Stand: 04.04.2020 08:59 Uhr

NDR Analyse: Pandemie halbiert ihr Ausbreitungstempo

Zeichnung von mehreren Coronaviren. © panthermedia Foto: lightsource
Der Ursprung des neuartigen Virus liegt in China.

Innerhalb von nur einer Woche, nachdem wegen der Corona-Krise verschärfte Schutzmaßnahmen in Kraft getreten sind, hat sich die Geschwindigkeit, mit der die Infiziertenzahlen zunehmen, in Norddeutschland halbiert. Das Tempo, mit dem sich das neuartige Coronavirus ausbreitet, nimmt in ganz Deutschland spürbar ab. Das ergibt eine Datenanalyse des NDR auf Basis von Fallzahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) bis zum 29. März.

von Björn Schwentker

Die Verlangsamung der Pandemie nährt die Hoffnung, dass die am 22. März vereinbarten Ausgeh- und Kontaktbeschränkungen nicht nur von den Menschen befolgt werden, sondern auch tatsächlich die Neuinfektionen eindämmen. Die Daten stützen die Aussagen von Experten und Politikern, dass es für ein Ende der Schutzmaßnahmen noch zu früh ist. Die Zahl der Infizierten steigt zwar etwas langsamer, aber immer noch zu schnell, um die befürchtete Überlastung des Gesundheitssystems abzuwenden.

Verdopplungszeit der Corona-Pandemie steigt

Der NDR hat die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Coronavirus anhand der sogenannten Verdopplungszeit berechnet. Sie gibt an, wie lange es dauert, bis sich die Zahl der Infizierten verdoppelt. Eine kleinere Verdopplungszeit bedeutet, dass die Fallzahlen der Erkrankten schneller wachsen. Eine größere Verdopplungszeit hingegen heißt, dass sich der Anstieg der Infizierten, und damit die Pandemie, verlangsamt.

In Norddeutschland lag die Verdopplungszeit den NDR Berechnungen zufolge in der Kalenderwoche 13 (ab 23. März) bei knapp sechs Tagen. In der Vorwoche waren die Fallzahlen noch so schnell gestiegen, dass sie sich alle knapp drei Tage verdoppelten.

Maßnahmen und größere Vorsicht wirken

"Ohne den Erfolg der Schutzmaßnahmen des Lockdowns wäre ein so starker Anstieg der Verdopplungszeiten von einer Woche auf die nächste ungewöhnlich", sagt Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin.

Für die Wirksamkeit der Maßnahmen spricht auch, dass sich die Coronavirus-Ausbreitung in der 13. Kalenderwoche verlangsamte, als Schul- und Kitaschließungen etwa eine Woche in Kraft waren. Das entspricht in etwa der Inkubationszeit von Covid-19, die fünf bis sechs Tage beträgt.

Allerdings sei es normal, dass sich das Ausbreitungstempo eines Virus auch ohne staatlich verordnete Maßnahmen nach einiger Zeit verlangsame, sagt Busse, da sich die Menschen vorsichtiger verhielten, indem sie sich etwa öfter die Hände wüschen.

"Gerade zu Beginn einer Pandemie sind die Verdopplungszeiten oft sehr kurz, da einige Superspreader (Superverbreiter/d. Red.) wie etwa im nordrhein-westfälischen Heinsberg zunächst noch ungehindert sehr viele andere anstecken", sagt der Epidemiologe. Würden solche Infektionsherde erkannt und isoliert, bremse schon dies die Ausbreitung des Virus, und die Verdopplungszeit steige.

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Ausbreitungstempo weiterhin zu hoch

Dass die Schutzmaßnahmen zu wirken beginnen, bedeutet jedoch keine Entwarnung. Die Verlangsamung einer Pandemie könne auch nur vorübergehend sein, warnt Busse. Manchmal breiteten sich Erreger wellenartig aus. Demnach sei auch eine erneute Beschleunigung  - also eine wieder sinkende Verdopplungszeit - nicht ausgeschlossen. Doch selbst wenn es bei der bisher erreichten Verdopplungszeit bliebe, breitet sich das Virus immer noch zu schnell aus.

Damit über eine Lockerung der Schutzmaßnahmen nachgedacht werden könne, müsse die Verdopplungszeit bei 14 Tagen liegen, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch. Damit erhöhte sie ihre eigene Zielmarke, die sie zuvor noch bei zehn Tagen angesetzt hatte.

Von einer Verdopplung der Fallzahlen innerhalb von zwei Wochen ist sowohl der Norden als auch ganz Deutschland noch weit entfernt. Für das gesamte Bundesgebiet lag die Verdopplungszeit in der vergangenen Woche bei 5,4 Tagen.

Merkel hatte die Zielmarke für die Verdopplungszeit auf 14 Tage erhöht, weil schwer an Covid-19 Erkrankte länger beatmet werden müssten als zunächst angenommen. Die täglichen Beatmungskapazitäten der Kliniken sind der Engpass im Gesundheitssystem, der letztlich vorgibt, wie schnell sich das Virus ausbreiten darf.

Hamburg dämmt das Virus am besten ein

Einige Bundesländer sind der 14-Tage-Marke schon näher als andere: Hamburg kommt ihr mit einer Verdopplungszeit von fast acht Tagen am nächsten. In den meisten Bundesländern vergehen zwischen fünf und sechs Tage, bis sich die Zahl der Infizierten verdoppelt. Schlusslicht ist Bayern mit einer Verdopplungszeit von nur vier Tagen.

Die Unterschiede zwischen den Bundesländern will Reinhard Busse nicht überinterpretieren. "Es ist ein gutes Zeichen, dass die Verdopplungszeiten in allen Bundesländern zunehmen", sagt der Epidemiologe von der TU Berlin. Wichtig sei vor allem, dass es nirgendwo Rückschritte gebe.

Einen Teil der Abweichungen zwischen den Ländern erklärt sich Busse durch die Rückkehr von Skifahrern aus dem Ausland. So seien in Bayern noch einige Wintersportler aus Risikogebieten Österreichs heimgekehrt, als die Pandemie dort schon in vollem Gang war. Hamburg hingegen hatte schon Anfang März Skiferien, als die Fallzahlen noch nicht so hoch, und Ansteckungsmöglichkeiten im Ausland entsprechend seltener waren.

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Infiziertenzahlen steigen weiter exponentiell

Auch wenn die gestiegenen Verdopplungszeiten bedeuten, dass sich die Kurve der Covid-19-Fälle leicht abflacht: Zumindest bis zur 13. Kalenderwoche (ab 23. März) wurden weiterhin jeden Tag mehr Neuerkrankungen gemeldet als am Tag zuvor. Selbst wenn die Verdopplungszeit gleich bleibt, wächst die Summe aller Infizierten darum immer schneller. Epidemiologen sagen, sie wächst "exponentiell".

So lange das so sei, bedeute selbst eine lange Verdopplungszeit wie die von Merkel genannten 14 Tage, dass sich die Situation immer weiter verschlimmere, sagt Busse. Wenn auch langsamer. Wichtig sei, dass die Pandemie in eine neue Phase übergehe, in der die absolute Zahl der Neuerkrankungen nicht mehr wachse. Denn drei bis vier Prozent der neu Erkrankten müssten letztlich auf Intensivstationen beatmet werden. Und die Zahl der täglichen Neuzugänge auf den Intensivstationen müsse dauerhaft klein genug gehalten werden, damit die Krankenhäuser sie versorgen könnten.

Busse: Maßnahmen sollten regional variieren

"Erst wenn die Neuerkrankungen pro Tag zurückgehen, können auch die Maßnahmen gelockert werden", sagt Busse. "Dann müssen wir herausfinden, welcher Teil der Maßnahmen wirkt und welcher beibehalten werden muss, und was wir abschwächen oder aussetzen können."

Der Epidemiologe schlägt vor, dazu regional verschiedene Maßnahmen beizubehalten oder zurückzunehmen, um zu beobachten, wie sich das auf die Neuerkrankungen auswirkt: "Wenn wir wirklich nicht wissen, was besser ist, sollten wir experimentieren."

Dazu sei es auch vertretbar, die Regionen eine Zeit lang ungleich zu behandeln. Dies entspreche der Praxis bei Medikamententests, bei denen manche Kranke nur Placebos erhielten, um die Wirksamkeit der Medizin zu überprüfen. Überall nur sehr ähnliche Maßnahmen zu verordnen, hält Busse für riskant: "Wenn wir immer für alle dasselbe machen, könnte es ja auch für alle das Falsche sein."

Ob regional, für einzelne Bundesländer, oder für ganz Deutschland: Wenn die Politik die Vorgaben variiert, wird die wichtigste Frage sein, wie sich dadurch die Dynamik der Pandemie verändert. Das wird sich an den neuen Verdopplungszeiten ablesen lassen. Sie sind eine der wichtigsten Maßzahlen für die Bewältigung der Corona-Krise.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info | 03.04.2020 | 14:00 Uhr

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