Eine Rauchwolke schwebt über New York, nachdem zwei gekidnappte Flugzeuge in das World Trade Center gesteuert wurden. © zz/Henry Lamb/STAR MAX/IPx

9/11 und die Folgen für Musliminnen und Muslime

Stand: 10.09.2021 09:34 Uhr

Die Terroranschläge des 11. September jähren sich am Sonnabend zum 20. Mal. Bis heute leiden wir alle unter den Folgen des Terrors im Namen des Islam, wie unser Gast-Kommentator Junus el-Naggar meint.

Eine Rauchwolke schwebt über New York, nachdem zwei gekidnappte Flugzeuge in das World Trade Center gesteuert wurden. © zz/Henry Lamb/STAR MAX/IPx
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von Junus el-Naggar

Am Sonnabend jähren sich die Terroranschläge vom 11. September 2001 zum 20. Mal. Sie gelten als die einschneidendsten in der Reihe der von Islamisten in Europa verübten Anschläge. Als Kind wurde ich als zum Islamexperten erkorener einziger muslimischer Schüler gefragt, wie ich all das finde. Furchtbar, hatte ich dann immer reflexartig betont. Nach meinem Theologiestudium durfte ich dann erklären, auf welche Verse sich die Islamisten da berufen und wieso das illegitim ist. Heute blicke ich auf die Diskurse, die die Ereignisse begleiten und hervorbringen; auf die Art und Weise, wie sie medial behandelt werden und was das für Folgen hat.

Unter den Terror-Folgen leiden auch Muslim:innen

Junus el-Naggar © Junus el-Naggar
Junus el-Naggar ist Visiting Scholar (Gastprofessor) am Alwaleed Center for Muslim-Christian Understanding (ACMCU) der Georgetown University in Washington, D.C.

Die medialen Rückblicke rekapitulieren aktuell hauptsächlich die Anschläge selbst, die direkten Opfer, die politischen Folgen des 'Krieges gegen den Terror' und die fortwährende Angst vor weiteren Anschlägen. Dabei verbinden sie sich mit den aktuellen Entwicklungen rund um die afghanischen Taliban. Durch deren Machtübernahme fürchtet man sich in Deutschland aktuell offenbar vor einer Wiederholung von 2001. Was aber unterzugehen scheint, ist der regelmäßige alltägliche Sprengstofftest, für den mein Freund Murat mit seinen orientalisch anmutenden Locken am Flughafen vermeintlich zufällig ausgewählt wird. Die Rückblicke thematisieren auch kaum die Wohnungsabsagen, die meine Kollegin Zahra mit arabisch klingendem Namen sogar noch etwas häufiger zu erhalten scheint als viele ihrer Freundinnen. Sie blicken nicht auf gar physische Gewalt gegen Muslim:innen. Und erst recht nicht auf abwertende Blicke, die vor allem für Muslim:innen alltäglich gefühlte Realität sind. Unter den Folgen von Terrorismus im Namen des Islam leiden Tag für Tag auch Muslim:innen. Der 11. September 2001 hatte Auswirkungen, die uns alle trafen und treffen - Muslim:innen und Nichtmuslim:innen.

Die Reproduktion des muslimischen Gewalttopos

Die Anschläge von 9/11 haben antimuslimische Strukturen zwar verstärkt, aber sicher nicht erschaffen. Der 11. September wird häufig als Ausgangspunkt antimuslimischer Diskurse missverstanden. Der Topos des gewalttätigen Muslims allerdings ist etwa so alt wie der Islam selbst. Der ostgermanische Chronist Fredegar zeichnet schon im siebten Jahrhundert ein Bild bedrohlicher, wilder, räuberischer, plündernder Muslime, die damals noch Sarazenen hießen. Fredegar warnt vor ihrem Vordringen. Sie wären dabei, die Christenheit zu überrennen, indem sie ihnen ihre Gebiete entrissen oder sie gleich vernichteten. In der Renaissance beschwört die europäische machtpolitische Elite zur Stabilisierung der eigenen politischen und sozialen Ordnung dann eine 'Türkengefahr', vor der man sich im Westen zu schützen habe. Für Martin Luther hat sich der räuberische und mörderische Islam mit dem Schwert verbreitet. Seitdem ich das weiß, macht Martinssingen nur noch halb so viel Spaß. In Karl Mays Geschichten ist der Orient dann ein Ort der Brutalität. Mit diesen Geschichten ist eine ganze Generation eingeschlafen.

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Es sind derartige Bilder, die über die vergangenen anderthalb tausend Jahre in unterschiedlichen Kontexten zwar auch umgedeutet wurden, die aber alles in allem über eine beachtliche Festigkeit zu verfügen scheinen. In der Moderne lebt die vermeintlich islaminhärente Gewaltbereitschaft mit der Iranischen Revolution 1979 und dem Todesurteil an Salman Rushdie 1989 wieder auf. 9/11 ist ein weiteres Ereignis in langer historischer Tradition, im Zuge derer der muslimische Gewalttopos reproduziert wird. Die historischen Linien werden nochmal deutlich, als George W. Bush den 'war on terror' 2001 als Kreuzzug bezeichnet. Vor wenigen Wochen droht dann Joe Biden damit, die Anhänger des IS zu "jagen" und "bezahlen zu lassen".

Den Spaltungsversuchen entgegenstellen

Diese Kontinuitätslinie ist aber nicht so gradlinig, wie sie hier erscheinen mag. Lessing etwa durchbricht sie Mitte des 18. Jahrhunderts. Er weigert sich, Muslime als Barbaren zu bezeichnen und fordert stattdessen eine Toleranz, die weit über schlichte Duldung von Unterschiedlichkeit hinausgeht. Vielfalt gilt es bei Lessing nicht zu ertragen, sondern zu schätzen und sich auf sie einzulassen. Vielleicht können wir uns darauf als unanfechtbare Prämisse einigen, bevor wir über 9/11 und seine Folgen diskutieren. Denn aus den wild plündernden Sarazenen von damals ist heute der terroristische Muslim geworden. Vor seinem Vordringen in den Westen wird auch heute noch gewarnt. Wenn wir als Gesellschaft keine gespaltene sein wollen, dürfen Debatten um 9/11 uns nicht einteilen in Besorgte einerseits und Schuldige andererseits. Wenn wir uns stattdessen als Einheit begreifen, die gemeinsam nach sozialem Frieden strebt, können wir Versuche der Spaltung erkennen, benennen und uns ihnen entgegenstellen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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