Stand: 02.07.2020 19:00 Uhr

"Kopf ab!“ - Diskussion über Hamburger Bismarck-Denkmal

Das Bismarck-Denkmal im Hamburger Stadtteil St. Pauli. © NDR Foto: Heiko Block
Über 34 Meter Gesamthöhe: Der steinerne Bismarck im Alten Elbpark ist das größte Bismarck-Denkmal weltweit.

Die Zukunft des größten Bismarck-Denkmals der Welt in Hamburg sorgt weiter für Diskussionen. Die Kulturbehörde hat angekündigt, dass im Sockel des Denkmals nach der Sanierung eine kritische Ausstellung zu sehen sein soll. Außerdem sei ein Symposium im Herbst in Planung, das Ideen für einen Umgang mit dem Denkmal sammeln soll. Für Kritiker wie den evangelischen Pastor und Gedenkkultur-Experten Ulrich Hentschel steht das Denkmal für deutschen Größenwahn und auch die Verbrechen des Kolonialismus.

Herr Hentschel, was würden Sie mit dem Bismarck machen?

Ulrich Hentschel: Es gibt viele Ideen. Eine wäre, die Szene zu wiederholen, die sich kurz vor der feierlichen Einweihung des Denkmals abgespielt hat. Da wurde der große Kopf des Herrn Bismarck in einem Pferdefuhrwerk von Altona zum Denkmal gebracht und dann draufgesetzt. Warum nimmt man diesen Kopf nicht wieder herunter, setzt ihn auf einen in Stein gemeißelten Pferdewagen - diesmal sozusagen auf dem Rückweg. Das heißt, es würde eine Irritation geben. Die ist ja enorm wichtig, so dass man nämlich die Monumentalität und Wucht dieses Denkmals aufbricht. Es nützt eben nichts, in den Katakomben ein paar Erklärungstafeln anzubringen. Die Wucht muss gebrochen werden. Dazu braucht es originelle Ideen. Jemand hatte vorgeschlagen, den großen Bismarck einfach schräg zu stellen. Ich vermute, das wäre statisch aufwendiger und teurer. Aber das soll ja alles im Herbst besprochen werden. Am Ende darf der alte Bismarck nicht mehr in seiner heroischen Pose mit dem Schwert Hamburg dominieren.

VIDEO: Koloniales Erbe: Brauchen wir einen Denkmalsturz? (6 Min)

Was sagen Sie denen, die meinen, es sei doch unsere Geschichte und Bilderstürmerei helfe niemanden weiter?

Hentschel: Denen sage ich: Ja, es ist unsere Geschichte. Und deshalb müssen wir darstellen, was Bismarck wirklich bedeutet hat. Er war nämlich kein Heroe, der nur Gutes für die Welt gebracht hat. Bekannt ist, dass er nach anfänglichem Zögern die deutsche Kolonialpolitik begründet hat. Auf einer Konferenz in Berlin, die er einberufen hat, stand er mit anderen gebeugt über eine Landkarte Afrikas, und sie haben dann den Kontinent untereinander aufgeteilt wie eine Räuberbande. Man sollte auch daran erinnern, dass er die Vorgängerorganisation der SPD verboten hat. Tausende von Sozialisten kamen damals in Gefängnisse und wurden ausgewiesen. Und dann war da auch noch der Kulturkampf, der sich nicht nur gegen die katholische Kirche richtete, sondern auch gegen das katholische Polen. Das alles sollte dargestellt werden. Und da bedarf es schon mehr als einer Erklärungstafel.

Wer war Otto von Bismarck?

Otto von Bismarck war von 1871 bis 1890 der erste Reichskanzler des Deutschen Reiches, dessen Gründung er maßgeblich vorantrieb. Zunächst führte er blutige Kriege, um einen deutschen Nationalstaat zu gründen, und hielt dann 20 Jahre lang Frieden. Er bekämpfte Katholiken und Sozialisten und führte dennoch die fortschrittlichsten Sozialgesetze der Welt ein. Er wurde im Volksmund "Eiserner Kanzler" genannt. Bismarck setzte außenpolitisch mit seinen Bündnissen auf ein ausgeglichenes Mächteverhältnis in Europa. Geboren wurde er am 1. April 1815 in Schönhausen. Er starb am 30. Juli 1898 in Friedrichsruh bei Hamburg.

Wenn Sie sich die Gedenkorte Neuengamme, Stadthaus, Hannoverscher Bahnhof und jetzt Bismarck anschauen: Welchen Eindruck haben Sie vom Gedenk-Konzept des Senats?

Der Gesamteindruck ist nicht gut. Es hat viele Fortschritte gegeben, wie die, die Sie genannt haben - aber diese Fortschritte waren immer von Gruppen aus der Zivilgesellschaft erkämpft. Der Senat musste immer gedrängt werden. Deshalb muss es diese Initiativen weiter geben. Wir müssen politisch aufmerksam bleiben, damit das nicht staatlich dominiert wird. Es braucht einen offenen Diskussionsprozess für das Bismarck-Denkmal - unter Begleitung aber nicht unter Leitung der Kulturbehörde, damit hier etwas gelingt, was in den letzten Jahren oft misslungen ist.

Das Interview führte Patricia Seger.

VIDEO: Heimatkunde: Bismarck-Denkmal (3 Min)

Weitere Informationen
Kultursenator Carsten Brosda (SPD) im Interview.

Brosda: "Wir brauchen ein Störgefühl"

Vielen gilt Bismarck als Wegbereiter des deutschen Kolonialismus. Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda erklärt im Interview, wieso eine Ausstellung am Bismarck-Denkmal allein nicht reicht. mehr

Bismarck-Denkmal im Alten Elbpark in Hamburg © picture alliance / blickwinkel Foto: McPHOTO

Vom Kanzler zur Kultfigur: Mythos Bismarck

Schon zu Lebzeiten wurde der Eiserne Kanzler zur Legende, dem Denkmäler und sogar ein Hering gewidmet wurden. Wie kam es dazu und was ist von Bismarck heute geblieben? mehr

Otto von Bismarck auf einem Gemälde von Franz von Lenbach © picture-alliance / akg-images / Erich Lessing Foto: Erich Lessing

Otto von Bismarck: Gutsherr, Kriegsherr, Reichskanzler

Der ehemalige Reichskanzler Otto von Bismarck ist eine umstrittene Figur. Wer war der Politiker und wofür stand er? Ein Dossier. mehr

Porträt Otto von Bismarcks, gemalt von Franz von Lenbach © NDR Foto: Irene Altenmüller

Quiz: Wie gut kennen Sie Otto von Bismarck?

Vorausschauender Staatsmann oder Anti-Demokrat? Bis heute scheiden sich an Otto von Bismarck die Geister. Was wissen Sie über den "Eisernen Kanzler"? Testen Sie es im Quiz! Quiz

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 02.07.2020 | 19:15 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

Schüler der Max-Schmeling-Stadtteilschule sitzen zu Beginn des Unterrichts mit Mund-Nasen-Bedeckungen im Klassenraum. © picture alliance / dpa Foto: Daniel Bickwoldt

Neustart für Hamburgs Schulen am 15. März

Nach den Frühjahrsferien sollen wieder mehr Schüler zur Schule gehen können. Details sollen am Freitag bekannt gegeben werden. mehr