Stand: 14.06.2020 07:15 Uhr

Kommentar: War es das für Donald Trump?

Die Proteste gegen den alltäglichen Rassismus in den USA und die Trauer nach dem Tod von George Floyd haben noch einmal deutlich gemacht, wie tief das Land unter US-Präsident Donald Trump gespalten ist. Kann sich dieser Präsident noch Hoffnungen auf eine Wiederwahl machen? Außerhalb der USA wollen das viele nicht glauben.

Ein Kommentar von Markus Feldenkirchen, politischer Autor im Hauptstadtbüro des "Spiegel"

Der deutsche Journalist und Schriftsteller Markus Feldenkirchen © Markus Feldenkirchen Foto: Markus Feldenkirchen
Präsident wird nicht, wer die Mehrheit der amerikanischen Bürger hinter sich weiß, meint Markus Feldenkirchen vom "Spiegel".

Vermeintliche Belege dafür, dass Donald Trump nie und nimmer wiedergewählt werden kann, gibt es Hunderte, nein Tausende. Das Problem ist nur: All das ist Wunschdenken. Von einer Mehrheit der Deutschen, das sowieso, aber auch von vielen anderen zivilisierten Demokraten auf der ganzen Welt. Ja sogar von der Mehrheit der US-Amerikaner.

Das muss Trumps Ende sein

Jetzt gerade ist man sich wieder furchtbar einig: Das, was in den vergangenen Wochen geschehen ist, ist Trumps Ende. Es muss Trumps Ende sein! Hier nur kurz die absoluten Tiefpunkte seines jüngsten Versagens: Statt früh, entschieden und angemessen auf die Corona-Pandemie zu reagieren, hat Trump das Virus erst geleugnet und dann als laues Schnüpfchen verniedlicht.

"Es gibt 15 Infizierte, und diese 15 werden in ein paar Tagen nahe null sein", erklärte er am 26. Februar. Heute sind es rund zwei Millionen Infizierte. Am 9. März twitterte er, dass im vergangenen Jahr 37.000 Amerikaner an der gewöhnlichen Grippe gestorben seien. Nichts sei deshalb stillgelegt worden. "Momentan gibt es 22 Tote. Denkt mal drüber nach!", so der US-Präsident. Trump wollte Corona wegtwittern. Viel zu spät rang er sich ohne jede innere Überzeugung zu Kontaktsperren durch. Viel zu früh lockerte er sie wieder. Dass er auch noch dazu anregte, zum Schutz gegen das Virus Desinfektionsmittel zu trinken, wirkte da fast schon harmlos.

Die USA haben die wohl schlechteste Corona-Bilanz der Welt. Dass inzwischen rund 40 Millionen Amerikaner ihren Job verloren haben, gehört auch dazu. Die am schlimmsten vom Virus betroffene Bevölkerungsgruppe sind übrigens die Schwarzen: Sowohl was die Zahl der Arbeitslosen betrifft, als auch die Zahl der Todesopfer.

Ohne jede Empathie beim Tod von George Floyd

Und dann reagierte Trump auf den Mord an George Floyd, begangen von vier weißen Polizisten, ohne jede Empathie. Dass am Rande der Proteste ein paar Menschen gewaltsam wurden, schien den Präsidenten weit mehr zu interessieren als die Verzweiflung von Millionen Mitbürgern über rassistisch motivierte Polizeigewalt oder die Trauer über den Tod eines Menschen.

Vorige Woche missbrauchte Trump George Floyd dann sogar, um sich selbst und eine winzige Trendwende am Arbeitsmarkt zu feiern. "Hoffentlich sieht George jetzt zu von da oben und sagt sich: Das ist eine tolle Sache, die unserem Land widerfährt", erklärte der Präsident und fügte hinzu: "Das ist ein toller Tag für ihn!" Von allen moralischen Bankrotterklärungen Donald Trumps war dies eine der verstörendsten.

Sehr aktiv in den Swing States

Wie also ist es um Himmels Willen überhaupt denkbar, dass ein solcher Mann wiedergewählt wird? Als Präsident der immer noch stärksten Demokratie der Welt? Man muss an dieser Stelle noch mal kurz an Folgendes erinnern: Präsident wird nicht, wer die Mehrheit der amerikanischen Bürger hinter sich weiß. Ginge es darum, wäre Trump nie Präsident geworden. Entscheidend sind aufgrund des sehr speziellen Wahlrechts in Amerika einige wenige Staaten, die sogenannten Swing States. Und dort ist Trump sehr aktiv.

Dann ist es keineswegs so, dass die bisherigen Unterstützer Trumps ihm in großem Stil den Rücken gekehrt hätten. Dafür ist seine Propaganda, die kaltschnäuzige Umdeutung von Fakten zu seinen Gunsten, zu erfolgreich. Trump hat die Kommunikation über politische Vorgänge schon jetzt massiv verändert. Insofern geht die alte Rechnung nicht mehr auf, wonach Fakten, die gegen einen sprechen, auch wirklich gegen einen sprechen.

Nicht auf Umfragen vertrauen

Auch auf Umfragen, die Trumps demokratischen Konkurrenten Joe Biden vorne sehen, sollte man nicht allzu sehr vertrauen. Im Jahr 2015 sahen alle Umfragen Trumps Konkurrentin Hillary Clinton klar vorne - auch in den entscheidenden Swing States. Noch am Wahltag im November 2016 sah die "New York Times", auf Grundlage aller demoskopischen Daten, die Chancen Trumps, Präsident zu werden, bei rund einem Prozent. All diese Fehleinschätzungen könnten auch jetzt wieder aktuell sein.

Zudem zeichnet sich ab, dass Trumps Gegenspieler Joe Biden keine Idealbesetzung ist. Biden ist ein kontrollierter, bedächtiger Mann. Aber das hohe Alter macht sich bei ihm deutlicher bemerkbar als beim ebenfalls betagten Donald Trump. Mit seiner Ruchlosigkeit und Brutalität könnte Trump Biden in den großen TV-Duellen an seine Grenzen bringen - so wie er bislang noch jeden Konkurrenten der Lächerlichkeit preisgegeben hat.

Natürlich kann alles auch ganz anders kommen, und Trump geht im November mit jenem desaströsen Wahlergebnis nach Hause, das er verdient. Man sollte nur eben nicht fest darauf vertrauen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 14.06.2020 | 09:25 Uhr

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