Besucher kämpfen mit Regen und Wind auf dem Reeperbahnfestival © NDR/Julian Rausche Foto: Julian Rausche

Reeperbahn Festival-Blog: Tag 2 - Regen und Verbesserungen

Stand: 24.09.2021 08:54 Uhr

NDR Musikjournalist Matthes Köppinghoff ist auch in diesem Jahr beim Reeperbahn Festival. In seinem Blog erzählt er von seinen Beobachtungen auf St. Pauli. Hier seine Beobachtungen vom zweiten Festivaltag.

von Matthes Köppinghoff

Der zweite Festivaltag beginnt für mich mit der richtigen Kleidungswahl, ich entscheide mich für Zwiebeltaktik plus Regenjacke. Jeder Festivalbesuchende kennt das: Der schlimmste Gegner ist immer das Wetter. Auch beim Reeperbahn Festival ist das so, trotz der Clubs, in die man sich retten kann. In den letzten Jahren war es weitestgehend regenfrei, an diesem Donnerstag ist es aber kühl und regnerisch.

Es ist genau die Sorte fieser Nieselregentröpfchen, die konsequent, hartnäckig, dabei aber auch hauchzart unter Regenschirme/Dächer/Hüte geweht werden, beispielsweise genau auf die Brille eines gewissen zartbesaiteten Musikjournalisten. Trotzdem, frei nach dem Garbage-Song, sehe ich es wie folgt: "Only Happy When It Rains." Dass mir jetzt bitte keiner mit Hamburg-Klischees kommt.

Mehr Schirmchen vor dem N-JOY Reeperbus, bitte!

Weitere Informationen
Zuschauer vor der ARTE Concert Stage beim Reeperbahn Festival © Julian Rausche Foto: Julian Rausche

Alle Infos zum Reeperbahn Festival 2021

NDR.de hat zusammen mit ARTE viele Konzerte im Videostream übertragen. Viele der Auftritte sind als Videos-on-Demand verfügbar. mehr

Mein erstes Konzert für heute ist C’est Karma vor der Fritz Bühne. Man merkt sofort, dass viele lieber noch zuhause den Regen abwarten, anstatt nass zu werden. Dementsprechend ist deutlich weniger los als am Tag zuvor, die Künstlerin aus Luxemburg hat also nicht allzu viele Live-Zuschauer*innen vor sich. Diese weiß sie aber mit ihrer One-Woman-Show, die hier und da an Björk erinnert, zu überzeugen.

Lange Warteschlangen wie gestern sind bisher nicht zu sehen, eigentlich suchen alle eher Schutz vor dem Regen. Schade, dass der Platz vor dem N-JOY Reeperbus nicht mehr Schirme hat, unter die man sich flüchten könnte; folglich gibt es auch hier leider nur wenige Zuschauer bei The Cool Quest und Dopha. Gegen Nachmittag wird es aber trocken, leider muss Sharktank dennoch wegen Sturmwarnung ausfallen.

Mavi Phoenix und der "Wir-dürfen-nicht-tanzen"-Tanz auf dem Heiligengeistfeld

Mavi Phoenix auf der Bühne des  Reeperbahnfestival 2021 © NDR.de Foto: Matthias Köppinghoff
Mavi Phoenix auf der Bühne des Reeperbahnfestival 2021

Später gibt es auf dem Heiligengeistfeld viele Gründe für gute Laune: Der Einlass für Mavi Phoenix bei der ARTE Concert Stage läuft sehr entspannt und organisiert. Die Besucher*innen bekommen zu Anfang einen Platz zugewiesen, dürfen zwar nicht ausschweifend tanzen, dafür aber an ihrem Fleckchen die Maske abnehmen. Das trägt zur guten Stimmung bei, noch dazu gewinnt Marlon Nader mit seiner Band das Publikum mit großartigen Songs, irgendwo zwischen urbanem Pop und Indie.

Im letzten Jahr gab es hier auf dem Platz noch Klappstühle, das hier heute sieht aber (endlich wieder) deutlich mehr nach einem "normalen" Konzert aus. Österreicher Marlon ist schon mehrfach beim Reeperbahn Festival aufgetreten, 2017 und 2019, in einem Nebensatz sagt er grinsend: "Damals sah das noch etwas anders aus." Ob das eine Anspielung auf die Pandemie ist oder dass er seit 2019 als Mann lebt, lässt er dabei bewusst offen - und es spielt auch keine Rolle. Denn fest steht: Die Besucher*innen sind glücklich, feiern die Musik und tanzen ihren "Wir-dürfen-nicht-tanzen"-Tanz (also eine seltsame Art Schunkeln, Wippen und Kopfnicken; Hauptsache, die Füße bleiben fest auf dem Boden).

Dreampop mit Thala im Headcrash

Thala auf der Bühne des  Reeperbahnfestival 2021 © NDR.de Foto: Matthias Köppinghoff
Dreampop mit Thala im Headcrash

Das war schon mal ein starkes Konzert. Als es wieder etwas zu tröpfeln beginnt, geht es für mich im Stechschritt zum Hamburger Berg, genauer gesagt zum Headcrash. Den Club kenne ich gut - zumindest von außen. Als ehemaliger Anwohner konnte ich nämlich fünfeinhalb Jahre aus meinem damaligen Wohnzimmerfenster auf den Laden schauen, gut zu erkennen an dem aufgemalten Totenkopf auf der Tür. Ein Quasi-Heimspiel und Zeitreise in einem, umso erfreuter bin ich, als ich problemfrei (Passgebaumel sei Dank) auch wirklich ins Headcrash komme, zusammen mit nur 32 anderen Zuschauer*innen.

Auf dem Programm steht Thala, und wie sich herausstellen wird, ein echtes Highlight. Von der Berlinerin und ihrer Band ist gerade ganz frisch das Debütalbum "Adolescence" erschienen. Wer auf etwas überstrapazierte Genre-Bezeichnungen wie Dreampop steht, wird hier sehr glücklich. Ich für meinen Teil fühle mich hier sehr gut aufgehoben, mit meinem Fetisch für Gitarren mit sehr, sehr, sehr viel Hall und weiblichem, harmonischem, atmosphärischem Gesang à la Mazzy Star. Das klingt nicht nach Berlin, sondern eher nach einer Fahrt auf einem imaginären, nächtlichen Highway, nach dem Soundtrack zu einer niemals ausgestrahlten Folge von Twin Peaks. Sprich: Es ist herrlich, wenn ich könnte, ich würde mich in die Musik reinlegen.

Britischer Indie-Rock der Nuller Jahre mit Communions im Moondoo

Communios auf der Bühne des  Reeperbahnfestival 2021 © NDR.de Foto: Matthias Köppinghoff
Communions aus Kopenhagen präsentieren im Moondoo britischen Indie-Rock der Nuller Jahre.

Beseelt gehe ich den Hamburger Berg weiter bis zur Reeperbahn, dann scharf rechts, um mich nach ein paar Metern vor dem Moondoo einzureihen. Während ich draußen warte, sehe ich auch endlich das, was ich seit 2019 nicht mehr gesehen habe: verwirrte, hier und da auch schwankende Hamburg-Tourist*innen, die über die Reeperbahn streifen und sich dabei teils neugierig, teils perplex über die Menschenansammlungen von Musikfans vor den Clubs wundern. Egal. Auch beim Moondoo habe ich wieder Glück beim Einlass und komme rein. Ist hier etwa das dritte sehr gute Konzert in Folge drin? Ein Hattrick für Matthes?

Ja, denn die Communions aus Kopenhagen wären in einer gerechten Welt eine irrsinnig erfolgreiche Band. So sind sie halt noch eine recht unbekannte Indie-Perle, immerhin fällt im verwinkelten Moondoo das mit der begrenzten Zuschauer*innen-Kapazität nicht so dolle auf. Sänger Martin Rehof ist nicht unbedingt ein Quell unbändiger Freude und Lebenslust, sondern eher wortkarg, dennoch lässt er zwischendurch verlauten: "It's great to play shows again, outside of Denmark." Die Communions haben ihr neues Album "Pure Fabrication" im Gepäck, klingt angenehm nach britischem Indie-Rock der Nuller Jahre. Auch diese Band kann ich sorgenfrei jedem Indie-Fan ans Herz legen.

Meine Empfehlungen für Freitag

Weitere Informationen
Die Sängerin Thala beim Reeperbahn Festival 2021 © Marvin Contessi Foto: Marvin Contessi

Reeperbahn Festival: Viele Konzerte als Video-on-Demand

NDR.de hat zusammen mit ARTE Konzerte des Reeperbahn Festivals 2021 als Stream übertragen. Viele Auftritte gibt es als Videos-on-Demand. mehr

Jetzt sitze ich zufrieden, aber auch müde am heimischen Laptop und übe Manöver-Kritik an mir selbst: War vielleicht heute ein bisschen viel Indie-Indie, morgen versuche ich mich mal etwas diverser aufzustellen. Mein Festival-Highlight wird hoffentlich die Crucchi Gang. Das ist das Projekt von Francesco Wilking und Sven Regener, die mit etlichen Musiker*innen bekannte Songs zu italienischen Liedgut umgeformt haben. Das Ergebnis gibt es schon auf Platte und ist großartig - das im Michel zu sehen, das wäre fantastisch.

Auf Edwin Rosen und M.Byrd bin ich zwar neugierig, werde ich aber vermutlich nicht schaffen. Leider spielen Trümmer und William Fitzsimmons zeitgleich. Weil ich letzteren aber schon beim Reeperbahn Festival 2015 im Michel gesehen habe, versuche ich es daher wohl bei Trümmer im Knust. Für Leute, die Rap mögen, kann ich Goldroger und BLVTH empfehlen. Ry X in der Elbphilharmonie ist bisher noch ein Wunschtraum, aber vielleicht schaffe ich es ja irgendwie rein.

Noch ein letzter Hinweis für morgen: Bei Fridays for Future werden etwa 20.000 Leute in der Innenstadt erwartet - das sollte man bei der Festivalanreise bedenken. So dann, ich gehe jetzt mal ein bisschen schlafen. Bis morgen!

 

Weitere Informationen
Joy Denalane mit ihrer Band auf der Bühne des Operettenhauses in Hamburg © NDR

Reeperbahn Festival-Blog: Tag 1 - ein etwas holpriger Start

NDR Musikjournalist Matthes Köppinghoff bloggt auch in diesem Jahr vom Reeperbahn Festival. Hier sein Bericht vom ersten Tag. mehr

NDR Musikjournalist Matthias "Matthes" Köppinghoff beim Reeperbahn Festival 2020. © NDR Foto: Benjamin Hüllenkremer

Reeperbahn Festival-Blog 2021: Die Ruhe vor dem Stürmchen

NDR Musikjournalist Matthes Köppinghoff erzählt in seinem Blog von seinen Festival-Beobachtungen auf dem Hamburger Kiez. mehr

Zuschauer vor der ARTE Concert Stage beim Reeperbahn Festival © Julian Rausche Foto: Julian Rausche

Alle Infos zum Reeperbahn Festival 2021

NDR.de hat zusammen mit ARTE viele Konzerte im Videostream übertragen. Viele der Auftritte sind als Videos-on-Demand verfügbar. mehr

Die Sängerin Thala beim Reeperbahn Festival 2021 © Marvin Contessi Foto: Marvin Contessi

Reeperbahn Festival: Viele Konzerte als Video-on-Demand

NDR.de hat zusammen mit ARTE Konzerte des Reeperbahn Festivals 2021 als Stream übertragen. Viele Auftritte gibt es als Videos-on-Demand. mehr

Screenshot: Das Duo ÄTNA probt mit der NDR Bigband im Studio 1 des NDR. © NDR Bigband Foto: Screenshot
4 Min

ÄTNA und die NDR Bigband bei der Probe

"Wir gehen mit dem Projekt neue Wege und das macht große Freude", so Ingo Lahme von der NDR Bigband zu den Proben mit dem Elektro-Pop Duo ÄTNA. 4 Min

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 24.09.2021 | 06:40 Uhr

Mehr Kultur

Der Kursaal Auditorio Donostia in San Sebastián mit Blick aufs Meer © NDR Foto: Philipp Schmid

Ein bewegter bewegender Tag in San Sebastián

Das NDR Elbphilharmonie Orchester gibt im Kursaal Auditorio ein bewegendes Konzert mit einer besonderen Zugabe, zu der das Publikum mitsummt. mehr