Stand: 22.11.2019 18:27 Uhr

Kramp-Karrenbauers Mut verdient Respekt

Auf dem CDU-Bundesparteitag hat die Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer offen ihre Kritiker herausgefordert. In ihrer Grundsatzrede sagte sie, wenn die Partei nicht bereit sei, ihren Reformkurs mitzugehen, solle das noch am Freitag beim Parteitag entschieden werden. Die Vorsitzende ermahnte die Christdemokraten, nicht zu selbstkritisch zu sein. Die Leistungen der Bundesregierung schlecht zu reden, sei keine gute Wahlkampfstrategie.

Ein Kommentar von Sabine Henkel, WDR, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

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Die Parteichefin habe sich am Freitag selbst gerettet, die Partei aber nicht, meint Sabine Henkel.

Also, eines muss man Annegret Kramp-Karrenbauer lassen: Sie versteht es zu überraschen. 70 Minuten lang redet sie die Delegierten in den Schlaf, sagt dieses, streift jenes und mäandert durch einen Themen-Urwald, dass jede und jeder die Orientierung verlieren muss.

Aber dann das: Sie stellt die AKK-Frage. Nicht die K-Frage, die AKK-Frage - die Vertrauensfrage. Sie will wissen, ob die Delegierten zu ihr stehen: Wollt ihr mich so, wie ich hier stehe? Wenn nicht, sagt sie, dann beenden wir es!

Mehr nonverbale Unterstützung geht nicht

Rumms! Der Saal steht Kopf. Nicht eine einzige Sekunde lang sieht es danach aus, dass diese Partei ihre Vorsitzende stürzen will. Was für ein Schachzug! Oder war das der Mut der Verzweiflung? Vielleicht, aber es hat funktioniert. Kramp-Karrenbauers Mut verdient Respekt. Alles oder nichts.

Die Antwort war umwerfend: Die Delegierten applaudieren minutenlang. Mehr nonverbale Unterstützung geht nicht.

Merz: "Wir in der CDU sind loyal!"

Und Friedrich Merz? Der Stören-Friederich ganz klein mit Hut. Seinen Worten muss eine Gehirnwäsche vorangegangen sein. Er lobt nicht nur Kramp-Karrenbauer, sondern auch die Regierung von Angela Merkel, die er vor zwei Wochen noch als grottenschlecht bezeichnet hat. Und nicht nur das. Merz bezichtigt die SPD-Genossen illoyal zu sein und sagt - Achtung, festhalten: "Wir in der CDU sind loyal!". Und das von Merz, der personifizierten Illoyalität.

Der Parteitag hätte ihn in den Ruhestand schicken sollen. Aber die CDU wäre nicht die CDU, wenn nicht auch er brav Applaus bekommen würde. Denn damit haben sie es wieder: das Signal der Geschlossenheit, das Mantra der Partei in all den Merkel-Jahren.

Die CDU übt sich darin, eins zu sein

Und nun? Die Partei übt sich darin, eins zu sein. Ist das glaubwürdig? Kann das von Dauer sein? Die Werte-Union will ja immer noch nach rechts und die Union der Mitte in der Mitte bleiben. Da wo die CDU als Volkspartei auch hingehört. Denn mit einem Rechtsruck würde sie die Mitte aufgeben.

Von inhaltlichem Aufbruch ist (noch) nichts zu sehen

Die SPD reibt sich schon die Hände. Kramp-Karrenbauer will eine starke CDU der Mitte. Stark! Na, dann: Ärmel hochkrempeln und an die Arbeit.

Stark ist diese CDU derzeit nämlich nicht. Sie hat sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit Merkels Dämmerung und Kramp-Karrenbauers Fehlstart. Die Parteichefin hat sich am Freitag selbst gerettet, die Partei aber nicht. Sie hat über alles und nichts geredet, einen inhaltlichen Aufbruch aber vermissen lassen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

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NDR Info | Kommentar | 22.11.2019 | 17:08 Uhr