Stand: 08.06.2020 06:38 Uhr

Meeresschutz? Nur auf dem Papier

Die Riffe sind wichtige Rückzugsräume für die Meeresbewohner.

Vor den Küsten Deutschlands gibt es viele Meeresschutzgebiete, allerdings nur auf dem Papier. Einer Untersuchung des Geomar-Instituts für Ozeanforschung in Kiel zufolge wird vor allem dort besonders viel gefischt. Umweltschutzverbände und Grünen-Politiker kritisieren zum heutigen Tag des Meeres die mangelnde Umsetzung der Bundesregierung von EU-Richtlinien zum Schutz der Riffe in Nord- und Ostsee.

von Christoph Prössl, NDR Info

Eine exotische Unterwasserwelt mit leuchtenden Korallen und bunt schillernden Fischen gibt es nicht nur in südlichen Gewässern, sondern auch in Nord- und Ostsee. Doch diese schützenswerten Kaltwasser- und Felsriffe, die vor den Küsten Deutschlands vielen vor allem seltenen Fischarten Rückzugsräume bieten, sind bedroht. Ihr Zustand hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert.

In einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Steffi Lemke, die NDR Info exklusiv vorliegt, heißt es, der "schlechte Erhaltungszustand" werde durch die Auswirkungen der "grundberührenden Fischerei" verursacht. Weitere Belastungen wie die Verschmutzung mit Nähr- und Schadstoffen, Abbau- und Transportaktivitäten kämen hinzu - allerdings in geringerem Ausmaß.

Vor allem Schleppnetz-Fischerei schädigt die Riffe

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Krabben werden mit Schleppnetzen gefischt.

Dieser Zusatz ist deswegen interessant, weil die Bundesregierung damit einräumt, dass vor allem Schleppnetze der Fischer die Riffe schädigen. Über den Boden gezogen, zerstören sie den sensiblen Lebensraum. Dabei hätte die Bundesregierung längst handeln müssen: 2004 wurden Meeresschutzgebiete ausgewiesen. Aber immer noch gibt es keine Beschränkung für die Berufsfischerei. Schleppnetze sind nicht verboten. "Seit der Ausweisung der Meeresschutzgebiete 2004 ist im Prinzip nichts passiert. Es wurden weder effektiv Schutzmaßnahmen implementiert noch Beschränkungen für die Fischerei beschlossen", sagt Lemke. Meeresnaturschutz existiere lediglich auf dem Papier.

Untersuchung: Besonders viel Fischerei in Schutzgebieten

Einer Untersuchung des Geomar-Instituts für Ozeanforschung in Kiel zufolge wird vor allem in den Schutzgebieten besonders viel gefischt. Umweltschützer fordern Ruhezonen, in denen keinerlei menschliche Aktivität erlaubt ist. In der Nordsee gibt es vier Meeresschutzgebiete vor der deutschen Küste, sogenannte Natura-2000-Gebiete. Das sind europarechtlich geschützte Flächen. Das größte liegt vor Sylt. In der Ostsee stehen sechs Gebiete unter Schutz.

Umsetzung von EU-Richtlinie stockt

Um Einschränkungen bei der Fischerei zu beschließen, müssten Verbote mit den Nachbarstaaten beschlossen werden - beispielsweise mit Dänemark. Bei diesen Gesprächen gibt es allerdings keine Fortschritte. Dem Umweltministerium fehle es an Durchsetzungskraft gegenüber dem Landwirtschaftsministerium und der Fischerei-Lobby, sagt Grünen-Politikerin Lemke: "Wenn sich das nicht ändert, werden wir auch keinen ausreichenden Meeresschutz in den Schutzgebieten bekommen. Und dann ist damit zu rechnen, dass die Europäische Union Deutschland wiederum verklagt, weil EU-Richtlinien nicht umgesetzt worden sind."

Deutschland drohen tägliche Strafzahlungen

Seit 2014 läuft bereits ein Vertragsverletzungsverfahren wegen Nichteinhaltung der Schutzmaßnahmen am Sylter Außenriff. Eine erneute Verwarnung sprach die EU-Kommission im vergangenen Februar aus. Im nächsten Schritt drohten tägliche Strafzahlungen für die Bundesrepublik, so Lemke.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 08.06.2020 | 08:08 Uhr