Stand: 27.03.2020 17:19 Uhr

Warum sich Corona-Fallzahlen so stark unterscheiden

Eigentlich sollte beim Robert Koch-Institut (RKI) täglich die Anzahl der neuen labordiagnostisch bestätigten Erkrankungen aus allen Bundesländern einlaufen. Eigentlich. Doch die behördliche Meldekette von den Laboren über die Gesundheitsämter bis zum RKI hat ihre Tücken.

RKI: Corona-Zahlen liefen lückenhaft ein

Wie anfällig die Datenübermittlung sein kann, hat das letzte März-Wochenende gezeigt, das hier exemplarisch mit den damals gültigen Zahlen beleuchtet wird. So verkündeten erste Medien einen Rückgang der Neuinfektionen. Basis waren die täglichen Veröffentlichungen des RKI. Allerdings waren die Zahlen nicht vollständig - und die abgeleitete Annahme, dass die Fallzahlen sinken, falsch. Die deutsche Bundesoberbehörde für Infektionskrankheiten musste daraufhin einräumen, dass an diesem Wochenende "nicht aus allen Ämtern Daten übermittelt" wurden.

Hohe Datendichte unter hohem Zeitdruck

Der RKI-Meldeverzug an Wochenenden ist nur ein Beispiel für die Schwächen des langen Informationsweges. Dass Fehler in einer außergewöhnlichen Belastungssituation wie der Corona-Pandemie passieren können, liegt auf der Hand. Oft zeigen kleine Ungenauigkeiten - ein fehlplatzierter Link, eine vergessene Zahl oder auch ein schlichter Tippfehler - wie sehr das gesamte System unter Hochdruck läuft, um die Menschen auf der ganzen Welt schnellstmöglich zu informieren.

Drei Quellen - drei verschiedene Datensätze

Allerdings offenbart sich auch, dass die Informationskette für Außenstehende nicht vollständig zu durchschauen ist. Eine der größten offenen Fragen lautet derzeit, warum verschiedene Institutionen unterschiedliche Zahlen von Neuinfizierten veröffentlichen.

Diese Ungereimtheit lässt sich derzeit nicht vollständig erklären. Es gilt jedoch: Die offizielle Instanz in Deutschland für Fallzahlen ist das Robert Koch-Institut. Hier laufen die Informationen aus den regionalen Gesundheitsämtern und Landesgesundheitsministerien letztlich zusammen - und das RKI informiert internationale Partner wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Beobachter erklären Unterschiede in den Tageswerten derzeit oft mit der Zeit, die ein laborbestätigter Fall braucht, um unter Prüfung von den Ärzten über die Gesundheitsämter zum RKI zu kommen. Bis zu zwei Tage können da vergehen. Wie die WHO zuletzt zu höheren Zahlen für Deutschland gekommen ist als das RKI, kann sich eine Sprecherin der Behörde in einem Gespräch mit dem NDR nicht erklären.

Johns-Hopkins-Universität: Schnelle Zahlen, intransparente Quellen

Eine der weltweit besonders oft zu Rate gezogenen Quellen für die Ausbreitung des Coronavirus ist das Corona-Dashboard der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität (JHU) in Baltimore. Seit Beginn der Pandemie vermeldet die Forschungseinrichtung höhere Zahlen als die offiziellen Stellen in Deutschland. Die Anzahl der Neuinfizierten liegen bis zu einem Drittel höher als die offiziell gemeldeten RKI-Zahlen - ein Unterschied von mehreren Tausend Infizierten.

Auf ihrer Internetseite verweist die Universität auf mehrere weitere Daten-Sammler als Quelle, neben der WHO auch auf das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten, staatliche amerikanische und asiatische Stellen sowie mehrere private Anbieter.

Je genauer man sich diese Datenquellen ansieht, desto unübersichtlicher wird es. Auch in Deutschland gibt es immer mehr Menschen, die - teils privat und ohne kommerzielles Interesse - Daten zu Corona-Infizierten im Internet verbreiten. Einige davon scheinen über Umwege ihren Weg in das Corona-Dashboard der JHU zu finden. Zudem gibt die Universität an, die Informationen der offiziellen Quellen mit Nachrichten zu Neuinfizierten, Verstorbenen und Genesenen von "staatlichen und nationalen Gesundheitsbehörden" sowie aus "lokalen Medienberichten" zu ergänzen. Eine ZAPP-Recherche zeigt, dass sich die Uni über weite Strecken beim Corona-Monitor der Berliner Morgenpost bedient hat.

Mehrere Quellen vergleichen und offen legen

Zwar besteht ein großes öffentliches Interesse an der aktuellen Ausbreitung der Krankheit, das unbedingt auch bedient werden soll. Denn nur an diesen Daten lässt sich in den kommenden Tagen und Wochen beurteilen, ob Kontaktverbote und Social Distancing ihre Wirkung entfalten. Doch letztlich gilt es in einer so unübersichtlichen Situation wie der Corona-Pandemie, die aktuellsten Zahlen stets mit Vorsicht zu genießen.

Um beiden Ansprüchen bestmöglich gerecht zu werden, setzt der NDR auf Transparenz - und gleicht zum Beispiel in seinem Live-Ticker die täglich gemeldeten Werte des RKI mit denen der Ministerien ab. Denn auch diese geben Zahlen ihrer Gesundheitsämter bekannt - und sind dabei oft schneller als das RKI selbst.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info | 24.03.2020 | 21:45 Uhr