"Konstruktiver Journalismus ist nicht unkritisch"

Stand: 16.11.2021 18:23 Uhr

Am 16. November 2021 fand der Constructive Journalism Day in Hamburg zum vierten Mal statt. Dabei ging es um die gesellschaftliche Bedeutung von konstruktiver, lösungsorientierter Berichterstattung.

von Charlotte Horn

"Mission Klima" – so heißt der neue NDR Info Podcast, in dem sich die Wirtschaftsredaktion auf die Suche nach Lösungen für die Klimakrise macht. In der aktuellen Folge 3 lotet das Team zum Beispiel die Chancen aus, Frachtschiffe künftig mit Methanol zu betreiben.

Schon seit einigen Jahren spürt im Radio und als Podcast auch die NDR Info Reihe "Perspektiven" Fortschritte und spannende Lösungsansätze auf – zuletzt etwa ein Verfahren, Kautschuk aus Löwenzahn herzustellen und damit zum Schutz der Regenwälder beizutragen. Mit dieser Art der Berichterstattung, die Medienschaffende "konstruktiven" oder "lösungsorientierten" Journalismus nennen, ist NDR Info im deutschen Radio Vorreiter.

Constructive Journalism Day findet ein mal im Jahr statt

Ingo Zamperoni beim Constructive Journalism Day 2021. © NDR Foto: Jann Wilken
Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni moderierte die Diskussionsrunde zum Beginn des Tages.

Wie wichtig NDR Info Diskussionen über journalistische Qualität und die Zukunft des Journalismus sind, zeigte sich auch beim "Constructive Journalism Day", einer Fachtagung, die NDR Info gemeinsam mit der Hamburg Media School (HMS) veranstaltet – am Dienstag (16.11.2021) bereits zum vierten Mal. Gastgeber waren NDR Chefredakteur Adrian Feuerbacher und Alexandra Borchardt, die das Weiterbildungsprogramm für innovative Medienschaffende an der HMS leitet. Unterstützt wurde die Tagung von der Deutschen Welle und der Schöpflin Stiftung.

Bevor sich Journalistinnen und Journalisten aus ganz Deutschland am Nachmittag in Workshops mit konkreten Beispielen für konstruktiven Journalismus beschäftigten, gab es am Vormittag Keynotes und Diskussionsrunden - live zu sehen auf NDR.de im Videostream und zu hören im Digitalradio auf NDR Info Spezial. Moderator Ingo Zamperoni von den ARD Tagesthemen begrüßte unter anderen den Chefredakteur der Geo-Gruppe Jens Schröder, den Medienforscher Stephan Weichert und den Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und SZ Georg Mascolo.

Journalismus als vierte Säule der Demokratie

Ellen Heinrichs beim Constructive Journalism Day 2021. © NDR Foto: Jann Wilken
Ellen Heinrichs hat in einer aktuellen Studie für das Grimme-Institut erforscht, wie sich lösungsorientierte Geschichte auswirken.

Auch Ellen Heinrichs, die bei der Deutschen Welle lösungsorientierte Formate angeschoben hat, war dabei. In der lösungsorientierten Erzählweise sieht sie einen Kompass für den Journalismus von morgen: "Konstruktiver Journalismus analysiert Lösungen genauso kritisch wie Probleme." Journalistinnen und Journalisten sollten Verantwortung übernehmen für die Wirkung ihrer Geschichten – und nicht polarisieren. "Der Konstruktive Journalismus möchte nichts anderes als das: einen Journalismus fördern, der gut ist für die Gesellschaft. Er ist keine Ideologie, er ist nicht unkritisch. Man muss nicht an ihn glauben."

Ellen Heinrichs hat in einer Studie für das Grimme-Institut erforscht, wie sich lösungsorientierte Geschichte auswirken. Ihr Fazit: Es lohne sich. Gerade jüngere Menschen blieben länger dran, teilten konstruktive Geschichten in den sozialen Medien und seien auch bereit, für solche Geschichten zu bezahlen und Abos abzuschließen.

Nachrichten sollten mehr einordnen

Sham Jaff bei einer Diskussionsrunde zum Constructive Journalism Day 2021. © NDR Foto: Jann Wilken
Sham Jaff berichtet über Themen, die sonst in den Mainstream-Medien nicht so stattfinden.

Im Anschluss gab die Journalistin Sham Jaff Einblicke in die Arbeit an ihrem Newsletter "What happened last week". Darin berichtet sie auf Englisch über Themen, die in anderen Medien selten stattfinden – vor allem aus Ländern in Asien, Lateinamerika und Afrika. Inzwischen nutzen ihren Newsletter etwa 14.000 Menschen weltweit. Was ihre Leserinnen und Leser dazu animiert? Das fragte sich Sham Jaff selbst und startete Gespräche mit den Lesern.

"Ich habe sehr viel darüber gelernt, wie ich als Journalistin und als Medienmacherin richtig und falsch mache und was konstruktiver Journalismus wirklich sein kann. Nämlich ein Journalismus, den sich Leser*innen für sich und ihre Liebsten insgeheim wünschen." Nachrichten sollten ihrer Meinung nach mehr Kontext anbieten, mehr einordnen. "Systemische Probleme und ihre Lösungen, die haben eine harte Zeit im Journalismus. Sie bekommen so wenig Aufmerksamkeit."

Corona-Pandemie als Booster für konstruktiven Journalismus

Stephan Weichert © picture alliance/dpa Foto: Sebastian Isacu
Stephan Weicherts Erkenntis aus seiner Studie: Konstruktiv vermittelter Journalismus kann die Debattenkultur stärken.

Der Medienforscher Stephan Weichert hat für eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung zusammen mit seinem Kollegen Leif Kramp den konstruktiven Journalismus während der Corona-Pandemie analysiert. Zentraler Befund: Konstruktiv vermittelter Journalismus kann die Debattenkultur stärken. "Die Corona-Pandemie ist ein Booster für den konstruktiven Journalismus gewesen, sowohl in der inhaltlichen Ausrichtung in den Redaktionen, aber auch für Neugründungen digitaler Startups, die sich diesem Ansatz verschrieben haben."

Leuten zutrauen Komplexität zu verstehen

Eine große Rolle in der Diskussion spielten Erkenntnisse aus der Berichterstattung über die Corona-Pandemie. NDR Chefredakteur Adrian Feuerbacher und der Chefredakteur der Zeitschrift Geo, Jens Schröder, waren sich einig: Journalisten sollten ihrem Publikum mehr Komplexität zutrauen – und keine Furcht vor Berichterstattung über komplizierte, langwierige Lösungssuchen haben. Adrian Feuerbacher warnte zudem davor, in Medien eine Geringschätzung für Streit und Auseinandersetzungen zu vermitteln: "Ohne Streit gibt es keinen Fortschritt, keine Lösungen – die Menschheit wäre ohne Streit vermutlich schon nicht mehr auf diesem Planeten."

Kern des Journalismus ist noch immer die Substanz

Georg Mascolo bei einer Diskussionsveranstaltung beim Constructive Journalism Day 2021. © NDR Foto: Jann Wilken
Georg Mascolo, wies darauf hin, dass der Kern des Journalismus die Geschichte an sich ist.

Einen skeptischen Blick auf konstruktiven Journalismus hatte in der Runde Georg Mascolo, der Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und SZ. "Ich glaube, dass wir aufpassen müssen, dass wir nicht irgendwann nur noch Lametta haben, aber keine Bäume mehr", so der renommierte Investigativ-Journalist. Der Kern des Journalismus sei immer noch die Substanz, die Geschichte an sich.

Die Aufzeichnung der gesamten Diskussionsrunde des Constructive Journalism Day 2021 gibt es hier.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 16.11.2021 | 17:35 Uhr

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