Eine Sängerin steht am Mikrofon im Bühnennebel und wird von einem Scheinwerfer angestrahlt. © IMAGO / xim.gs

Krieg und Corona - wie beeinflussen Krisen das Kultur-Publikum?

Stand: 22.04.2022 13:32 Uhr

Nach den Corona-Beschränkungen findet das Kulturleben wieder statt. Aber erlauben wir uns - auch unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges und des großen Leids der Flüchtenden - Kultur und Genuss?

von Susanne Birkner

Für die einen passt es nicht zusammen, während eines Krieges Kultur zu genießen, andere sagen, man kann sich mit Kultur ablenken und trotzdem den Krieg bedenken und helfen.

Kultur genießen: Inseln der Ablenkung sind wichtig

Wir stark beeinflussen Krieg und Pandemie das Publikum? Und wie gehen Leute, die Kultur schaffen, damit um? Die freiberufliche Sängerin Sarajane glaubt, dass das Publikum einfach froh ist, wieder Kunst und Kultur zu erleben: "Ich habe ein erstes Konzert im Innenraum ohne Maske gespielt und habe das Publikum als wahnsinnig ausgelassen erlebt. Ich glaube, dass diese Inseln gerade in dieser Zeit wahnsinnig wichtig sind, und dass das Publikum sich gerade von dem ablenken möchte, was wir in den Nachrichten hören."

Zahl der Bühnenauftritte ist noch deutlich reduziert

Auch nach zwei Jahren Pandemie hat Sarajane noch deutlich weniger Bühnenauftritte als davor. Ihre Tour mit Ina Müller, bei der sie seit Jahren Backgroundsängerin ist, wurde verschoben. Deswegen arbeitet Sarajane gerade viel an ihrem eigenen nächsten Album. Die aktuelle Weltlage lässt sie aber auch beim Komponieren nicht los: "Ich habe zwei Wochen nach Kriegsbeginn in der Ukraine ein sehr positives Liebeslied herausgebracht. Ich habe kurz mit mir gerungen, ob ich das darf, ob es ok ist, jetzt positive Musik zu veröffentlichen. Aber ich glaube, es ist wahnsinnig wichtig, gerade jetzt."

Konzerte können Menschen unterhalten und begeistern

Gerade jetzt müssten die Menschen unterhalten werden, begeistert werden, in ihren Gefühlen bestärkt werden, meint die Sängerin: "Musik macht was mit Menschen. Musik macht etwas mit mir. Ich mache Musik aus einem bestimmten Grund: um mich aus bestimmten Stimmungen rauszuholen. Ich wünsche mir, dass meine Musik das auch mit den Hörerinnen und Hörern macht."

Jürgen Grambeck, Geschäftsführer des Clubs Béi Chéz Heinz in Hannover, verschenkt an Clubfans und Nachbarinnen und Nachbarn die letzten Stücke aus dem "Heinzelhandel", einem Flohmarkt, den der Club im harten Lockdown 2020 mit gespendeten Vintage-Gegenständen veranstaltet hat, um nicht dichtmachen zu müssen. Es gibt eine große Resonanz, sagt er: "Gestern waren 100 Leute da, und heute kommen bestimmt nochmal so viele."

Kann man angesichts des Kriegs noch Konzerte und Partys veranstalten?

Damit hat das Béi Chéz Heinz damals 15.000 Euro eingenommen. Die Lampen, Küchengeräte und Klamotten sind eine Erinnerung an die Zeit, als gar nichts ging. Erst seit Ende März dieses Jahres läuft der Spielbetrieb wieder fast normal. Und auch der Geschäftsführer hat lange mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern diskutiert: Kann man angesichts des Kriegs noch Konzerte und Partys veranstalten? Sie sind zu dem Ergebnis gekommen: "So traurig es ist: Man sollte auch in solchen schweren Zeiten den Leuten Alternativen geben, dass sie auch mal abschalten können."

Aber: Es muss trotzdem ständig abgesagt und umgebucht werden. Liegt es an Corona, liegt es an der Musik? Jürgen Grambeck kann es nicht sagen, aber er beobachtet, dass viele Konzerte nicht ausverkauft sind. Die Kernklientel des Clubs sind Studierende, sagt er, für die gelte oft, "dass sie den Euro zweimal umdrehen müssen. Dass sie sagen, es wird alles teurer, dann spare ich mir halt das zweite Konzert in der Woche."

Viele Konzertabsagen auch von ukrainischen Bands

Dazu kommen die Absagen von ukrainischen Bands, erzählt Grambeck: "Die dürfen nicht raus, wenn männliche Mitglieder in der Band sind. Wir haben auch Absagen von russischen Bands. Die kommen nicht, weil sie keine Flugverbindung nach Deutschland bekommen. Und es gibt Corona-Absagen, weil die Band erkrankt ist."

Auch die Hamburger Sängerin Sarajane, die selbst gerade erst Corona hatte, hat das Gefühl, es gehe alles noch sehr verhalten los: "Obwohl man schon Bilder von vollen Konzerten sieht und von Menschen, die sich schweißgebadet in den Armen liegen, habe ich noch nicht das Gefühl, das ist noch nicht die Realität. Das sind noch verschobene Konzerte, die stattfinden, noch nicht neu gebuchte. Meine Einschätzung ist, es rollt langsam an und zögerlich. Aber, was anrollt, macht wahnsinnig viel Spaß!"

Das Thema in der Redezeit bei NDR Info

Auch in der NDR Info Redezeit ging es am 21. April eine Stunde lang um Kultur unter dem Eindruck von Pandemie und Krieg.

Publikum verfolgt eine Vorstellung im Hamburger Schmidt-Theater. © picture alliance/dpa Foto: Daniel Reinhardt
AUDIO: NDR Info Redezeit: Kultur unter dem Eindruck von Pandemie und Krieg (57 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 21.04.2022 | 06:55 Uhr

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