Zwei Pflegefachkräfte in Schutzkleidung arbeiten auf einer Intensivstation (Themenbild). © picture alliance/Marcel Kusch/dpa Foto: Marcel Kusch

Corona: Intensivbetten in Norddeutschland reichen derzeit aus

Stand: 17.10.2020 10:49 Uhr

Die Zahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen steigt wieder, auch im Norden. Das zeigen Datenanalysen des NDR. Sorgen bereitet dem Hamburger Intensivmediziner Stefan Kluge vor allem der Personalmangel.

von Ines Bellinger und Marvin Milatz

Mehr Corona-Neuinfektionen: Das Niveau der ersten Welle im Frühjahr ist auch in Norddeutschland an einigen Orten bereits überschritten. Was bedeutet das für die medizinische Versorgung in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Bremen? Wie viele Patienten mit Covid-19 liegen auf den Intensivstationen, müssen beatmet werden? Wie stark sind die Intensivkapazitäten ausgelastet?

Zahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen steigt

"Wir wissen, dass im Mittel sechs Prozent der Patienten mit einem positiven Covid-19-Test stationär aufgenommen werden müssen. Und von diesen sechs Prozent wird zirka ein Drittel intensivpflichtig, also zwei Prozent aller Infizierten", sagt Professor Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) im Gespräch mit NDR.de. "Wenn wir also die Zahl der Neuinfektionen nehmen und davon zwei Prozent errechnen, dann wissen wir, rein statistisch, wie viele Patienten mit Covid-19 nach zehn Tagen durchschnittlich auf deutschen Intensivstationen aufgenommen werden."

Intensivstationen noch nicht an Belastungsgrenze

Was Kluge momentan täglich errechnet, liegt im Bereich des Erwartbaren, noch weit entfernt von der Auslastungsgrenze. "Die Lage ist nicht dramatisch, es wird zu keiner Katastrophe kommen", sagt er. "Aber wir sehen die Zahl der Infizierten mit großer Sorge." Am UKE würden derzeit etwas mehr Patienten mit Covid-19 und etwas mehr positive Corona-Tests bei Mitarbeitern und selbst bei Besuchern registriert. 

Das Melderegister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) zeigt, dass bundesweit derzeit 690 Patienten mit Covid-19 in intensivmedizinischer Behandlung sind (Stand: 16. Oktober 2020), die Hälfte davon muss beatmet werden, Tendenz langsam steigend. Den Verlauf für Norddeutschland seit dem Frühjahr geben die nachfolgenden Grafiken wieder. Der Trend folgt dem bundesweiten. Vom Höhepunkt am 28. April dieses Jahres (283 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen / 206 beatmet) sind die Zahlen mit aktuell 87 Patienten / 41 beatmet weit entfernt.

Intensivstationen in Hamburg und Bremen stärker ausgelastet

Das DIVI-Register gibt auch einen Überblick, wie viele Intensivbetten belegt und wie viele noch frei sind. "Uns werden tagesaktuell ausschließlich Intensivbetten gemeldet, die auch betreibbar sind, zu denen es also auch die entsprechenden Geräte und das qualifizierte Personal gibt", sagt DIVI-Sprecher Torben Brinkema. Die teilnehmenden Krankenhäuser melden ihre Kapazitäten täglich, nachdem sie das Personal disponiert haben. In der nachfolgenden Karte werden die Verfügbarkeiten für Intensivbetten im Norden abgebildet. Ein roter Punkt bedeutet, die Intensivstation der Klinik ist ausgelastet - das kann an einem hohen Patientenaufkommen liegen, aber auch daran, dass nicht genügend Personal zur Verfügung steht, um die vorhandenen Betten zu besetzen. Insgesamt sind derzeit in Norddeutschland von 5.472 betreibbaren Intensivbetten 3.686 belegt (Stand: 16. Oktober 2020).

Ressourcen für Nicht-Covid-Patienten schrumpfen

Der Personalmangel im Pflegebereich ist für Kluge der neuralgische Punkt. "Deutschland hat weltweit die meisten Intensivbetten auf 100.000 Einwohner, aber nicht genügend Pflegekräfte, um sie zu betreiben", sagt er. Schon vor der Corona-Pandemie waren 20 bis 30 Prozent der Intensivbetten aus diesem Grund gesperrt. Momentan nicht genutzte Betten werden im DIVI-Intensivregister als 7-Tage-Notfallreserve erfasst (mehr als 12.000 / Stand: 16. Oktober 2020). Käme es so weit, dass man diese Reserve mobilisieren müsste, würden Fachkräfte aus anderen Bereichen der Kliniken abgezogen.

"Wenn das jetzt so weitergeht mit den Zahlen, dann wird wohl keiner an einem fehlenden Intensivbett sterben in Deutschland, aber es kommt zu einer Ressourceneinschränkung in den Krankenhäusern", sagt Kluge. "Das ist meine große Sorge: dass Patienten mit Nicht-Covid-Erkrankungen wie Herzinfarkt, Herzschwäche, Schlaganfall oder Tumoren nicht oder schlechter versorgt werden könnten."

Pflegepersonaluntergrenzen könnten zum Problem werden

Das Problem wird sich Anfang des kommenden Jahres möglicherweise noch einmal verschärfen, weil dann strengere gesetzliche Vorgaben für Pflegepersonaluntergrenzen in Kraft treten. Auf Intensivstationen dürfen Pflegefachkräfte ab 1. Januar 2021 nur noch maximal zwei Patienten am Tag (bisher 2,5) und drei in der Nacht (bisher 3,5) betreuen. "Auf der einen Seite sind diese Personaluntergrenzen sinnvoll, weil wir ja gute Qualität wollen, gerade in der Intensivpflege", sagt Kluge. "Aber das wird unweigerlich dazu führen, dass wir weitere Intensivbetten sperren müssen." Abhängig vom weiteren Verlauf der Pandemie werden diese Personalregelungen möglicherweise aber auch wieder ausgesetzt - wie bereits bei der ersten Welle praktiziert.

Am UKE sind wegen Personalmangels derzeit auch einige Intensivbetten gesperrt, aber Kluge kennt Kliniken, die 30 bis 40 Prozent ihrer Intensivkapazitäten aus diesem Grund nicht nutzen können.

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ECMO: Schwierige Therapie mit künstlicher Lunge

Für Patienten, die mit einer Sars-CoV-2-Infektion auf Intensivstationen behandelt werden, gibt es mehrere Eskalationsstufen: Low Care (nicht-invasive Beatmung), High Care (invasive Beatmung) und ECMO. Die sogenannte extrakorporale Membranoxygenierung ist eine Möglichkeit, Patienten mit besonders schwer verlaufenden Lungenentzündungen zusätzlich zum Beatmungsgerät über eine "künstliche Lunge" mit Sauerstoff zu versorgen.

Es ist eine komplikationsreiche Therapie, die nur angewendet wird, wenn eine gute Prognose besteht, dass sich die Lunge erholt. "Wir würden es nicht bei einem an einer Covid-Pneumonie erkrankten 90-Jährigen mit einer Tumorerkrankung machen", sagt Kluge. Ohnehin hat nicht jede Klinik die Möglichkeit, ECMO-Behandlungen durchzuführen. Das UKE verfügt derzeit über 16 Geräte, mit denen pro Jahr mehr als hundert ECMO-Therapien gemacht werden.

Kluge über Therapien: "Kein Durchbruch"

Kluge ist auch Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin und verantwortlich für die Leitlinien zur stationären Covid-19-Therapie in Deutschland. Aus den Erfahrungen der ersten Pandemie-Welle im Frühjahr hätten Intensivmediziner drei Dinge gelernt, die man inzwischen zielgerichteter anwenden könne:

  • Die Patienten bekommen im Regelfall eine Thrombose-Prophylaxe oder Blutverdünnung, weil viele Covid-19-Patienten an Lungenembolien gestorben sind.
  • Das Medikament Remdesivir verkürzt den Krankheitsverlauf bei stationären Patienten, die eine Sauerstoff-Therapie brauchen, beeinflusst anscheinend aber nicht die Sterblichkeit.
  • Das Cortisonpräparat Dexamethason reduziert bei beatmeten Patienten und bei Patienten, die auf dem Weg zur Beatmung sind, die Sterblichkeit.

"Aber das ist natürlich kein Durchbruch", relativiert Kluge. "Die Patienten sind trotzdem schwer krank. Covid-19 ist eine absolut ernst zu nehmende Erkrankung, gerade wenn man älter ist und Vorerkrankungen hat."

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NDR Info | NDR//Aktuell | 16.10.2020 | 14:00 Uhr

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