Hände tippen etwas einem Smartphone. © photocase.de Foto: SMG

Hass im Netz: Was Betroffene dagegen tun können

Stand: 15.06.2021 05:30 Uhr

Viele Hamburger Politikerinnen und Politiker haben in einer Befragung des NDR angegeben, dass sie häufig Hassbotschaften aus dem Netz erhalten. Hetze und Beleidigungen können jeden treffen. Es gibt aber Hilfsangebote für Betroffene.

Was Hamburger Politikerinnen und Politiker an Erfahrungen mit Hass aus dem Netz schildern, sei ganz typisch, sagt André Kroll vom Social Media Team des NDR. Und Studien unterstützen diese Aussage. So hat eine Untersuchung im Auftrag von Campact e.V. hat 2019 ergeben, dass acht Prozent der Befragten schon persönlich von aggressiven und abwertenden Hasskommentaren aus dem Netz betroffen war.

Beleidigungen, Abwertungen und Diffamierungen: Wenn einem selbst bei Facebook, Twitter oder anderen digitalen Plattformen so etwas widerfahre, sei es wichtig, dass man sich gegen die Angriffe zur Wehr setze, erklärt Kroll.

Urheber von Hassbotschaften blockieren

Erste und naheliegende Möglichkeit sei es, die Urheberinnen und Urheber der Hassbotschaften zu blocken: "Davon würde ich wirklich Gebrauch machen," sagt Kroll. Und wenn man wirklich persönlich ganz stark attackiert werde, dann solle man auch eine Anzeige stellen. "Das führt nicht immer zum Erfolg, aber sobald die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufnimmt, fließt das in die Statistik ein und es macht den Druck sichtbar, dass die Politik sich weiter bewegen muss - und neben neuer Gesetze auch Netzwerke stärker in die Pflicht nehmen muss."

Meinungsfreiheit oder strafbare Hassrede?

Die rechtliche Entscheidung darüber, ob es sich um Meinungsfreiheit oder einer strafbaren Hassrede handelt, ist oftmals schwierig, da die Grenzen juristisch fließend sind. Ein dieses Jahr in Kraft getretenes bundesweites Gesetzespaket gegen Hass und Hetze zwingt die Plattformen wie Facebook und Twitter allerdings jetzt, konsequenter gegen Hassrede vorzugehen und die Behörden auch bei der Sicherung von Beweisen zu unterstützen. Ab Februar 2022 soll auch eine Meldepflicht gelten, die Internetplattformen zwingt, schwere Hassdelikte wie Androhung von Mord und Vergewaltigung nicht nur zu löschen, sondern auch an die Polizei zu melden. Auch die Strafen wurden mit dem Gesetzespaket gegen Online-Hetze verschärft. Hamburgs Justizsenatorin Anna Gallina (Grüne) sagte dazu im Gespräch mit NDR 90,3, man müsse jetzt kritisch prüfen, ob das Gesetz etwas bringe.

Portale im Netz erleichtern Meldungen Betroffener

André Kroll © NDR/ Foto: Alexander Heinz
André Kroll schult die Social Media Teams des NDR. Er rät Privatpersonen dazu, Absender von Hassbotschaften zu blocken - und bei justiziablen Äußerungen anzuzeigen.

Die Hamburger Staatsanwaltschaft erfasst erst seit wenigen Jahren Ermittlungsverfahren wegen Hassbotschaften aus dem Netz. 2019 gab es 181 Verfahren, 2020 250 und in den ersten Monaten des laufenden Jahres 110 (Stand: 7. Juni). Die Justizsenatorin findet es ebenfalls wichtig, dass Anzeige erstattet wird. Ihre Behörde hat zusammen mit dem NDR und anderen Institutionen die Koordinierungsstelle OHNe Hass gegründet, die es Firmen aber auch Privatpersonen erleichtern soll, Bedrohungen, Hassbotschaften und ähnliches anzuzeigen. Auch die Hamburger Polizei hat eine Online-Wache, die man im Internet aufrufen kann, und bei der man auch Inhalte wie Bildschirmfotos und andere Beweismittel wie Internetadressen hochladen kann.

Noch einfacher geht das alles bei der Internetseite Hassmelden.de, die auch vom Bundesjustizministerium empfohlen wird. Sie bietet einen unkomplizierten Weg, Hass-Kommentare auf Internetseiten oder auch Social-Media-Kommentare zu melden. 250.000 Meldungen hat das Portal binnen zwei Jahren juristisch geprüft und anschließend in 90.000 Fällen dann Anzeige erstattet.

Gegenrede wichtig

Hanna Klimpe von der HAW in Hamburg.
Hanna Klimpe ist Professorin für Social Media an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Sie findet es wichtig, sich Unterstützung bei Bedrohung durch Hass aus dem Netz zu suchen.

Wichtig ist es nach Aussage der Hamburger Social-Media-Professorin Hanna Klimpe auch, Gegenrede zu organisieren. Wer also in Kommentaren verunglimpft wird, sollte sich Verbündete suchen, um sich gemeinsam zu wehren: Studien zeigen, dass es helfe, Hassreden zu begrenzen, wenn dazu Gegenstimmen auftreten. "Wichtig ist aber, dass die genauso organisiert werden, wie auch Hassrede häufig organisiert ist."

Ruhe bewahren ist wichtig

Wenn man persönlich von einem Shitstorm betroffen ist, rät der NDR Experte Kroll dazu, erst einmal Ruhe zu bewahren: "Das ist nicht die normale Welt da draußen. Man kennt die Menschen ja nicht persönlich." Viele seien auch nur da, um zu hetzen, um ihre Agenda voranzutreiben. Hilfreich könne es sein, einen Freund oder Freundin zu bitten, den Account zu übernehmen, strafbare Inhalte zu sichern, zu sichten und weiterzuleiten: "Dass man sich selbst rausnimmt und sagt, ich gebe den Account jetzt mal in die Hände von anderen. Und die kümmern sich darum."

Hate Aid - bundeweite Beratungsstelle hilft

Hilfe in besonders schweren Fällen finden Betroffene auch bei der Beratungsstelle Hate Aid. Die bundesweit einzige Beratungsstelle für Betroffene digitaler Gewalt mit Sitz in Berlin kann ebenfalls beraten, unterstützen und führt sogar Prozesse. Die Grünen-Politikerin Renate Künast wehrte sich mit Hilfe von Hate Aid gegen Hasskommentare und Fake-Zitate bei Facebook. Hate Aid finanziert sich aus Strafen und Schmerzensgelder, die im günstigen Fall erstritten und dann von den Betroffenen an die Organisation abgegeben werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 15.06.2021 | 06:00 Uhr

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