Mundharmonika in Perfektion: Konstantin Reinfeld

Stand: 19.01.2023 14:19 Uhr

So verbreitet die Mundharmonika auch ist: Auf den großen Konzertbühnen hört man sie bislang eher selten. Der Wahlhamburger Konstantin Reinfeld arbeitet daran, dies zu ändern.

In der internationalen Fachwelt gilt Konstantin Reinfeld als einer der größten Meister seines Instruments. 2019 gewann er den Opus Klassik als bester Newcomer Instrumental. Reinfeld ist eine Art musikalisches Chamäleon: Klassik, Jazz, Pop, Filmmusik - nichts ist ihm fremd. Dabei musste er sich einen großen Teil seiner ausgefeilten Spieltechnik selbst beibringen. Akademische Lehrer für die Mundharmonika gibt es nämlich kaum. Mit dem Pianisten Benyamin Nuss hat er bereits sein Debüt-Album aufgenommen.

Wie kommt man dazu, auf diesem hohen Niveau, wie Du das machst, Mundharmonika zu spielen?

Konstantin Reinfeld: Es ist ein wahnsinniger Zufall, die Mundharmonika als junger Mensch zu entdecken. Dazu trägt bei, dass es keinen vorgeebneten Weg gibt. Man kann damit erstmal nicht in einem Orchester landen und das Instrument auch nicht offiziell an einer Musikhochschule studieren. Ich war 13 Jahre alt und habe das Instrument bei einer Talentshow im Fernsehen gesehen. Da gab es einen Spieler, der sehr emotional Evergreens gespielt hat. Das ist zwar nicht die Musik, auf die man in dem Alter steht, aber mich hat es total fasziniert: diese enge Verbindung zwischen dem Spieler und dem Instrument.

Es hatte eine gewisse Magie und ich wollte herausfinden, was dahintersteckt, weil es komplett unsichtbar ist, sowohl für den Spieler als auch für die Zuschauer oder Zuhörer. Mein erster Schritt war, dass ich in den Musikladen vor Ort gefahren bin und mir mein Instrument gekauft habe, dazu ein Lehrbuch und dann habe ich alleine angefangen, daran zu arbeiten. Schnell wurde das Internet zur großen Hilfe. Dort habe ich mich in deutschsprachigen Mundharmonika-Foren angemeldet und früh Aufnahmen von mir auf YouTube als Video hochgeladen. Dafür habe ich Feedback bekommen. Das war zu Anfang meine Schule.

Ich schätze, eine Mundharmonika gibt es ab ungefähr sieben Euro oder so. Wie ist der Preis für die teuersten Mundharmonikas?

Reinfeld: Die Instrumente, die ich spiele, die von einem Mundharmonika-Bauer auf die individuelle Spielweise eingestellt werden, kosten bis zu 500 Euro, würde ich sagen. Wenn die Instrumente noch teurer wären, müsste man sie mit Diamanten bestücken und das ergibt für musikalische Zwecke nicht mehr so viel Sinn. Gleichzeitig gibt es super viele Profispieler, die Instrumente spielen, die 30 Euro kosten. Die kann man im Laden kaufen. Da bekommt man schon ein gutes Instrument.

Zwei junge Männer stehen unter einer Brücke an einem Fluss. © Steven Haberland Foto: Steven Haberland
AUDIO: Mundharmonika in Perfektion: Konstantin Reinfeld (55 Min)

Man kann also mit recht günstigen Instrumenten schon gute Musik machen. Wenn ich jetzt eine Mundharmonika in die Hand nehme, dann kommen da viele Töne gleichzeitig raus und es ist total unorganisch. Eine Melodie zu spielen ist wirklich nicht leicht. Was ist denn das Schwierigste am Mundharmonikaspielen?

Reinfeld: Ich glaube, das ist wirklich die Sache, dass das Instrument unsichtbar ist. Alle anderen Instrumente haben zumindest irgendeinen visuellen Aspekt. Wenn man eine bestimmte Note auf dem Klavier spielen möchte, dann kann jeder die Taste runterdrücken. Aber bei der Mundharmonika muss man sich eine visuelle Repräsentation erarbeiten, die man vor geschlossenen Augen sehen kann, sodass man sich auf dem Instrument zurechtfindet.

Das musst Du mir genauer erklären. Was meinst Du damit? Stellst Du dir das Instrument vor dem inneren Auge größer vor, um Dich drauf zurechtzufinden?

Reinfeld: Genau, es ist wie ein 3D-Modell, indem ich mich bewege. Deshalb ist es auch so etwas besonderes beim Mundharmonikaspielen. Ich glaube, die meisten Spieler haben beim Spielen dauerhaft ihre Augen geschlossen.

Du hast verschiedene Instrumente dabei. Wie viele hast Du denn zu Hause?

Reinfeld: Zuhause habe ich noch nicht nachgezählt, aber mit der Zeit bekommt man unterschiedliche Instrumente geschenkt. Da habe ich bestimmt 150 Instrumente. Aber letztendlich braucht man nur die zwölf in den unterschiedlichen Tonarten, die ich hier in meiner Mappe habe.

Benyamin, Ihr spielt zusammen, Ihr habt euch in Köln kennengelernt, Du hast auch in Köln studiert, dann in Hamburg. Klavier und Mundharmonika ist ja nicht unbedingt die erste Kombination, auf die man kommt. Was reizt Dich denn an diesem Duo mit Mundharmonika?

Benyamin Nuss: Es haben sich für mich so viele Welten geöffnet. Als ich eine Mail von Konstantin bekam, habe ich erst gedacht: Mundharmonika? Das kann ich mir in der Klassik nicht vorstellen. Dann kam er zu mir nach Hause und hat Bach-Choräle gespielt und ich bin fast vom Hocker gefallen. Da war schnell klar, dass wir musikalisch sehr viele Interessen teilen: zum Beispiel Filmmusik und Jazz. Wir haben uns dann nach und nach ein Repertoire erarbeitet. Ich finde es unfassbar, was man aus diesem kleinen Instrument für Farben rausholen kann und wie virtuos man sein kann. Das finde ich einzigartig. Ich glaube, es gibt wenige Leute, die das so bedienen können wie Konstantin.

Das Gespräch führte Friederike Westerhaus.

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