Blick auf auf die Bühne und die Orchestermusiker  Foto: Erik Franz

Ein persönlicher Rückblick auf das Klassikjahr 2020

Stand: 21.12.2020 15:32 Uhr

In den letzten Tagen des Jahres 2020 blicken wir auf die kulturellen Höhepunkte der vergangenen zwölf Monate zurück. Marcus Stäbler erinnert in diesem schwierigen Pandemie-Jahr an seine persönlichen Highlights.

von Marcus Stäbler

Andris Nelsons spielt mit den Wiener Philharmonikern in der Elbphilharmonie © Daniel Dittus/Elbphilharmonie Foto: Daniel Dittus
Anfang März spielten die Wiener Philharmoniker noch alle Beethoven-Sinfonien in der Elbphilharmonie.

2020 hätte ein freudiges und festliches Klassik-Jahr werden sollen, mit dem Jubilar Ludwig van Beethoven als Ehrengast. Und es begann auch viel versprechend: mit Höhepunkten wie dem Gastspiel der Wiener Philharmoniker in Hamburg Anfang März. Alle neun Beethoven-Sinfonien erklangen an vier Abenden in der Elbphilharmonie unter der Leitung von Andris Nelsons. Ein umjubelter Erfolg. Aber kurz darauf verstummte die Musik, jedenfalls in Konzerthäusern, Opern und Theatern in Deutschland.

Livestreams und Balkonkonzerte im Frühjahr

Das Verbot von kulturellen Veranstaltungen zum Schutz vor der Corona-Pandemie bedeutete etwa den Verzicht auf viele Passions- und Osterkonzerte. Ein herber Verlust, auch finanziell. Der komplette Honorarausfall ausgerechnet in der Hauptsaison hat vor allem die freien Musikerinnen und Musiker hart getroffen. Dass die Leidtragenden dieses befristeten Berufsverbots bis heute nicht angemessen entschädigt und wertgeschätzt sind, gehört zu den vielen harten Wahrheiten des Jahres 2020.

Viele Musikschaffende und Veranstalter haben kreativ auf die existenziell bedrohliche Krise reagiert- etwa mit Balkonkonzerten, Wohnzimmersessions und Livestreams aus leeren Sälen.

Neue Möglichkeiten im Sommer

Mit der Sonne und Wärme des Frühsommers kam dann auch etwas Licht in die Musiklandschaft. Chöre - durch den erhöhten Ausstoß von Aerosolen beim Singen in einer besonders schwierigen Situation - durften an frischer Luft endlich wieder zusammen proben, auch das öffentliche Konzertleben kehrte zurück. Mit vorsichtigen Schritten, reduziertem Publikum und strengen Abstands- und Hygieneregeln.

Das Orchester auf der Bühne erhebt sich vorm Publikum.  Foto: Anina Pommerenke
Im Sommer konnten Konzerte mit reduziertem Publikum stattfinden, wie hier beim Schleswig-Holstein Musik Festival.

Unter dem Motto "Sommer der Möglichkeiten" präsentierte das Schleswig-Holstein Musik Festival ein stark abgespecktes Programm, etwa mit einigen Freiluftkonzerten. "30 mal anders" hieß das pandemiegerechte Angebot der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, mit Künstlerinnen und Künstlern wie dem Geiger Daniel Hope, der Pianistin Anna Vinnitskaya oder dem Ensemble Quadro Nuevo.

Experiment Salzburger Festspiele

Ein besonderes Ausrufezeichen setzten die Salzburger Festspiele. Intendant Markus Hinterhäuser feierte den 100. Geburtstag des weltweit vielleicht bedeutendsten Klassik-Festivals mit einer zwar ebenfalls ausgedünnten, aber keinesfalls "kleinen" Ausgabe. Dank eines umfassenden Sicherheitskonzepts, mit regelmäßigen Testungen der Mitwirkenden, gab es sogar Opernaufführungen in Salzburg, wie Mozarts "Così fan tutte" unter Leitung von Joanna Mallwitz. Trotz bis zu tausend Besucherinnen und Besuchern pro Vorstellung haben die Festspiele keine Infektionskette ausgelöst und wurden damit zu einem wichtigen Mutmacher für die ganze Klassik-Welt.

Szene aus "Cosi fan tutte" in einer Inszenierung der Wiener Staatsoper © Wiener Staatsoper GmbH Foto: Axel Zeininger
Sogar Opernaufführungen waren bei den Salzburger Festspielen möglich.

Abseits der großen Bühnen ist vor allem die Kammermusik 2020 stärker ins Zentrum gerückt, weil dort naturgemäß weniger Menschen zusammen spielen. Wie bei den Sommerlichen Musiktagen in Hitzacker, für deren 75-jähriges Jubiläum Intendant Oliver Wille wie ein Löwe gekämpft und ein tolles Festival auf die Beine gestellt hat.

Start in die neue Saison

Zur neuen Saison kehrte die Klassik in einen geregelten Spielbetrieb zurück. Mit Live-Musik vor Publikum, was für eine Freude. Gerade als man sich an die größeren Abstände und die Lücken im Publikum gewöhnt hatte, brachte der November das zweite Verbot von öffentlich zugänglichen Kulturveranstaltungen - für viele noch frustrierender als im Frühjahr. Aber es gibt mehr als einen Lichtschimmer am Ende des Tunnels.

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Die Chance, sich impfen zu lassen, wird natürlich vieles ändern. Modellprojekte wie in Salzburg oder bei den Ensembles von Thomas Hengelbrock haben gezeigt, was mit regelmäßigen Tests alles möglich ist. Vor allem aber haben hunderte Vorstellungen in Opern, Konzerthäusern und Theatern belegt, dass die Sicherheitskonzepte funktionieren, dass die Menschen auf und hinter der Bühne und im Publikum verantwortungsvoll mit sich und der besonderen Situation umgehen können. Das gibt Anlass zur Hoffnung auf ein freudigeres Musik- und Klassikjahr 2021.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 23.12.2020 | 09:20 Uhr

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