Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Ciesek: Delta verzeiht noch weniger als die anderen Varianten

Stand: 29.06.2021 17:00 Uhr

Die Delta-Variante des Coronavirus verbreitet sich auch bei uns schneller als erhofft. Im NDR Info Podcast Coronavirus-Update sagt die Virologin Sandra Ciesek, dass die Mutante wohl im Juli vorherrschend sein wird.

von Ines Bellinger

Das Robert Koch-Institut (RKI) schätzte den Anteil der Delta-Variante in Deutschland bereits zu Beginn dieser Woche auf 50 Prozent. Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC geht davon aus, dass die Mutante bis Ende August für 90 Prozent der Coronavirus-Neuinfektionen in der EU verantwortlich sein könnte. "Viele haben befürchtet, dass Delta im Herbst hier dominant wird. Ich denke, wir werden es Anfang Juli schon sehen", sagt Sandra Ciesek. Noch sind die Infektionszahlen in Deutschland auf einem niedrigen Niveau. Es komme nun darauf an, rasch gegenzusteuern, um die Ausbreitung in der Fläche zu reduzieren und wieder steigende Inzidenzwerte zu verhindern. "Delta verzeiht noch weniger als die anderen Varianten, wenn man nicht schnell genug handelt."

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Delta ante portas (84 Min)

Delta-Variante: Wahrscheinlichkeit für Ansteckung in Deutschland steigt

Doch was bedeutet das für den Sommer, in dem viele Menschen verreisen und sich anders verhalten als im Alltag? "Testen bleibt im Kontext von Reisen weiter sinnvoll", sagt die Direktorin der Medizinischen Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt. Wichtig sei aber auch, dass man sich nach der Rückkehr aus dem Urlaub besonders vorsichtig verhalte. "Wir haben im letzten Jahr gesehen, dass aufgrund von Reisen an vielen Orten Infektionen eingeschleppt wurden." Quarantäne-Regeln gelten derzeit bei der Wiedereinreise aus Virusvariantengebieten. Aber auch innerhalb von Deutschland steige die Wahrscheinlichkeit, sich mit der Delta-Variante zu infizieren, so Ciesek. "Wir sind noch nicht am Ende der Pandemie, so sehr wir uns das alle wünschen." Es gelte nun, einen Mittelweg zu finden zwischen strikten Verboten und maßlosen Lockerungen.

Ciesek: Haben relativ wenig dazugelernt

Die gute Nachricht: "Wir wissen, dass man Delta genauso bekämpfen kann wie andere Varianten. Und im Vergleich zum letzten Jahr sind wir besser ausgerüstet gegen das Virus." Allein was den Impfstatus besonders gefährdeter Menschen betrifft. Dennoch blickt Ciesek nun weniger unbeschwert den Ferien entgegen, als sie es noch vor vier Wochen gedacht hätte: "Ich sehe, dass wir ähnliche Fehler machen wie letztes Jahr. Und wir haben doch relativ wenig dazugelernt. Es überwiegt ein bisschen die Sorge, dass man schneller als erwartet wieder einen Anstieg sehen wird." Sehr unbefriedigend sei das für sie als Wissenschaftlerin, weil es noch so viele Menschen gibt, die noch kein Impfangebot hatten. Und das Impfen sei immer noch "eines der besten Werkzeuge gegen das Virus".

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Auffrischungsimpfungen - ja oder nein?

An dieser Einschätzung ändern auch wissenschaftliche Daten nichts, die darauf hindeuten, dass der Immunschutz mancher Menschen einige Monate nach einer vollständigen Impfung zurückgehen könnte. So meldet Israel, wo knapp 60 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sind, wieder steigende Infektionszahlen - auch dort ist die Ausbreitung der Delta-Variante ein wesentlicher Faktor. Ob vor diesem Hintergrund Auffrischungsimpfungen nötig seien, zumindest für besonders gefährdete Menschen, müsse rasch geklärt werden, sagt Ciesek.

Impfabstand: Derzeit keinen Wirkverlust riskieren

Und auch die Beobachtung, dass vor allem Menschen, die erst eine Impfdosis erhalten haben, noch relativ anfällig gegen die Delta-Variante sein könnten, gelte es genau zu verfolgen und zu bewerten. Eine Verkürzung des Impfabstands wird in diesem Zusammenhang bereits diskutiert. "In Deutschland sind die Infektionszahlen derzeit aber so niedrig, dass man keinen Wirkverlust riskieren sollte", sagt Ciesek. Denn der empfohlene Abstand zwischen zwei Dosen ist derzeit auf die maximale Wirksamkeit der Vakzine ausgelegt. Für eher unwahrscheinlich hält es die Forscherin, dass sich das Virus im Verlauf der Pandemie noch derart verändern könnte, dass der Impfschutz gar nicht mehr wirke.

Chinesische Impfstoffe wirken über inaktivierte Coronaviren

Fragen wirft derzeit auch das Infektionsgeschehen in Ländern wie Indonesien, Bahrain, der Mongolei oder auf den Seychellen auf. Die Seychellen hatten Mitte Mai eine Sieben-Tage-Inzidenz von 2.000 gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Menschen. Es gab vermehrt Berichte, dass sich selbst geimpfte Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen infiziert hätten. Die Länder setzen auf die chinesischen Impfstoffe Sinopharm und Sinovac. Das sind Vakzine, die auf der Basis von in Zellkultur vermehrten und danach inaktivierten Coronaviren funktionieren. Eine seit Jahrzehnten etablierte Impfstoffart, die zudem einfach und schnell herzustellen ist.

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Sie könne die Datenqualität der Impfstoffstudien nicht beurteilen, sagt Ciesek: "Es könnte sein, dass die Impfstoffe vor allem vor schweren Erkrankungen und vor Tod schützen, nicht aber vor Ansteckung." So ist auf den Seychellen trotz extrem hoher Inzidenzwerte durchschnittlich nur ein Covid-19-Todesfall pro Tag registriert worden. In der EU sind Impfstoffe aus China derzeit nicht zugelassen.

Bislang schlimmster Anstieg in Afrika

Noch mehr Sorge bereitet der Virologin der Blick nach Afrika. In weniger als 50 Tagen wurden auf dem Kontinent eine halbe Million Neuinfektionen nachgewiesen. Bisher haben 14 afrikanische Länder das Auftreten der Delta-Variante gemeldet. "Fachleute gehen davon aus, dass der jüngste Anstieg anscheinend der schlimmste ist für Afrika, den es bisher gab", sagt Ciesek. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich hoch, die Bedingungen zur Bekämpfung der Pandemie sind schwierig. In vielen Ländern sind die Ressourcen im Gesundheitswesen begrenzt, die Einhaltung von Alltagsmaßnahmen ist häufig nicht einfach, das Testen und Nachverfolgen wird zur Herausforderung. In vielen Ländern werden nicht einmal die Todeszahlen erfasst. Auch die Impfkampagnen kommen nur schleppend voran. "Kenia hat schon 70 Prozent Delta, aber nur 0,4 Prozent der Bevölkerung sind vollständig geimpft", sagt Ciesek.

"Uns muss einfach klar sein, dass niemand sicher ist, so lange nicht alle sicher sind." Sandra Ciesek

Mangelnde Solidarität ist ein Risiko für alle

Angesichts solcher Fakten könne der Appell an die westliche Welt nur lauten, diesen Ländern medizinische Ausrüstung und Impfstoffe zur Verfügung zu stellen oder sie in die Lage zu versetzen, selbst Impfstoff zu produzieren. Abgesehen vom Gebot der Fairness sollten wir nicht aus dem Blick verlieren, welches Risiko mangelnde Solidarität mit ärmeren Ländern für alle berge, sagt Ciesek: "Uns muss einfach klar sein, dass niemand sicher ist, so lange nicht alle sicher sind."

Hinweis: Mit Folge 95 verabschiedet sich der NDR Info Podcast Coronavirus-Update in die Sommerpause. Die nächste reguläre Folge gibt es am 7. September 2021. Alle Hörer*innen dürfen sich im Juli und August auf ein Sommerprogramm mit acht Kurzfolgen freuen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 29.06.2021 | 17:00 Uhr

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