Stand: 03.06.2018 00:01 Uhr

Instrument aus Schrott: das Gulliphon

von Astrid Wulf

Franz Danksagmüller gilt als einer der kreativsten Köpfe der internationalen Musikszene. Der Lübecker ist Komponist und Organist, experimentiert viel mit elektronischen Sounds und tritt in ganz Europa, den USA und Asien auf. Dazu lehrt er Improvisation und liturgisches Orgelspiel an der Lübecker Musikhochschule. Klingt alles schwer beeindruckend und auch ein bisschen ehrfurchteinflößend - nichtsdestotrotz hat der 49-Jährige eine abgefahrene Leidenschaft: Er entwickelt Instrumente selbst und sucht sich sein Material dafür auch mal gerne auf dem Schrottplatz.

Analog und digital gleichzeitig: das Gulliphon

Im Lübecker Schuppen 9 startet an einem Abend Mitte Mai ein klassisches Konzert - mit dabei ist allerdings ein ganz unklassisches Instrument: das Gulliphon. Es steht neben den Plätzen der Streicher auf einem Bistrotisch. Aus der Mitte einer runden Metallplatte, die ein bisschen aussieht wie ein kleiner Gullideckel, führt ein Strang mehrerer dünner Metallstäbe nach oben und mündet in einem eisernen Knauf mit Bügel, auch Leuchtdioden sind im Gulliphon verbaut. Ein anwesendes Paar fragt sich, was das bitteschön sein soll: "Das rechte Teil? Das ist ein Geigenbogen. Und das andere, würde ich sagen, sieht aus wie Sperrmüll. Das sind irgendwie elektrische Drähte, die zusammengekniffen sind, und höchstwahrscheinlich macht er in irgendeiner Form damit elektronische Musik. Also selbst zusammengebastelt. Ich bin schon ganz gespannt."

Instrumententeile vom Schrottplatz

Das Stichwort "Sperrmüll" ist gar nicht schlecht - auf der Suche nach Material für ein neues Instrument ist der Musikprofessor tatsächlich auf den Schrottplatz gegangen. "Das war ursprünglich ein Teil eines Schnellkochtopfes. Man hat da Gläser reingestellt, ins heiße Wasser gegeben und in die Mitte kam das Thermometer rein", erläutert Danksagmüller. Um das Gulliphon zu spielen, greift er mit der rechten Hand in den Bügel, die linke Hand führt eine Art Geigenbogen auf den dicken Metalldrähten vor und zurück. "Das ist der ungeschminkte Ton. Nichts anderes erzeugt es. Also eigentlich sehr unangenehm."

Software macht ein Instrument daraus

Um damit Musik machen zu können, holte sich Danksagmüller Hilfe beim Institut für Interfacedesign in Brüssel. Die Designer bauten verschiedene Druckknöpfe, Drehregler und Lichtsensoren an. In Kombination mit der richtigen Software und einem Laptop wird ein Instrument daraus. Dank verschiedener Tasten am Hebel des Gulliphons kann Danksagmüller sogar Tonleitern spielen - also "alles, was man braucht", sagt der Erfinder mit einem Augenzwinkern.

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Dank eingebauter Lichter macht das Gulliphon auch optisch was her.
Techno, Film, Klassik

Der Musiker kann mit dem Gulliphon dank der Programmierung verschiedenste Rhythmen, Klangfarben und Stimmungen erzeugen. Danksagmüller ist schon in Technoclubs aufgetreten, hat damit allerdings auch die Aufführung des Grusel-Stummfilmklassikers Nosferatu untermalt. Besonders spannend wird es, wenn das Gulliphon wie an diesem Abend Teil eines klassischen Ensembles ist - wie bei der Neuinterpretation von Georg Friedrich Händels "Feuerwerksmusik" an diesem Abend im Schuppen 9.

Franz Danksagmüller steht der Schweiß auf der Stirn. Er drückt die Tasten am Griff, dreht die Regler am Fuß des Gulliphons - und tippt zwischendurch auf sein Touchpad. Bei dieser Neuinterpretation der "Feuerwerksmusik" muss sich Dankwartmüller besonders konzentrieren: "Ich muss bestimmte Melodien spielen, und da merkt man sofort, wenn es falsch ist. Und es muss einem ganz bestimmten Klangsinn entgegenkommen. Es kann nicht irgendwie wild klingen, sondern muss eine klassische Musik begleiten."

"Ein fast morbides Vergnügen"

Man könnte sich fragen: Wozu der ganze Aufwand? Auch am Synthesizer oder Rechner lassen sich schließlich abgefahrene Sounds erzeugen. Aber es ist gerade diese Kombination aus analogem Instrument und digitaler Technik sowie die Herausforderung, aus Schrott Musik zu machen, die Franz Danksagmüller spannend findet: "Es macht einfach Spaß, darauf zu spielen! Es ist ein fast morbides Vergnügen."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 07.06.2018 | 20:00 Uhr

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