Stand: 21.08.2018 21:56 Uhr

"AIDAnova": "Das graue unter schwarzen Schafen"

Kreuzfahrt und Umweltschutz? Ein Gegensatz, zumindest bislang. Die schwimmenden Hotelburgen gelten mit ihren Schweröl-Dieselmotoren als üble Umweltsünder. Seit Jahren kritisiert der Naturschutzbund Deutschland (NABU) die mangelhafte Umweltbilanz der Kreuzfahrtschiffe. Jetzt ist die Organisation zumindest ein kleines Stück zurückgerudert. In einem am Dienstag veröffentlichten Kreuzfahrt-Ranking spricht der NABU erstmals eine Reise-Empfehlung aus, wenn auch eine mit Einschränkungen. Eine weiße Umweltweste hat demnach keines der Schiffe. "Wenn man schon eine Kreuzfahrt machen möchte, dann ist das aktuell mit der "AIDAnova" am umweltschonendsten. Allerdings: Die "AIDAnova" ist das graue unter den schwarzen Schafen", schränkt NABU-Verkehrsexperte Dietmar Oeliger gegenüber NDR.de ein. Wichtig zu wissen: Das Schiff ist noch gar nicht fertig. Erst am Dienstagabend hat es das Baudock der Papenburger Meyer Werft verlassen, seitdem wird weiter daran gebaut.

75 von 76 untersuchten Schiffen fahren mit Schweröl

76 im europäischen Raum fahrende Kreuzfahrtschiffe hat der NABU untersucht. Ergebnis: 75 fahren auch 2018 noch mit Schweröl und ohne wirkungsvolle Abgastechnik, darunter acht Schiffe, die erst in diesem Jahr den Dienst aufgenommen haben. Für NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller "ein Skandal". "In allen großen Hafenstädten Europas leiden die Menschen massiv unter der zu hohen Luftschadstoffbelastung durch die boomende Kreuzfahrtindustrie", kritisiert Miller. Der NABU fordert für die Häfen ein Einfahrverbot "für dreckige Schiffe ab 2020".

Das erste LNG-Kreuzfahrtschiff ist ein Lichtblick

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Lichtblicke sieht der NABU bestenfalls vereinzelt und nur ein Kreuzfahrtschiff bekommt die volle Punktzahl im Ranking 2018: die auf der Papenburger Meyer-Werft gebaute "AIDAnova". Die "AIDAnova" wird als erstes Kreuzfahrtschiff der Welt zu fast 100 Prozent mit Flüssiggas (LNG) betrieben. Nach Angaben der Reederei verringert sich dadurch der Ausstoß von Stickoxiden um bis zu 80 Prozent, die CO2-Emissionen verringern sich um 20 Prozent. Bewertet wurde vom NABU neben der Nutzung von LNG oder Schweröl auch der Einsatz von Stickoxid-Katalysatoren, Rußpartikelfiltern und alternativer Stromversorgung in Häfen (Landstromanschluss). Punkte sammeln konnte man beim NABU auch mit dem Einsatz sogenannter Scrubber, die den Schwefel aus den Abgasen filtern und ins Meer leiten.

Kritik am Ranking vom Verband der Kreuzfahrer

Der Kreuzfahrt-Dachverband CLIA übt Kritik an dem Ranking der Umweltschützer, wirft ihnen unter anderem unwissenschaftliche Methoden und eine willkürliche Punktevergabe vor. Grundsätzlich verfolge die Branche aber die gleichen Ziele wie der NABU, nämlich die Emissionen zu reduzieren und die Umwelt zu schützen. Die Weltschifffahrtorganisation hat sich dazu verpflichtet, die Emissionen bis 2050 zu halbieren.

Einige Branchenriesen haben Nachholbedarf

Nur die deutschen Anbieter Hapag-Lloyd und TUI Cruises haben nach Meinung des NABU neben der AIDA nennenswerte Maßnahmen zur Luftreinhaltung ergriffen, indem sie auf ihren jüngsten Flottenzugängen Stickoxid-Katalysatoren einsetzen oder auf Landstrom zurückgreifen. Branchenriesen wie MSC, Celebrity Cruises und Royal Caribbean bescheinigt der Naturschutzbund aktuell im Bereich Umweltschutz massiven Nachholbedarf.

Die Liste im Überblick

  • 1.: AIDA, "AIDAnova"
  • 2.: Hapag-Lloyd, "Europa 2"
  • 3. (geteilt): AIDA, "AIDAprima", "AIDAperla"
  • 5. (geteilt): TUI, "Mein Schiff 1/2/3/4/5"
  • 10.: AIDA, "AIDAsol"; Ponant, "Le Champlain"/"Le Laperouse"
  • 13. (geteilt): Hapag-Lloyd, "Bremen"/"Hanseatic"/"Europa"
  • 16. (geteilt): alle weiteren Schiffe

LNG ist für das Klima kein "Heilsbringer"

Einen Freifahrtschein für LNG-Motoren stellte der NABU aber nicht aus. Zwar reduziere Flüssiggas die Abgasbelastung erheblich, ein "Heilsbringer für die Schifffahrt" sei der Treibstoff aber keineswegs, schon gar nicht, solange er aus fossilen Quellen gewonnen werde, sagte Oeliger. Die Freisetzung von Methan könne sogar dazu führen, dass LNG gegenüber Diesel in der Klimabilanz "keinen nennenswerten Vorteil" bringe. Oeliger sprach sich für regeneratives LNG sowie alternative Kraftstoffe aus. Flüssiggas in der derzeitigen Form sieht man beim NABU eher als Übergangstechnologie.

Schweröl - günstig und schädlich für Mensch und Natur

Das überwiegend genutzte Schweröl verdankt seine Beliebtheit bei den Reedereien seinem günstigen Preis. Marine-Diesel ist zwar umweltschonender, aber rund ein Drittel teurer als Schweröl. LNG erhöht die Betriebskosten eines Kreuzfahrtschiffes um etwa 20 bis 30 Prozent. Schiffe verursachen rund 15 Prozent der weltweiten Stickoxid- und Schwefeldioxid-Emissionen. Nach einer Untersuchung der EU-Kommission sind die Emissionen der Kreuzfahrtriesen und anderer Schiffe für 20 bis 30 Prozent aller Feinstäube an den Küstengebieten verantwortlich. Messungen in der Vergangenheit haben ergeben, dass die Feinstaubbelastung auf einem Kreuzfahrtschiff vier Mal so hoch ist wie auf einer Großstadtkreuzung.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 21.08.2018 | 11:00 Uhr

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