es ist aber erforderlich, einen einheitlichen Wert zu verwenden, um bundeseinheitliche Schwellen beziehungsweise Entscheidungsbedarfe festzusetzen", teilt Helfrich dem NDR mit.

Da Hamburg selbst keine eigene Hospitalisierungsinzidenz veröffentlicht, lässt sich der RKI-Wert nur schwer bewerten. Allerdings zeigten NDR Recherchen, dass es gerade bei Hamburger Krankenhauseinweisungen mit am längsten dauert, bis diese ihren Weg zum RKI gefunden haben. Das heißt: Die RKI-Hospitalisierungsinzidenz liegt in Hamburg mit großer Wahrscheinlichkeit deutlich niedriger als sie tatsächlich ist, ein Schwellenwert würde also erst deutlich später überschritten oder womöglich gar nicht erst erreicht.

Anzahl der Hospitalisierten gibt einen Hinweis auf die tatsächliche Lage

Neben eigenen Hospitalisierungsinzidenzen weisen alle Länder in Norddeutschland - darunter auch Hamburg - die Anzahl der derzeit an Covid-19 erkrankten Krankenhauspatientinnen und -patienten aus. Dieser Wert enthält zwar nicht nur die Neuaufnahmen, die die Grundlage der Hospitalisierungsinzidenz bilden, sondern auch die Entlassungen. Dennoch zeichnet er ein verlässlicheres Bild darüber, wie die Belastung der Krankenhäuser in allen Bundesländern in Norddeutschland wieder zunimmt. Natürlich muss man dabei berücksichtigen, dass Niedersachsen mehr Einwohner und auch Krankenhausbetten zur Verfügung hat als Schleswig-Holstein.

Robert Koch-Institut kann "hier nicht weiterhelfen"

Das Robert Koch-Institut gibt sich schmallippig. Das Institut, das haben vorangegangene Recherchen des NDR gezeigt, ist sich der Probleme mit seiner Hospitalisierungsrate bewusst und teilte vor wenigen Wochen noch auf Anfrage mit, dass es um eine "Abwägung zwischen Zeitnähe und Datenqualität" gehe. Wenn die Daten - wie bei Covid-19 - maximal schnell bereitgestellt würden, gehe dies auf Kosten der Datenvollständigkeit. Dies müsse bei der Definition von Schwellenwerten berücksichtigt werden: "Sie müssen die Unterschätzung bei den tagesaktuellen Werten berücksichtigen und dürfen sich nicht an den endgültig zu erwartenden Werten orientieren", ließ das RKI noch Anfang Oktober wissen.

Bei der Frage, ob die neuen Schwellenwerte aus der Ministerpräsidentenkonferenz denn diese Probleme berücksichtigen würden, konnte das RKI nicht weiterhelfen: "Diese Schwellenwerte stammen nicht vom Robert Koch-Institut", hieß es aus der RKI-Pressestelle auf Anfrage des NDR.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 19.11.2021 | 14:46 Uhr

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