Stand: 11.12.2018 10:36 Uhr

Schuster: Bei Antisemitismus nicht wegsehen!

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Die ganze Gesellschaft müsse sich dem Problem des Antisemitismus stellen, meint Josef Schuster.

Antisemitismus ist aus Sicht der jüdischen Bevölkerung in Europa deutlich auf dem Vormarsch. Zu diesem Befund kommt eine EU-Umfrage unter mehr als 16.000 Befragten. Sie sehen sich mit Vandalismus, Beleidigungen, Drohungen und sogar Gewaltverbrechen konfrontiert. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, warnt: "Antisemitismus als Normalfall - das darf Europa als Kontinent der Aufklärung nicht hinnehmen."

Im Interview auf NDR Info sagte Schuster, er hoffe, dass mit Veröffentlichung der Studie ein Ruck durch die europäischen Staaten gehe. Man erkenne durch die Umfrage hoffentlich, dass Antisemitismus nicht nur ein Nischenproblem ist. Judenfeindlichkeit sei ein Problem, dass sich in vielen Ländern manifestiert und festgesetzt hat. Schuster betont auf NDR Info, dass Antisemitismus ein Problem mit großem Ausmaß ist. "Antisemitismus ist zwar primär ein Problem für jüdische Menschen, aber nicht nur für jüdische Menschen. Das Wesen des Antisemitismus, der Menschenfeindlichkeit, gibt auch Auskunft über den Stand der demokratischen Verhältnisse."

Rechtspopulismus als Hauptursache

Schuster setzte sich im Interview auf NDR Info auch mit der Frage nach der Ursache des anwachsenden Antisemitismus auseinander. In Europa, auch in Deutschland, gebe es eine politische Entwicklung nach rechts. Der Rechtspopulismus - teilweise auch Rechtsextremismus - habe in zahlreichen Staaten Europas Platz genommen. In Deutschland werde das durch die Ergebnisse der vergangenen  Wahlen, einschließlich der vergangenen Bundestagswahl deutlich. Mit der AfD habe eine rechtspopulistische Partei, die rechtsextremes Gedankengut in Ihren Reihen dulde, einen erheblichen Anteil an Stimmen gewonnen.

Die Politik hat verstanden

Die Politik, sagte der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, habe auf die wachsende Judenfeindlichkeit bereits reagiert. "Die Politik, so habe ich die Empfindung, hat verstanden." So wurde das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus 2018 eingerichtet und am Bundesministerium des Innern angesiedelt. Auch auf Länderebene wurden Ämter für Antisemitismus-Beauftragte geschaffen. Josef Schuster stufte dieses Vorgehen im Interview auf NDR Info sehr hoch ein, auch wenn die Beauftragten kein Garant dafür seien, dass Antisemitismus verschwinde oder in den Griff zu bekommen sei. "Aber, wenn man jetzt dabei ist ein bundesweites niedrigschwelliges Meldesystem zu etablieren, dann ist das ein ganz wichtiger Schritt, um zu sehen, woher kommt Antisemitismus und wie er sich unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit äußert."

Hin- und nicht wegschauen!

Aus Sicht von Schuster sei aber nicht nur die Politik gefragt. Die ganze Gesellschaft müsse sich dem Problem stellen. Schuster sagte auf NDR Info, "ich denke, es geht einfach darum, hinzuschauen, nicht wegzuschauen. Das gelte zum Beispiel in Situation, in denen klassische antisemitische Judenwitzen erzählt werden, oder wenn auf dem Schulhof der Begriff Jude als Schimpfwort verwendet werde. In solchen Situationen müssen die Menschen selbstbewusst reagieren, fordert Schuster. "Dann erwarte ich einfach, von einzelnen zu sagen, so geht’s einfach nicht." Gerade im schulischen Bereich seien die Lehrkräfte gefragt, um Antisemitismus entgegenzuwirken. "Dazu bedarf es aber, glaube ich auch, im Bildungsbereich ganz erhebliche Anstrengungen." Hier fehle es Schusters Meinung nach an entsprechenden Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Lehrkräfte.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 11.12.2018 | 06:50 Uhr

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