Stand: 14.04.2020 16:50 Uhr

Schule in Corona-Zeiten: Mut zum Umdenken!

Ein Kommentar von Verena Gonsch, NDR Info

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NDR Info Redakteurin Verena Gonsch hält es für richtig, wenn der Schulunterricht bald wieder beginnt.

Montagmorgen, 8 Uhr. Fünfzehn Kinder der vierten Grundschulklasse haben Mathe und anschließend Deutsch. Mittags geht es - mit einem Ranzen voller Aufgaben - nach Hause. Dann kommt die andere Hälfte der Klasse in die Schule. Die Hofpausen sind versetzt, sodass nie mehr als zwei Klassen auf dem Schulhof zu finden sind. Alle Kinder lernen, Masken zu tragen - beim Toben und auf dem Schulweg. In der Klasse sitzen die Kinder mit mindestens zwei Meter Abstand voneinander entfernt. Unterrichtet werden sie von den jüngeren Lehrkräften, die älteren und die mit Vorerkrankungen kümmern sich um den digitalen Unterricht und halten Kontakt zu den Eltern.

Welche Experten setzen sich durch?

So oder so ähnlich könnte sie aussehen, die Schule in der Corona-Krise. Jedenfalls, wenn es nach den Leopoldina-Wissenschaftlern geht. Dem Robert Koch-Institut bereiten solche Szenarien verständlicherweise schlaflose Nächte. Sie wollen höchstens ältere Schüler wieder zum Unterricht lassen. Egal, welche Experten sich am Ende durchsetzen, es wird jede Menge Fantasie und Mut zum Umdenken brauchen, um Schule zu organisieren. Aber warum sollte das nicht funktionieren? Auch wenn wir alle miteinander Vorstellungen von einem normalen Unterricht über Bord werfen müssen.

Improvisationstalent ist gefragt

Aber der Reihe nach: Es macht Sinn, was die Leopoldina Wissenschaftler sagen. Zumindest, wenn die Bildung im Vordergrund steht. Ältere Kinder und Jugendliche sind am ehesten in der Lage, selbständig alleine zu Hause zu lernen, die Kleineren brauchen noch viel mehr Präsenzunterricht. Die Älteren haben in den letzten Wochen schon einen Vorgeschmack davon bekommen, wie dieses Schuljahr weitergehen kann. Auf jeden Fall braucht es viel Improvisationstalent und unbürokratische finanzielle Hilfe vom Staat. Die Gelder aus dem Digitalpakt für das technische Equipment müssen da - wo das noch fehlt - endlich ausgezahlt werden - und zwar schnell.

Kaum Entlastung für die Eltern

Einen großen Vorteil hätte dieser Schulunterricht auf jeden Fall. Die Kinder könnten weiter lernen und würden nicht ein ganzes Schuljahr verlieren. Und: Auch die Kinder aus einkommenschwachen Familien, bei denen kein Elternteil das Homeschooling organisiert, würden zumindest in Kontakt mit der Schule bleiben.

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Beim Lernen zu Hause vermissen viele Kinder den Kontakt zu den Mitschülern und Lehrern.

Was dieses Modell allerdings nicht leistet, ist die Entlastung der Eltern. Sie könnten sich nicht darauf verlassen, dass ihre Kinder von acht bis sechzehn Uhr gut versorgt und betreut sind. Und das gilt leider auch für die jüngeren Kita-Kinder. Natürlich kann man sich da auch kleine Gruppe vorstellen mit zeitversetzter Betreuung. Da die Kleinen aber weder verstehen, warum sie Abstand halten sollen, noch verlässlich Masken tragen werden, sind alle diese Modelle schwierig. Hier bleibt die nächsten Wochen nur die Notbetreuung.

Auf Sicht fahren

Schule in Corona-Zeiten wird genau das bedeuten, was wir alle momentan durchmachen: Auf Sicht fahren, immer von Woche zu Woche denken und dabei die Infektionszahlen im Auge behalten, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Nach der totalen Kontaktsperre wäre aber schon eine kleine Öffnung ein Gewinn für alle.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Ein Schüler lernt zu Hause am Laptop wegen des Coronavirus. © imago images Foto: Action Pictures

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NDR Info | Kommentar | 14.04.2020 | 17:08 Uhr