Eine Mutter steht mit ihren beiden Söhnen auf einer Straße, alle lächeln in die Kamera. © Lornz Lorenzen

"Min Moderspraak": Plattdeutsche und friesische Sprachbiographien

Stand: 21.02.2022 23:59 Uhr

Der 21. Februar ist der Internationale Tag der Muttersprache. NDR Redakteur Lornz Lorenzen hat sich mit plattdeutschen und friesischen Sprecher*innen darüber unterhalten, wie die Sprachen in ihren Familien weitergegeben wurden.

von Lornz Lorenzen

Als der Heimatdichter Klaus Groth auf der Ostseeinsel Fehmarn 1849 jene Zeilen verfasste, die ihn berühmt werden ließen, bewies er: Plattdeutsch und Lyrik passen sehr gut zusammen.

Min Moderspraak, wat klingst du schön! Wat büst du mi vertrut! Weer ok min Hart as Stahl un Steen, Du drevst den Stolt herut.  aus: "Min Moderspraak" von Klaus Groth

Und zu Beginn der dritten Strophe heißt es: "Ik föhl mi as en lüttjet Kind, De ganze Welt is weg." Als Plattdeutsch sprechender Nordfriese verstehe ich diese Zeilen des Müllersohns aus Dithmarschen so: Wenn du in deiner Muttersprache sprichst, schrumpft die Distanz, die große weite Welt ist plötzlich ganz weit weg.

Platt schafft Nähe, Vertrauen und Geborgenheit - genau so, wie Kinder es in allen Familien erfahren sollten. Haben mein Bruder Jan und ich auch so erlebt, jedoch auch die Kehrseite unserer Muttersprache. Eignet sich Platt doch auch super für Schelte, und die klang bei unserer Mutter dann so gar nicht nach Klaus Groth: "Verdorri nochmal! Jem schüllt jemme schietigen Schoh uttrecken, wenn jem rinkaamt! Wo oft schall ik dat noch seggen?" Ins Hochdeutsche übersetzt: "Verdammt nochmal! Zieht euch die schmutzigen Schuhe aus, wenn ihr reinkommt! Wie oft soll ich das denn noch sagen?"

Plattdeutsch im Bäckerladen

Zu Hause in unserem kleinen Dorf bei Bredstedt, in Ockholm, sind mein jüngerer Bruder und ich im Betrieb immer so "mitgelaufen". Unsere Eltern hatten den Bäckerladen mitten im Dorf und überall wurde Platt geschnackt: Im Geschäft, in der Backstube, zwischen den Deichen und auf dem Schulhof - nur im Unterricht nicht. Einige Menschen um uns herum, und nicht nur die Omas und Opas, schnackten sogar auf Friesisch. Da sich diese Sprache stark vom Plattdeutschen unterscheidet, konnten wir aber nur erahnen, worum es ging.

Söster Lorenzen steht in ihrem Bäckereigeschäft. © Lornz Lorenzen
Söster Lorenzen, die Mutter unseres Autors, in der Bäckerei der Familie

Friesisch und Plattdeutsch wurden in den 90er-Jahren sogar in die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen aufgenommen. Plattdeutsch und Friesisch wurden somit zu Trägern und zum "Ausdruck des kulturellen Reichtums" - und unser täglicher Schnack damit schützenswert.

Auch heute gehört Plattdeutsch für mich zum täglichen Leben, vielleicht nicht im Umgang mit Freunden in der Stadt, aber auf jeden Fall in der Familie und im Job als Redakteur bei NDR 1 Welle Nord. Und in dieser Funktion habe ich plattdeutsche und friesische Akteur*innen und Autor*innen nach ihren individuellen Sprachbiographien gefragt. Dabei kam heraus: De "Moderspraak" war nicht nur bei Klaus Groth, sondern ist immer noch ein hoch emotionales Thema!

Grenzt Muttersprache aus?

Auf ihre Muttersprache angesprochen geht NDR Reporterin Karin Haug, Autorin des NDR Podcast "Frasch for Enarken" (Friesisch für alle), dann auch gleich der Hut hoch.

"Mein schwäbischer Vater wurde für seine Plattdeutsch-Versuche verlacht und meine Mutter wollte mir etwas Gutes tun, indem sie mit mir Deutsch sprach, statt ihrer Alltagssprache Plattdeutsch", erzählt Haug. "Auf die Frage, ob man anstelle von 'Mutter'- nicht besser 'Erst'- Sprache sagen sollte, antwortet sie: 'Wieso?' Gegenfrage: Wieso nicht? Haben mutterlose Kinder keine Sprache? Die haben sie durchaus. Muttersprache impliziert einen organischen Charakter, den ich als ausschließend empfinde. Außerdem ist das Wort eine prima Ausrede gegen öffentliche Sprachförderung: Wird Muttersprache besonders hervorgehoben, kann die später gelernte Sprache, in Schule oder Ausbildung, nie so gut sein. Was für ein Quatsch!"

Der Internationale Tag der Muttersprache

Am 21. Februar 2022 begeht die UNESCO zum 23. Mal den Internationalen Tag der Muttersprache, um weltweit die sprachliche Vielfalt und mehrsprachigen Unterricht zu fördern. Nach Angaben der für Bildung, Wissenschaft und Kultur zuständigen Einrichtung der Vereinten Nationen ist die Hälfte der weltweit mehr als 6.000 noch gesprochenen Sprachen vom Aussterben bedroht. Im Durchschnitt verschwindet alle 14 Tage eine Sprache. Auch die "Nahsprachen" Plattdeutsch und vor allem aber das Friesische sind gefährdet und stehen unter dem Schutz der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheiten, die im November 1992 verabschiedet wurde.

So kam die Reporterin mit der friesischen Sprache ganz anders in Kontakt. Sie verliebte sich in einen waschechten Friesen, heiratete ihn und zog, vielleicht kann man das so sagen, voll und ganz in das "Haus" seiner (zu ihrer gewordenen) Sprache ein. Und weil ihre beiden mittlerweile erwachsenen Kinder darin ebenfalls aufwuchsen, sprechen auch sie fließend Friesisch: "Bai me as Frasch warkeldäisspräke. Jü as öntwasche intiimer as Tjüsch." Was übersetzt heißt: "Bei mir ist Friesisch inzwischen die Alltagssprache und intimer als Deutsch".

Wenn gefährdete Regional- und Minderheitensprachen in anderen Familien auch so weitergegeben würden, dann bräuchten wir uns über ihren Fortbestand wohl keine Sorgen zu machen. Doch auch in Karin Haugs Sprachbiographie taucht dieser kritischer Moment auf, an dem sie von ihrer plattdeutsch sprechenden Mutter eben Hochdeutsch mit in die Wiege gelegt bekommt - einfach, weil sie ihrer Tochter "etwas Gutes" tun wollte.

"Plattdeutsch hat damals nicht viel gegolten"

Jan Graf spielt auf einem Akkordeon. © NDR Foto: Lornz Lorenzen
Der Musiker und "Hör mal'n beten to"-Autor Jan Graf

Kein Einzelfall, denn so ähnlich erging es auch "Hör mal'n beten to"-Autor Jan Graf. Der Musiker und Plattdeutschreferent des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes winkt auf seine Muttersprache Plattdeutsch angesprochen gleich ab: "Meine Eltern auf beiden Seiten, durch all die Generationen und Jahrhunderte waren alles Bauern hier in Norddeutschland, keine Flucht, kein gar nichts. Das wäre doch ein Klacks gewesen, dass ich mit Plattdeutsch aufwachse. Bin ich aber nicht. Platt hat nicht viel gegolten damals, weshalb auch immer. Meine erste Sprache ist Hochdeutsch."

Jan Graf hat sich, wie er dann nicht ohne Stolz berichtet, die Plattdeutsche Sprache angeeignet, um damit seine eigenen "Wurzeln" zu schlagen. Sein sprachbiographisches Fazit: "Plattdeutsch ist nicht Vater- und nicht Muttersprache. Plattdeutsch, das ist meine Sprache und ich teile sie gern mit dir, auch wenn du von woanders kommst und etwas zum Festhalten brauchst."

Eine Expertin für die friesische Erst-, Heimat- oder Muttersprache ist Antje Arfsten. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Nordfriisk Instituut in Bredstedt, unterstützt den Schreibwettbewerb "Friesisch für alle" des NDR und hat eigentlich immer einen Stapel Friesischer Wörterbücher vor sich auf dem Tisch liegen.

Eine Katze sprang über die Dorfstraße und war platt 

Die Vielfalt der friesischen Sprache allein in Schleswig-Holstein ist immens. Da ist das "Halunder"-Friesisch der Helgoländer*innen. Da sind Festlandfriesisch, aber auch das Hallig-, Amrum-, Sylt-, und Föhr-Friesisch und das wiederum klingt im Osten der Insel deutlich anders als im Westen.

Antje Arfsten im Porträt © Nordfriisk Instituut
Antje Arfsten vom Nordfriisk Instituut in Bredstedt

"Meine Eltern", erläutert Antje Arfsten, "sind beide mit der friesischen Sprache groß geworden und haben auch Friesisch mit uns als Kinder gesprochen. Meine Mutter aber stammt aber aus dem Westen von Föhr, mein Vater aus dem Osten, und da gibt es einige Unterschiede, die sind nicht groß, aber erkennbar. Ich persönlich mische beide Varianten, was viele tun, habe aber mehr von meinem Vater als von meiner Mutter übernommen." 

Und sie hat ein wunderbares Beispiel für die doch gar nicht so geringen Unterschiede parat: Der Satz "Eine Katze sprang über die Dorfstraße und lag (war) platt" geht dann bei ihrem Vater so: "En Kot sproong aawer't Jot an loi plot." Und bei ihrer Mutter so: "En Kaat sproong auer't Jaat an lai plaat."

Wenn sie Friesisch hört, ist sie zu Hause, sagt Antje Arfsten mit einem Lächeln - und wenn sie Friesisch spricht, auch. Hier wird sie verstanden und hier versteht sie die anderen, mit allen Zwischentönen. 

Friesisch und Plattdeutsch als "Herzenssprachen"

So herrli klingt mi keen Musik
Un singt keen Nachtigall;
Mi lopt je glik in Ogenblick
De hellen Thran hendal.

So herrlich klingt mir keine Musik
Und singt keine Nachtigall;
mir laufen gleich in diesem Augenblick
Die hellen Tränen herunter. aus: "Min Moderspraak" von Klaus Groth

Annie Heger steht mit einem Mikrofon in der Hand auf einer Bühne. © NDR Foto: Lornz Lorenzen
Die Ostfriesin, Künstlerin und "Hör mal'n beten to"-Autorin Annie Heger

Mag sein, dass diese letzte Strophe von "Min Moderspraak" heutzutage ein wenig kitschig klingt. Andererseits zeigt sich in in allen hier aufgeführten sprachbiographischen Beiträgen, wie eng die Mutter- beziehungsweise die Erst- oder Heimat-Sprache den Akteur*innen und Autor*innen am Herzen liegt.

So auch der gebürtigen Ostfriesin, Künstlerin und "Hör mal'n beten to"-Autorin Annie Heger. Zum Internationalen Tag der Muttersprache bezieht sie sich in ihrer Geschichte auf eine Zeile der Hamburger Tüdelband - und ihrem Fazit bleibt nichts mehr hinzuzufügen: "Zuhause ist dort, wo mein Herz schlägt. Zuhause ist dort, wo es mir gut geht. Recht haben sie. Und ich sage von nun an nur noch Herzenssprache. Denn Plattdeutsch hat mir Wurzeln ins Herz gepflanzt. Also mach es wie wir, benutze deine Herzenssprache und halte sie lebendig."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Hör mal 'n beten to | 21.02.2022 | 10:40 Uhr

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