Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Ciesek: Immunsystem braucht bei einigen Mutationen mehr Antikörper

Stand: 26.01.2021 17:13 Uhr

Im NDR Info Podcast Coronavirus-Update erklärt Sandra Ciesek, inwiefern Impfungen durch Mutationen beeinflusst sein können und für wen Antikörper-Medikamente sinnvoll wären.

von Sonja Puhl

Nach gut einem Jahr Pandemie hat zuletzt vor allem auch das Auftreten von Mutationen des ursprünglichen Coronavirus für Aufregung gesorgt. Die britische, die südafrikanische und die brasilianische Variante sind inzwischen auch in Deutschland und teils auch im Norden registriert worden. Es gibt nun die Befürchtung, dass eine Impfung nicht oder nicht so gut gegen diese Mutationen wirken könnte. Die Mutationen E484K und K417N kommen nur in der südafrikanischen und brasilianischen Variante vor und "haben wahrscheinlich einen Einfluss auf die Neutralisierung", sagt Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt am Main. Es handelt sich um sogenannte Escape-Mutationen. Das heißt, dass eine Virus-Variante sich der Neutralisation der Immunantwort entziehen kann, dass man sich also möglicherweise noch einmal infizieren kann, nachdem man schon infiziert war. Auch die Wirksamkeit von Impfstoffen und Antikörper-Therapien könnte damit eingeschränkt sein.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash

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Immunsystem braucht bei Escape-Mutationen mehr Antikörper

Ciesek berichtet jedoch von zwei vorveröffentlichten Studien zum Immun-Escape, die nahelegen, dass auch bei diesen Mutationen die Neutralisierung etwa durch eine Impfung nicht komplett aufgehoben, sondern nur schwächer geworden ist. Weitere Untersuchungen seien dazu aber noch nötig, sagt Ciesek. Die vorläufige vorsichtige Schlussfolgerung der Expertin: "Es führt dazu, dass es mehr Antikörper braucht, um den gleichen Effekt zu bekommen, wie wenn man beim 'Wildtyp' neutralisieren würde."

Anbieter von Impfstoff kündigen Anpassungen an

Die derzeit in Deutschland verimpften Vakzine von Biontech und Moderna haben laut Ciesek ein großes Potenzial: "Die mRNA-Impfstoffe sind sehr effektiv und sorgen dafür, dass wir einen Überschuss an Antikörpern bilden," erklärt die Virologin. Nichtsdestotrotz hat die Firma Biontech bereits angekündigt, den Impfstoff kurzfristig anpassen zu können. Und auch der Anbieter Moderna arbeitet an einem veränderten Impfstoff, der speziell auf die südafrikanische Mutation zielt, wie ein sogenannter "Booster" wirkt und der bei der - ohnehin erforderlichen - zweiten Impfung verabreicht werden könnte, berichtet Ciesek. "Das muss natürlich erst mal noch in Studien überprüft werden, aber wäre eine Möglichkeit, wie man damit umgehen könnte. Da muss man aber auch immer zeigen, dass dieser neue Impfstoff, der auf die Variante abzielt, auch noch das ursprüngliche Virus, also den Wildtyp neutralisieren kann."

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Monoklonale Antikörper-Medikamente nur für bestimmte Patienten geeignet

Neben der Impfung setzt Deutschland auch auf die Gabe von Medikamenten mit monoklonalen Antikörpern, die eine passive Immunisierung bewirken. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte kürzlich bekanntgegeben, dass der Bund 200.000 Dosen für 400 Millionen Euro eingekauft habe. So soll in den nächsten Wochen eines der beiden Präparate der US-Hersteller Eli Lilly beziehungsweise Regeneron im Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) eintreffen. Es sollen stationäre und teil-stationäre Patienten und Patientinnen damit behandelt werden, die milde oder moderate Symptome haben und Risikofaktoren für einen schweren Verlauf zeigen. Für Intensivpatienten, die bereits beatmet werden, ist das Medikament nicht geeignet. Das UKE wird die Verabreichung wissenschaftlich begleiten. Die Medikamente sind noch nicht in Europa zugelassen. Kliniken sieht auch Virologin Ciesek als das Haupteinsatzfeld dieser Medikamente, denn sie müssen intravenös verabreicht werden. Außerdem gibt sie zu bedenken, dass diese Medikamente nur bei bestimmten Patienten Sinn machten, etwa bei Menschen mit unterdrücktem Immunsystem, die selbst keine Antikörper bilden können.

Verwirrung um Wirkung des AstraZeneca-Impfstoffs bei Älteren

Die Frage, für welche Patienten der Coronavirus-Impfstoff AstraZeneca geeignet ist, sorgte heute für verwirrende Schlagzeilen. Der Pharmahersteller wies Vorwürfe zurück, wonach dieser Impfstoff bei Senioren nur eine schwache Wirkung haben soll. Ein Sprecher des Konzerns erklärte, eine neuere Studie zeige, dass das Präparat auch bei Senioren eine starke Immun-Antwort auslöse. Allerdings war der Anteil älterer Probanden in der Zulassungsstudie vergleichsweise gering. Auch Virologin Ciesek warnt vor voreiligen Schlüssen: "Ich erhoffe mir von den Zulassungsbehörden, dass die das ganz transparent prüfen, dann mitteilen, und ich vertraue denen auch, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen werden."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Das Coronavirus-Update von NDR Info | 26.01.2021 | 17:00 Uhr

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