Heiko Dauert im Porträt © NDR

Plattdeutsch: Eine Sprache beständig wie eine Eiche

Stand: 22.04.2022 16:30 Uhr

Der Ursprung des Plattdeutschen liegt rund 2000 Jahre zurück. Wie sich die Sprache entwickelt hat ist auch Thema eines Vortrags von Heiko Gauert beim Plattdüütsch Dag in Hamburg.

von Lina Bande

Ein Gedicht von Fritz Reuter, das zitiert Heiko Gauert gern zum Einstieg:

Ik weet eenen Eekboom de steiht an de See,
de Noordstorm, de bruust in sien Knaest... aus: De Eekboom, Fritz Reuter

Denn Reuter schreibt hier zwar von einer Eiche, die beständig im Sturm steht, meint aber eigentlich die plattdeutsche Sprache. Denn die hat ihren Ursprung schon vor rund 2000 Jahren - und es gibt sie immer noch.

Ursprünglich die Sprache der Sachsen

"Wat jo hüüt keen Minsch mehr glöven kann, is, dat dat Plattdüütsche de oole Spraak vun de Sachsen weer", sagt Heiko Gauert - Plattdeutsch war also die alte Sprache der Sachsen. Der frühere Lehrer engagiert sich seit Jahrzehnten als Sprachpolitiker, ist mittlerweile ein echter Experte, was die Geschichte des Plattdeutschen angeht. Lebten die Sachsen rund um das Jahr 0 noch nördlich der Elbe, hätten sie in den folgenden Jahrhunderten gemeinsam mit den Angeln weiter in Richtung Süden den gesamten norddeutschen Raum besiedelt, später sogar England. Und ihre Sprache nahmen sie mit.

Während der Hansezeit ging's nicht ohne Platt

Im Laufe der Jahrhunderte haben sich dann regionale Unterschiede entwickelt, weshalb heute beispielsweise in Ostfriesland ein anderes Plattdeutsch gesprochen wird als in Hamburg. "Dat sik dat dor anners entwickelt hett, dat hangt mit de Hansetiet tosamen", erklärt Heiko Gauert. Eine Weltsprache im Mittelalter: "Dat is de Spraak wesen, de de Hansekooplüüd bruukt hebbt, um ehrn Hannel to drieven."  In den Hansestädten von Norwegen bis Belgien, Russland bis England: überall wurde ein einheitliches Plattdeutsch gesprochen.

Seefahrt und Hafen hatten großen Einfluss

Mit dem Niedergang der Hanse, der Reformation und einem Vorläufer des Hochdeutschen als Amtssprache verlor Plattdeutsch dann zunehmend an Bedeutung. In Hamburg hielt sich die Sprache aber weiter, dem Hafen sei Dank, sagt Heiko Gauert: "De Havenlüüd hebbt natürlich all Platt schnackt." Ursprünglich plattdeutsche Begriffe aus der Seefahrt hätten sich sogar in den hochdeutschen Sprachgebrauch integriert, wie das "Schapp" für einen kleinen Schrank. Und "Foffteihn maken" ist auch nach wie vor ein geläufiger Ausdruck für "Pause machen". Vermutlich komme das von Hafenarbeitern, die sich nach 15 - also foffteihn - verladenen Säcken erst einmal hinsetzten.

Negativtrend samt Kehrtwende

Nichtsdestotrotz: spätestens im 20. Jahrhundert hatte Hochdeutsch die frühere Weltsprache Plattdeutsch verdrängt. Gründe dafür gebe es viele, sagt Heiko Gauert, "aber wi seggt ok hüüttodaags: de Plattdüütschen hebbt nich immer dat Selbstbewusstsein hatt, um sik mit ehre Spraak to behaupten." Und das, wo es mal eine Weltsprache war. Aber nicht ohne Stolz erzählt Heiko Gauert auch, dass der permanente Rückgang der Sprache gestoppt sei. Das hätten Umfragen gezeigt: "De Lüüd denken anners över ehre Spraak un marken, dat dat eben keen Dialekt is, sünnern de eenzige Regionalspraak, de wi in Düütschland överhaupt hebbt!"

Von der einstigen Weltsprache zur einzigen deutschen Regionalsprache - über 2000 Jahre hat sich Plattdeutsch gehalten. Und mit wem ließe sich da schöner schließen als mit Fritz Reuter?

Keen vörnehm Kunst hett se uns verhunzt,
frie wussen, to Hööchden ahn Königsgunst. aus: De Eekboom, Fritz Reuter

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 23.04.2022 | 10:00 Uhr

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