Christian Drosten © picture alliance Foto: Christophe Gatea

Drosten: "Wir haben eine echte Notfall-Situation"

Stand: 09.11.2021 18:47 Uhr

Maßnahmen wie kostenfreie Bürgertests oder ein breit eingesetztes 2G-Modell versprechen zum Durchbrechen der vierten Welle keinen ausreichend schnellen Erfolg, sagt Virologe Christian Drosten in der neuen Podcast-Folge des Coronavirus-Update. Zu erwägen seien aus wissenschaftlicher Sicht auch Kontaktbeschränkungen und das Schließen von Impflücken.

von Daniel Sprenger

Den zweiten Tag infolge meldet das Robert Koch-Institut am Dienstag einen Rekordwert bei der Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Neuinfektionen. Die Inzidenzkarte zeigt auch in Norddeutschland oftmals dunkelrote Werte an. Die Intensivbetten-Belegung nimmt ebenfalls deutlich zu.

"Wir sind schlimmer dran als vor einem Jahr", sagt Christian Drosten in der aktuellen Folge des NDR Info Podcast Coronavirus-Update. Die Delta-Variante habe die Karten neu gemischt. Denn mit ihr werden Geimpfte schnell wieder zu Überträgern. "Geimpfte bewegen sich ja schon sehr frei in der Gesellschaft", erläutert der Leiter des Instituts für Virologie an der Charité Berlin die Ausgangslage der aktuell problematischen Situation. Selbst würden Geimpfte zwar oftmals allenfalls nur leichte Symptome bekommen, doch "das Virus kommt so zu den Ungeimpften und die fallen auf als schwere Fälle".

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15 Millionen Ungeimpfte, darunter viele mit Risikoprofil

Drosten spricht von einer "echten Notfall-Situation". Diese möge im Moment noch nicht so drastisch erscheinen, was aber daran liege, dass die schweren Fälle nachschleppen. "Wir haben 15 Millionen Leute, die sich hätten impfen lassen können, die aber nicht geimpft sind." Darunter seien viele mit hohem Risikoprofil, weil sie entweder grunderkrankt sind oder alt.

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Was kann man in dieser schwierigen Situation tun, um die vierte Welle zu brechen und nicht jeden Tag einen neuen Rekord der Infektionszahlen zu haben? Drosten schätzt die derzeit viel diskutierten Möglichkeiten zur kurzfristigen Reaktion als wenig zielführend ein, etwa die Überlegung, Massentests wieder kostenlos einzuführen oder auf 1G zu setzen.

Tests funktionieren nicht als Notbremse

"Die Tests werden als Notbremse hingestellt, um die Welle zu brechen. Aber das werden sie in keinem Fall sein", zeigt sich Drosten überzeugt. Die Kraft werde sich nicht entfalten, schon gar nicht so schnell. Im vergangenen Frühjahr, als wöchentlich bis zu zehn Millionen Tests durchgeführt wurden, hätten die Tests wahrscheinlich dazu beigetragen, dass die dritte Welle nach Ostern so schnell zum Ende gekommen ist. Damals war eine Testung Zugangsvoraussetzung für alle in vielen Bereichen. Doch aktuell sei ein größerer Anteil als damals bereits geimpft. Für sie besteht im 3G-Modus keine Testpflicht. "Da nützt es nichts, wenn die Tests umsonst sind, die Geimpften werden sich nicht testen lassen", sagt Drosten.

Aus diesem Grund gab es zuletzt ja die Forderung nach 1G, also dass alle - egal ob geimpft, genesen oder ungeimpft - ausnahmslos getestet werden. "Das ist aber leider logistisch gar nicht zu bewerkstelligen", meint Drosten. Er findet es problematisch, so etwas als Patentlösung vorzuschlagen. "Man kann doch in einer Notfallsituation nicht solche Dinge vorschlagen, von denen man weiß, dass sie nicht funktionieren können." Zudem kenne er kein Land, in dem jemals bewiesen wurde, dass eine Massentestung eine steigende Inzidenzwelle durchbrechen kann.

3G, 2G, 1G - alles nicht zielführend als Akutmaßnahme

Grundsätzlich gelte es bei 3G zu bedenken, dass ein negativer Test Ungeimpfte nicht vor Ansteckung schützt. Denn die Mehrheit in sozialen Situationen in Restaurants, Theatern, Konzerten sei ja immer geimpft. Ungeimpfte Personen können sich dort anstecken, wenn dort unbemerkt infektiöse Geimpfte sitzen. Bei stabilen Sozialgruppen, etwa in einer Belegschaft, sei 3G aber immer noch besser als nicht zu testen.

Mit Blick auf das in Österreich landesweit seit Kurzem gültige 2G-Gebot für Restaurants und andere öffentliche Einrichtungen sagt Drosten, dass man so die Hintertür einer Testmöglichkeit geschlossen habe. Man zwinge die Leute so zu einer Entscheidung, ob sie weiter am gesellschaftlichen Leben teilhaben wollen oder eben nicht, weil sie sich nicht impfen lassen wollen. "Das ist eine Möglichkeit der Politik, wie sie Druck ausüben kann." Doch das reiche als Akutmaßnahme im Moment nicht aus.

Neue Kontaktbeschränkungen zu erwägen

"Wir müssen jetzt sofort etwas machen", ist Drosten überzeugt. Als akute Gegenmaßnahme fordert er, ausgewählte Krankenhäuser zum einen finanziell so aufzustellen, dass sie es sich leisten können, Intensivbetten freizuhalten. Doch eigentlich müsse es oberstes Ziel sein, Infektionen zu vermeiden. "Da brauchen wir eine gewisse Art von Übertragungsreduktion, von Kontaktmaßnahmen." Denn bei einer anhaltenden Infektionsdynamik hält Drosten es für unwahrscheinlich, dass eine ausgeweitete 2G-Regel dazu führt, die Inzidenz schnell genug zu senken. Die Ungeimpften würden sich ins Private verlagern, doch das Virus komme zu ihnen nach Hause, weil Geimpfte es ja auch übertragen können.

"Wir müssen jetzt die Infektionstätigkeit wieder kontrollieren, auch durch Kontaktmaßnahmen", sagt Drosten. Die bisherigen Wellen hätten gezeigt, dass eine Verhaltensänderung der Gesamtbevölkerung zum Sinken der Inzidenz beiträgt. "Wenn die Leute ihr Verhalten ändern und die Bedrohung ernster nehmen, hat das einen Effekt." Klare Kommunikation sei da sehr wichtig: "Man muss klar machen, dass es sehr ernst ist."

Bei Nichtstun bis zu 100.000 weitere Tote befürchtet

Würde man jetzt nicht mit härteren Maßnahmen reagieren, sieht Drosten angesichts der Erfahrungen in England mit einer ähnlich hohen Impfquote, aber deutlich mehr natürlichen Ansteckungen und Toten auch auf Deutschland bis zu 100.000 weitereTodesfälle zukommen. Er betont: "Das ist eine konservative Schätzung."

In Politik und Wirtschaft habe sich die Erkenntnis noch nicht durchgesetzt, dass neuerliche Kontaktmaßnahmen nicht nur epidemiologisch relevant seien, sondern auch wirtschaftlich. Mit Blick auf hohe Impfquoten etwa in Spanien sagt Drosten, dass es im nächsten Frühjahr eine Gruppe von europäischen Ländern geben werde, die weitgehend durch ist mit der Pandemie, und eine Gruppe, die nicht durch ist. "Ich denke, dass Deutschland bis dahin noch nicht durch sein wird."

Das Szenario, das der Virologe weiter ausmalt: Im Sommer beruhigt sich die Lage aufgrund des Saisonalitätseffekts. "Mit einer immer noch nicht geschützten Bevölkerung gehen wir dann in den nächsten Winter. Und wir haben dann ein noch größeres Problem. Dieses Szenario sollte man sich auch in der Wirtschaft durch den Kopf gehen lassen."

Booster-Impfungen helfen mittelfristig, die Übertragungsrate zu senken

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Als mittelfristige Strategie setzt Drosten auf die Booster-Impfungen. Er bezeichnet sie als einen Rettungsanker für den Übertragungsschutz. Schaffe man es, die Hälfte der Bevölkerung zu boostern, dann würde das die Übertragungsrate deutlich senken. "Der Impfstoff war nicht gezielt für die Delta-Variante gemacht, sondern für ein Virus, das heute gar nicht mehr zirkuliert", sagt der Virologe. Daher sei die dritte Dosis nun für alle notwendig.

Strikte Zeitvorgaben wie die Stiko-Empfehlung, nur Personen zu boostern, deren Impfung länger als sechs Monate zurückliegt, kämen für den Gemeinschaftsschutz zu spät. Denn bei manchen sei der Impfschutz schon nach drei bis vier Monaten nicht mehr so belastbar und nicht erst plötzlich nach sechs Monaten verschwunden. Es gehe nun mal um das Durchbrechen der aktuellen Welle und nicht um das Datum im Impfpass. In allen Fällen müsse die Auffrischungsimpfung aber bei den Alten beginnen, auch hier mit stärkerer Rücksicht auf das Lebensalter als auf das Datum der Zweitimpfung. Ärzte hätten hier auch einen gewissen Ermessensspielraum.

Einzige langfristige Lösung: Impflücken schließen - notfalls mit Druck

Und was hilft langfristig? "Die Antwort ist mehr als einfach: Wir müssen die Impflücken schließen, alle bei den Alten und die meisten bei den Jüngeren", ist Drosten überzeugt. Als größte Sorgenfälle gelten für den Virologen alte Personen, Menschen mit geringem Sprachverständnis und sonstige schlecht informierte Bevölkerungsgruppen.

Die aktuell diskutierten politischen Vorschläge wirkten genau dort nicht, wo die größten Sorgenfälle liegen. "Die sind dadurch zu erreichen, dass man ganz gezielt die Impfung zu ihnen hinbringt", sagt Drosten und ergänzt: "oder dadurch, dass man eine Regelung schafft, dass sie sich einfach impfen lassen müssen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 09.11.2021 | 17:00 Uhr

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