Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Corona-Podcast: Diese Medikamente hat Trump erhalten

Stand: 06.10.2020 17:00 Uhr

Nach der Corona-Infektion haben die Ärzte US-Präsident Donald Trump eine Reihe von Medikamenten verabreicht. Virologin Sandra Ciesek geht die Liste durch - und schildert ihre therapeutische Wirkung.

von Marc-Oliver Rehrmann

Dass die Ärzte des US-Präsidenten die Liste der Medikamente "so öffentlich gemacht haben, hat mich überrascht", sagt die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek in der neuen Folge des Podcasts Coronavirus-Update. Sie weist darauf hin, dass es mit den vorliegenden, spärlichen Informationen schwierig sei, den Gesundheitszustand des US-Präsidenten aus der Ferne zu beurteilen. Entscheidende Informationen fehlen: Wann genau hat sich Trump infiziert? Hat er Fieber? Wie sind die Werte der Sauerstoff-Sättigung? Wie sehen das Röntgenbild oder das Bild aus einer Computertomografie (CT) aus? "Was sich aber sagen lässt: Die Therapie, die Trump bekommt, ist sehr umfangreich - und auch nicht unbedingt der Standard in den Krankenhäusern", meint Ciesek.

Viele fühlen sich mit Corona-Infektion gut, obwohl die Werte schlecht sind

Donald Trump, Präsident der USA, sitzt in einem Auto und winkt durchs Fenster. © dpa bildfunk/AP Foto: Tony Peltier
Hat der US-Präsident das Schlimmste schon überstanden? Nach dreitägiger Behandlung verließ Trump das Krankenhaus wieder.

Zu den Fernseh-Bildern, die zeigen sollen, dass es Trump gut geht, gibt die Ärztin zu bedenken: "Bei Corona-Infektionen sehen wir häufig, dass bei Patienten schon ganz schlechte Werte mit Blick auf die Sauerstoff-Sättigung vorliegen, obwohl sie sich noch gut fühlen."

Der Risiko-Patient Donald Trump

Wie gefährlich kann die Corona-Infektion dem US-Präsidenten werden? Als Merkmale hält Ciesek zunächst fest: Donald Trump ist 74 Jahre alt, übergewichtig - und er hat nach Angaben seiner Ärzte Symptome gezeigt. Allein aufgrund seines Alters habe Trump ein 90 Mal so großes Risiko, an Covid-19 zu sterben wie jemand, der 18 bis 29 Jahre alt ist, so Ciesek. Die Medizinerin beruft sich bei dieser Einschätzung auf eine Studie aus den USA.

Auf der Medikamenten-Liste: Ein Antikörper-Cocktail von Regeneron

Ein Mann in weißem Kittel steht an einem Rednerpult und sprich in ein Mikrofon. © Imago images/MediaPunch
Das Ärzte-Team des US-Präsidenten hat bekannt gegeben, welche Medikamente sie ihm nach seiner Coronavirus-Infektion verabreicht haben.

Unter den Medikamenten, die der US-Präsident erhalten hat, ist ein Antikörper-Cocktail der Biotech-Firma Regeneron. Was hat es damit auf sich? Es ist ein Mix aus zwei verschiedenen monoklonalen Antikörpern - einer davon stammt vom Menschen, der andere Antikörper aus einer Maus, wie Ciesek erklärt. Beide haben als Angriffsziel verschiedene Punkte auf der Oberfläche des Sars-CoV-2. Dies habe folgenden Vorteil: Sollte sich das Coronavirus verändern, könnte der eine Antikörper seine Wirkung zwar verlieren, aber der zweite Antikörper könnte noch anschlagen. "Deshalb ist es wahrscheinlich eine gute Idee, zwei dieser Antikörper zu kombinieren", sagt die Virologin.

Trump profitiert von seinem Sonderstatus

US-Präsident Donald Trump streckt die Daumen nach oben auf dem Balkon vor dem Blue Room des Weißen Hauses in Washington. © dpa bildfunk/AP Foto: Alex Brandon
Trump erhielt auch ein Medikament, das für Normalbürger nicht verfügbar ist.

Der Antikörper-Cocktail könnte Trumps Krankheitsverlauf entscheidend beeinflussen. Aber noch fehlen Daten, um die Wirksamkeit richtig einordnen zu können. Der Normalbürger würde im Rahmen seiner Covid-19-Behandlung ohnehin kein solches Präparat bekommen. Antikörper-Therapien seien sehr teuer, sagt Ciesek. Die Antikörper seien auch nicht unbegrenzt herzustellen. Die Therapie komme deshalb nur für eine kleine Personengruppe infrage. Donald Trump profitiert in diesem Fall von seinem Sonderstatus.

Remdesivir: Für andere Krankheiten entwickelt

Sein Ärzte-Team hat sich auch für das antivirale Medikament Remdesivir entschieden. Der Wirkstoff war ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt worden und wurde gegen Ebola und Hepatitis C getestet. "Aber das Medikament hat da nur mangelhafte Ergebnisse erzielt", erzählt Ciesek. Es wirke aber bei vielen Viren wie beispielsweise Sars-1 und Influenza." Das Problem bei Remdesivir sei, dass es nicht perfekt designt wurde für Sars-CoV-2. "Wenn man sich das wie ein Schlüssel-Schloss-Prinzip vorstellt, würde ich sagen: Der Schlüssel passt, aber wenn man ihn umdrehen will, hakelt es ganz schön", sagt Ciesek. Bislang gebe es auch nur eine bedingte Zulassung für Remdesivir bei der Behandlung von Covid-19-Patienten.

Remdesivir verkürzt offenbar die Genesungszeit

Eine Studie legt aber nahe, dass das Medikament Remdesivir die Genesungszeit bei schwer erkrankten Patienten im Krankenhaus verkürzt - von durchschnittlich 15 Tagen auf 11 Tage. "Das hört sich zunächst nicht nach sehr viel an", sagt Ciesek. Aber nicht nur für den Patienten sei solch eine Verkürzung wichtig, sie entlaste auch das Gesundheitssystem, wenn sich die Beatmungsdauer oder generell die intensivmedizinische Versorgung verkürzt.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash

AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Der amerikanische Patient (76 Min)

Ciesek: Dexamethason ist für die Spätphase gedacht

Unklar ist für viele Beobachter, warum Donald Trump auch den Entzündungshemmer Dexamethason erhalten hat. Er soll eine überschießende Immunreaktion verhindern, also dass sich das Immunsystem eines Infizierten zu ungezielt und zu heftig wehrt und so den eigenen Körper schädigt. "Dexamethason gilt heute als erste Wahl bei schweren Fällen mit Covid-19 - genauer gesagt bei Patienten, die beatmet werden müssen", erklärt Ciesek. Bei Patienten, die keinen Sauerstoff erhalten, zeige sich hingegen kein positiver Effekt.

Warum erhielt Trump Dexamethason?

Hier stelle sich die Frage, warum die Ärzte Trump diesen Wirkstoff gegeben haben. "Wenn man den Wirkstoff in der Frühphase einer Erkrankung einsetzt und das Immunsystem blockt, könnte man sogar provozieren, dass die Erkrankung schwerer verläuft als ohne das Medikament", erklärt die Virologin in dem Podcast. Deswegen setze man Dexamethason eigentlich nur in der Spätphase des Krankheitsverlaufs ein - bei Patienten auf der Intensivstation. "Deshalb irritiert es viele, dass Trump einen Tag, nachdem er Dexamethason erhalten haben soll, aus dem Krankenhaus entlassen worden ist", sagt Ciesek.

Vitamin D, Zink und Aspirin

Bekannt geworden ist auch, dass die Ärzte dem infizierten US-Präsidenten Vitamin D, Zink und Aspirin verschrieben haben. Virologin Ciesek geht nicht davon aus, dass diese Präparate einen großen Effekt auf den Verlauf der Erkrankung haben können. "So schreibt man Zink kein starke antivirale Wirkung zu", sagt Ciesek. Zink sei zwar allgemein wichtig für das Immunsystem, spiele aber keine entscheidende Rolle dabei, wie schwer eine Covid-19-Erkrankung verläuft.

Melatonin: "Schutzwirkung gegen Covid-19 ist nicht bekannt"

Ähnliches gelte für das entzündungshemmende Medikament Melatonin, das ebenfalls auf Trumps Liste zu finden ist. "Melatonin wird in der Regel eingesetzt, um die Schlafqualität von Patienten zu verbessern", weiß Ciesek. Es sei rein spekulativ, dass das Medikament in Falle einer Coronavirus-Infektion einen durchschlagenden Effekt hat. "Eine Schutzwirkung gegen Covid-19 ist nicht bekannt", stellt die Virologin klar. Der Wirkstoff könne höchstens eine unterstützende Wirkung in der Therapie haben.

Famotidin hilft bei Magen-Darm-Geschwüren

Zu guter Letzt hat Trump noch das Medikament Famotidin erhalten, das eigentlich gegen Sodbrennen und zur Behandlung von Magen-Darm-Geschwüren eingesetzt wird. Laut einer Studie hatten offenbar einige Covid-19-Patienten berichtet, dass es ihnen nach der Einnahme von Famotidin innerhalb von 24 bis 48 Stunden deutlich besser gegangen sei. Ciesek hält diese Fallbeispiele aber nicht für sehr aussagekräftig. Notwendig seien hier klinische Studien mit zufällig ausgewählten Patienten.

Weitere Informationen
Der Virologe Prof. Christian Drosten und die Virologin Prof. Sandra Ciesek (Montage) © picture alliance/dpa, Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Christophe Gateau,

"Coronavirus-Update": Der Podcast mit Drosten & Ciesek

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Stapel Papier © NDR

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 06.10.2020 | 18:08 Uhr

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