Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Ciesek: "Asthmasprays halte ich nicht für einen Game Changer"

Stand: 20.04.2021 22:51 Uhr

In der neuen Folge des NDR Info Podcasts "Coronavirus-Update" macht Virologin Sandra Ciesek deutlich, dass Asthmasprays, Vitamin D und UV-Licht bei der Therapie von Covid-19-Patienten zu vernachlässigen sind.

von Marc-Oliver Rehrmann

Sind gängige Asthmasprays ein Hoffnungsträger im Kampf gegen schwere Covid-19-Verläufe? Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sprach kürzlich von einem "Game Changer" in der Pandemie und berief sich dabei auf eine Studie aus Großbritannien. Darin waren Wissenschaftler zu dem Schluss gekommen, dass die Gabe eines Kortison-haltigen Asthmasprays für eine kurze Dauer eine wirksame Behandlung in einem frühen Stadium von Covid-19 bei Erwachsenen sein könne.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Risiken und Nebenwirkungen (72 Min)

Sandra Ciesek sagt nun dazu: "Diese Studie macht Hoffnung, dass vielleicht einige Gruppen von den Sprays profitieren könnten, aber ich bleibe skeptisch." Die Daten der Studie zeigten nämlich auch, dass es bei dem Sauerstoff-Bedarf der Erkrankten keinen Unterschied macht, ob jemand zuvor mit einem Asthmaspray behandelt wurde oder nicht. Auch bei der Viruslast sei kein Unterschied auszumachen gewesen. Außerdem hatte die Studie nur vergleichsweise junge, gesunde Patienten in den Blick genommen.

Asthmasprays nicht vorbeugend gegen Corona verwenden

"Ich würde die Asthmasprays nicht als 'Game Changer' bezeichnen", stellt Ciesek deshalb klar. Vor allem: Es mache überhaupt keinen Sinn, als Nicht-Asthmatiker solche Sprays prophylaktisch zu nehmen, um eine Infektion mit dem Coronavirus zu verhindern. "Das würde gar nichts bringen - und wäre sogar kontraproduktiv." Schließlich unterdrückt das Kortison eine Immunabwehr des Körpers. Eine Langzeittherapie für Asthmatiker mit Kortisonspray bleibt von dieser Empfehlung allerdings unberührt.

Vitamin D: Offenbar kein Einfluss auf Verweildauer im Krankenhaus

Ein weiteres Thema der aktuellen Podcast-Folge ist der therapeutische Einsatz von Vitamin D3, der in deutschen Kliniken nicht mehr per Leitlinie empfohlen wird. Ciesek weist darauf hin, dass zwar bei vielen schwer erkrankten Covid-19-Patienten ein niedriger Vitamin-D-Spiegel zu beobachten ist. "Aber ob da ein Zusammenhang mit der Coronavirus-Infektion besteht, lässt sich zur Zeit nicht eindeutig sagen." Eine aktuelle Studie aus Brasilien zeigt, dass es keine signifikante Veränderung der Verweildauer im Krankenhaus gibt, wenn die Ärzte zuvor eine hohe Dosis an Vitamin D verabreicht hatten. "Diese Daten legen den Schluss nahe, dass nicht jeder von der Gabe von Vitamin D profitieren würde", erklärt die Ärztin von der Uniklinik Frankfurt am Main.

"Von einem Sonnenbad würde ich nicht zu viel erwarten"

Ciesek äußert sich auch zur Frage, ob Sonnenlicht - also UV-Licht - zu verringerter Sterblichkeit bei Covid-19 führt. Die Virologin macht deutlich, dass Sonnenstrahlen in der Tat Erreger unschädlich machen könnten, aber nur, wenn die Erreger frei im Raum sind - etwa in einem Labor. Wenn die Erreger hingegen an Zellen im menschlichen Körper gebunden sind, sehe das anders aus. "Es ist sicher nicht falsch, wenn sich jemand auf den Balkon in die Sonne setzt. Ich würde mir nur nicht viel davon erwarten", sagt Ciesek. "Es ist nicht so, dass man nicht mehr infektiös ist, wenn man sich draußen gesonnt hat."

Vom Gebrauch von UV-Lampen in Privaträumen rät sie ab. Die Geräte könnten die Augen schädigen. Um Viren unschädlich zu machen, könne man einfach Reinigungsmittel verwenden.

Thrombose-Risiko nach einer Impfung wird überschätzt

Als ein Problem sieht Ciesek an, dass viele Menschen infolge der Medienberichte über Thrombose-Fälle beim Impfstoff AstraZeneca das eigene Risiko, nach einer Coronavirus-Impfung an einer Thrombose zu erkranken, überschätzen. Die Bewertung des Risikos sollte vielmehr auch davon abhängen, wie wahrscheinlich es im Vergleich ist, schwer an Covid-19 zu erkranken, betont Ciesek.

Sie weist in diesem Zusammenhang auf einen "Risiko-Rechner" der Universität Cambridge in England hin. Forscher haben für bestimmte Altersgruppen verglichen, wie groß einerseits das Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung ist und andererseits wie wahrscheinlich eine schwere Schädigung infolge einer Impfung mit dem Impfstoff von AstraZeneca ist. Zugleich haben sie mit einberechnet, wie sich diese Risiko-Bewertung bei unterschiedlichen Inzidenzzahlen verändert. "Dabei zeigt sich, dass in den allermeisten Fällen der Impfstoff bei Weitem sicherer ist als die Risiken eine Coronavirus-Infektion", hält Ciesek fest. Diese Schlussfolgerung gelte - bei hohen Inzidenzzahlen - sogar für die Altersgruppe von 20 bis 29 Jahren, die ein relativ geringes Risiko für schwere Verläufe von Covid-19 hat. "Hier liegt das Risiko einer Einweisung in die Intensivstation doppelt so hoch wie das Risiko einer ernsthaften Schädigung durch den Impfstoff."

Noch viel deutlicher ist der Effekt bei der Altersgruppe von 60 bis 69 Jahren zu erkennen: Das Covid-19-Risiko liegt hier mehr als 600 Mal höher als das Impfstoff-Risiko. "Nur bei einem Szenario fällt die Nutzen-Risiko-Bilanz anders aus - also zu Ungunsten des Impfstoffs von AstraZeneca", sagt Ciesek. "Das ist der Fall bei Menschen, die unter 30 Jahre alt sind und die sich in Zonen mit niedrigen Inzidenzzahlen befinden."

Rund um einen Impftermin: Nicht übermäßig viel Alkohol trinken

Wie erfolgreich eine Corona-Impfung ist, hängt laut Ciesek in erster Linie vom (hohen) Alter ab, aber gegebenenfalls auch vom Gewicht. Es habe sich - auch bei anderen Impfungen wie Hepatitis - gezeigt, dass bei Übergewicht die Antikörper-Antwort des Körpers auf eine Impfung weniger stark ausfallen kann. Hingegen hat Alkohol nach Ansicht der Virologin keinen großen Einfluss auf den Immunschutz. Allerdings sei es nicht ratsam rund um einen Impftermin viel Alkohol zu trinken. "Große Mengen Alkohol sind schließlich Gift für den Körper. Und wenn der Körper nach einer Impfung mit der Immunabwehr beschäftigt ist, sollte man ihn nicht auch noch mit Giftstoffen belasten."

Eine Person hält einen Corona-Schnelltest in der Hand. © picture alliance/dpa/Fabian Strauch Foto: Fabian Strauch
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Corona-Schnelltests können Infektionsketten unterbrechen

Ähnlich wie der Virologe Christian Drosten hält auch Sandra Ciesek Corona-Schnelltests für einen wichtigen Baustein im Kampf gegen die Pandemie - auch wenn die Schnelltests "alles andere als perfekt sind". In Schulklassen und unter Altenheim-Bewohnern machten regelmäßige und häufige Testungen Sinn. "Selbst wenn mit den Schnelltests einzelne Infektionen übersehen werden - wichtiger ist, überhaupt Corona-Fälle aufzuspüren." Denn das Ziel müsse lauten, möglichst viele Infektionsketten zu unterbrechen.

Negative Schnelltests dürfen kein Freibrief sein

Hingegen seien Schnelltests kein geeignetes Mittel, um sie als "Türöffner" zu verwenden - etwa bei Konzerten oder im Restaurant. Denn damit der Antigen-Test anschlägt, braucht es eine hohe Viruslast. Besonders in den ersten Tagen einer Infektion können deshalb Infizierte, die noch keine Symptome aufweisen, übersehen werden. Ein negativer Schnelltest dürfe deshalb auch nicht als Freibrief verstanden werden, um etwa bei einem privaten Treffen nicht auf den Abstand zu achten, so Ciesek. "Es ist immer gefährlich, wenn man nach einem negativen Schnelltest sein Verhalten ändert."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 20.04.2021 | 17:00 Uhr

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