Stand: 24.01.2020 14:01 Uhr

Der milde Winter treibt Blüten im Norden

Vor einem Fachwerkhaus mit Reetdach ist eine Wiese voll mit Winterlingen zu sehen. © NDR Foto: Erhard Frost
In Bohmte blühten in dieser Woche bereits die Winterlinge. Eigentlich ist Februar bis März ihre Blütezeit. Doch dieses Jahr ist vieles früher.

Vögel, die in der Dunkelheit des Januarmorgens schon munter zwitschern, Temperaturen so hoch wie noch nie zu dieser Jahreszeit und eine Natur, die mit blühenden Winterlingen und knospenden Krokussen schon auf Frühling schaltet: Der bislang ausgebliebene Winter stellt die Tier- und Pflanzenwelt vor Herausforderungen, wenn auch nicht jede Spezies unter der milden Witterung leidet.

Fast 15 Grad im Januar

In Anklam (Landkreis Vorpommern-Greifswald) wurden laut Deutschem Wetterdienst (DWD) Mitte Januar 14,8 Grad gemessen, auch aus Niedersachsen wurden Temperaturrekorde vermeldet. Diese Extremwerte werden momentan zwar nicht mehr erreicht, doch auch insgesamt ist der Winter bislang zu mild. "Der Dezember war im Norden rund drei Grad wärmer als das amtliche Mittel der Jahre 1961 bis 1990", sagt Dominik Jung vom Wetterdienstleister Q.met. Der Januar sei bisher sogar fast fünf Grad wärmer als normal.

Allergiker früher von Pollenflug betroffen

Der bisher milde Winter führt auch zu einem frühen Pollenflug - auf größere Beschwerden müssen sich Allergiker aber noch nicht einstellen. "Vereinzelt fliegen die ersten Pollen, vor allem im Südwesten, aber auch im nordwestlichen Tiefland", sagt DWD-Pollenexpertin Christina Endler. Vor allem Hasel und Erle seien bereits unterwegs. Bei der Hasel stand der Pollenflug-Gefahrenindex des DWD am Freitag in weiten Teilen Norddeutschlands bei geringer Belastung, im östlichen Niedersachsen war die Belastungsintensität bis zu mittelhoch.

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Frühes Wachstum und später Frost: Ernteeinbußen

Die insgesamt zu milden Temperaturen könnten sich negativ auf Pflanzen auswirken, sagt Justus Meißner von der Stiftung Naturschutz: "Arten, die an kalte Winter angepasst sind, brauchen eigentlich auch die kalte Winterruhe. Wenn es zu warm ist, kann es sein, dass sie verfaulen, verschimmeln oder durch pflanzenfressende Tiere geschädigt werden." Bei Obstbäumen bestehe die Gefahr, dass sie zu früh blühen. Friere es später dann doch noch einmal, können die Blüten oder die Fruchtansätze abfrieren.

Eine Sorge, die auch viele Landwirte mit ihren Feldfrüchten teilen. Das Wintergetreide etwa wächst bereits wieder. Aus Sicht des niedersächsischen Landvolks ist das viel zu früh: Wenn Frost kommen sollte, könnte dieser den Pflanzen erheblich schaden, sagte ein Sprecher NDR 1 Niedersachsen. Für die von zwei Trockenjahren samt schlechter Ernten getroffenen Landwirte könnte das in der Folge Ernteeinbußen bedeuten.

Später Frost auch für Insekten und Igel gefährlich

Auch für viele Insekten sei ein möglicher später Wintereinbruch lebensgefährlich, sagt Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung Hamburg. Bleiben die Temperaturen ungewöhnlich warm, krabbeln manche Wildbienen und Hummeln zu früh aus ihren Überwinterungsquartieren - und finden dann nichts zu fressen und können sterben. Anders verhält es sich bei Schädlingen wie dem Eichenprozessionsspinner oder den Zecken: Ist es früher im Jahr schon warm, werden sie auch früher aktiv.

Spätfröste könnten für Igel gefährlich werden, die aus dem Winterschlaf erwacht sind und sich auf Nahrungssuche begeben, sagt Nabu-Experte Sebastian Kolberg. Bei Frost müssten sich die Tiere dann wieder umgewöhnen. Für ältere, geschwächte Tiere könne das zum Problem werden. "Es ist eher ein Problem für Individuen, nicht für die Population", sagte Kolberg.

Wildtiere passen sich an warme Temperaturen an

Für das Gros der Tiere dagegen sei der warme Winter "weniger problematisch", so Kolberg. Winterruhe und Winterschlaf seien Anpassungsstrategien an Kälte und Nahrungsmangel. Bleiben diese aus, hätten die meisten Tiere damit laut Kolberg kein Problem.

Einige Wildtiere genießen die milden Temperaturen sogar: "Für Hasen, Rehe, Hirsche und Wildschweine ist ein warmer Winter etwas Tolles", sagt Biologe Kinser von der Wildtier Stiftung. Grund dafür sei unter anderem, dass Anfang des Jahres bei vielen Tieren wie etwa Wildschweinen, Füchsen und Feldhasen die Hormone auf Hochtouren laufen und sie sich in der Rausch-, Ranz- und Rammelzeit befinden.

Winterwetter weiter nicht in Sicht

In der kommenden Woche bleibt es laut Vorhersage wechselhaft. Am Dienstag droht Meteorologe Jung zufolge ein Sturm, vielleicht sogar ein schwerer mit Orkanböen an der See. Die Temperaturen würden dazu Achterbahn fahren: "Es geht rauf und runter." Auch ein Schnee- oder Graupelschauer sei am Dienstag oder Mittwoch hier und da mal drin: "Da wird es ziemlich ruppig. Aber Winterwetter mit Dauerfrost und Schneedecke sind zum Leidwesen aller Winterfreunde nicht in Sicht", sagte Jung.

Trend zu immer kürzeren Wintern

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Die Blütezeit vieler Pflanzen wie etwa der Hasel hat sich in der Folge deutlich nach vorne verschoben. Frühjahr, Sommer und Herbst beginnen immer früher, die Vegetationsperiode wird länger. Der Winter, in dem die Vegetation pausiert, wird kürzer. Allein im Vergleich der Zeiträume 1961 bis 1990 und 1991 bis 2017 wies der DWD eine Verlängerung der Vegetationsperiode um 17 Tage nach.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 24.01.2020 | 14:00 Uhr

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