Stand: 19.04.2018 11:44 Uhr

Castingshow? Nein, danke! LEA auf dem Sprung

Es ist gar nicht so leicht, in diesen Tagen einen Interview-Termin mit LEA zu bekommen. Spätestens als die Singer-Songwriterin aus Hannover im vergangenen Jahr mit der Neuauflage von "Wohin willst Du" und dem Sommerhit "Leiser" oben in den deutschen Charts landete, ist sie schwer im Geschäft. Aus Kassel stammend schreibt Lea-Marie Becker, wie sie mit bürgerlichen Namen heißt, mit 15 Jahren ihr erstes Lied und das wird auf YouTube gleich zum Hit. Schritt für Schritt und ganz im Gegensatz zum so schnelllebigen Musik-Geschäft baut sie ihre Karriere langsam, aber kontinuierlich auf - neben Schule und Studium.

Nun beschleunigt sich das Tempo allerdings. Zurzeit tourt die 25-Jährige quer durch Deutschland, die erste große Tournee, die nahezu ausverkauft ist. Am 20. April ist LEA in Hamburg, einen Tag später in der Heimat Hannover. Auf dem Weg zum Auftritt in Dresden findet sie etwas Zeit für NDR.de und erzählt am Telefon mitten auf der Autobahn von ihrem neuen Album, ihren Plänen und warum sie Castingshows so gar nicht gut leiden kann.

LEA, du bist gerade auf deiner bislang größten Deutschlandtour, 15 Städte, einige Konzerte mussten wegen großer Nachfrage hochverlegt werden, in Berlin gibt es einen Zusatztermin. Wie erlebst du diese Wochen gerade?

LEA: Ich genieße es wirklich. Die Shows sind in jeder Stadt auf mindestens das Doppelte gewachsen. Jetzt kommen Hunderte Leute. Vor eineinhalb Jahren haben wir in Saarbrücken zum Beispiel noch vor genau neun Leuten gespielt. Im ersten Moment war das hart, aber es hat eigentlich nichts ausgemacht. Da habe ich gemerkt, selbst wenn nur eine Person da ist und Bock auf Deine Musik hat, ist das so viel Wert wie 300 Leute. Umso mehr kann ich die Situation heute schätzen - und bin dankbar für jede Erfahrung, bei der man ein bisschen "auf die Fresse fliegt".

Wir bezeichnen dich als Hannoveranerin - doch kurz vor dem Interview müssen wir erfahren, dass du das bald gar nicht mehr sein wirst. Es steht ein Umzug nach Berlin an. Dabei hast du vor zwei Jahren noch gesagt, Berlin sei dir zu schnelllebig. Woher nun der Sinneswandel?

LEA: Ich habe mittlerweile so viele Freunde in Berlin, auch Freunde, die nichts mit der Musik zu tun haben. Und da mein Label Four Music auch in Berlin sitzt, wird vieles einfacher. Es wird eine Entlastung. Und ich liebe die Stadt auch. Hannover war immer ein guter Standort, weil man von dort schnell überall ist. Aber jetzt will ich gerne mal ausprobieren, wie es ist, kurze Dienstwege zu haben.

Was wirst du an Hannover vermissen?

Bild vergrößern
Gerade auf Tour und gleichzeitig arbeitet sie an einem neuen Album: LEA ist gut im Geschäft.

LEA: Ich liebe Hannover und es wird mir das Herz brechen wegzugehen. Am liebsten würde ich in beiden Städten leben, aber der Spagat wäre zu groß. Schon jetzt pendle ich viel, wobei mir ein richtiges Zuhause fehlt. In Berlin kann ich dann einfach nach der Arbeit gleich zur Ruhe kommen. Aber vor allem den Stadtteil Linden werde ich vermissen. Auf der Limmerstraße treffe ich immer gute Freunde und muss nicht weit zu ihnen fahren. Die kurzen Wege, die Grünflächen, den Georgengarten - das finde ich toll an Hannover. Aber ich werde auf jeden Fall sehr oft nach Hannover kommen, zumal meine beste Freundin hier lebt. Hannover liegt immer auf dem Weg nach irgendwohin.

In Berlin wirst du dann gleich nach der aktuellen Tour viel zu tun haben: Ein neues Album ist angekündigt - das zweite nach deinem Debüt mit "Vakuum" vor zwei Jahren.

LEA: Ja, genau. Wir sind schon fleißig am Produzieren und haben etwa fünf Songs fertig. Wir hoffen, dass wir im Herbst damit rauskommen können. Ein festes Release-Datum gibt es aber noch nicht.

Deine Musik dreht sich fast immer melancholisch und nachdenklich um die Themen Liebe und Einsamkeit - von dem Piano-Pop am Anfang bis zum Indie-Elektro-Pop auf dem Album "Vakuum". Wie hat sich dein Stil entwickelt und kann LEA auf dem neuen Album auch mal anders?

LEA: Früher war es immer ein krasser innerer Monolog. Ich habe mir viele Fragen gestellt, die unbeantwortet bleiben und die ich dann in Songs verpackt habe. Über die Jahre habe ich aber gelernt, auch besser zu den Menschen zu sprechen. Ich werde offener im Songwriting und beziehe andere Menschen und ihre Gedanken und Fragen mit hinein. Mit "Leiser" habe ich jetzt für mich den Entschluss gefasst, auch mehr Tanzbares zu machen. Darauf habe ich total Lust. "Leiser" ist zwar sehr tiefgründig, hat aber auch eine Leichtigkeit, die ausgleichend wirkt. Diese Mischung gefällt mir. Allerdings werden meine Songs auf jeden Fall eher traurig und tiefgründig bleiben. Denn ich schreibe meistens, wenn es mir nicht gut geht, wenn ich zum Beispiel Liebeskummer habe. Ich schreibe nicht, wenn alles super ist.

LEA "Fahrtwind"-Tour

06.04.2018 Mannheim
07.04.2018 Fulda
08.04.2018 Leipzig
09.04.2018 Dresden
10.04.2018 Bremen
12.04.2018 Berlin
13.04.2018 Freiburg
14.04.2018 München
15.04.2018 Erlangen
16.04.2018 A-Wien
18.04.2018 Köln
19.04.2018 Frankfurt
20.04.2018 Hamburg
21.04.2018 Hannover
22.04.2018 Berlin
23.04.2018 Berlin (Zusatztermin)

Du schreibst ja von Anfang an alle deine Lieder selbst. Kannst du dir vorstellen, auch mal andere für dich schreiben zu lassen?

LEA: Vor ein, zwei Jahren hätte ich das strikt abgelehnt. Da war es auch noch wichtig, dass ich erst mal meine eigene Linie finde. Aber jetzt finde ich es gar nicht schlimm, wenn man mit anderen zusammenschreibt oder einen Song von jemand anderen interpretiert - solange es ein Song ist, der gut zu einem passt, den man selbst fühlt. Ich glaube, es geht darum, dass man das tragen kann, was man singt. Das Publikum merkt es, wenn es nicht so ist.

Vor zehn Jahren ist deine Karriere gestartet, als Mitschüler dich mit dem Lied "Wo ist die Liebe hin" am Piano filmten. Das bei YouTube hochgeladene Video brachte in der ersten Nacht schon 45.000 Klicks. Du bist es trotzdem sehr langsam angegangen. Erst vor zwei Jahren kam ein Plattenvertrag und das erste Album. Warum hast du das so gemacht?

LEA: Ich wusste zunächst gar nicht, wo ich musikalisch hin will, mit wem ich arbeiten will, wie es klingen soll. Es war genau das richtige Tempo, weil ich mich erst mal ausprobieren wollte, bevor ich was rausbringe und zu einem Label gehe.

Nach dem ersten Hit auf YouTube wurde dir von Fans geraten, bei einer Castingshow mitzumachen.

LEA: Das wollte ich nie. Ich mag es nicht, dass vier Leute da über mich urteilen. Musik kann man nicht durch eine Jury beurteilen. Das finde ich sehr schwierig. Ich wollte das für mich machen und in meiner Welt bleiben. Das hat sich anfangs bei mir ja alles nur auf dem YouTube-Channel abgespielt, was nichts mit meiner Realität zu tun hatte. Es hatte sich damals nichts verändert in meinem Leben. Ich hatte mich eingeloggt, den Song hochgeladen und als ich mich ausgeloggt hatte, war ich komplett raus aus dieser Welt.

Ihr seid auf der aktuellen Tour viel im Auto unterwegs und hört dabei bestimmt auch Radio. Bei welcher Musik muss der Fahrer umschalten?

LEA: Ganz klar Schlager. Damit kann ich gar nichts anfangen. Ich habe schon meine Lieblingssongs und -musiker, wie zum Beispiel zurzeit Clueso oder Ed Sheeran. Auch wenn man die Nummern vielleicht irgendwann dann über hat.

Das Interview führte Vanessa Meyer

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | Der NDR 2 Abend | 28.03.2018 | 18:57 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/musik/Interview-mit-Pop-Saengerin-LEA,lea118.html

Mehr Kultur

49:05
NDR Kultur

Seitenspringer

20.02.2019 20:05 Uhr
NDR Kultur
04:21
Kulturjournal

Melodie Michelberger gegen den Schönheitswahn

18.02.2019 22:45 Uhr
Kulturjournal