Prüfung eines Selbst-Porträts von Leonardo Da Vinci. © picture alliance / abaca | Vandeville Eric

Was Mikroben und Pilze über Kunstwerke verraten

Stand: 17.05.2021 15:54 Uhr

Wenn es heißt, dass ein Kunstwerk "lebt", dann geht es meistens um seine ganz besondere Ausdruckskraft. In der Mikrobiologie sieht man das ein bisschen anders.

von Thomas Samboll

Kein Kunstwerk ist steril, sondern immer auch Refugium für eine Vielzahl von winzigen Organismen wie zum Beispiel Bakterien und Pilzen. Sie gilt es, in Schach zu halten, sonst kann ein Gemälde oder auch eine Statue langfristig schwer beschädigt werden. Dank neuester Untersuchungsmethoden kann man mithilfe der Mikrobiologie aber auch viel über die Vergangenheit eines Werks erfahren. Und mit Glück sogar ein bisschen DNA von Leonardo da Vinci ergattern.

Pilze und Bakterien hinterlassen ihre Spuren

Ein alter Mann mit langen Haaren und Rauschebart schaut scheinbar gedankenverloren vor sich hin. Eine Zeichnung aus dem 16. Jahrhundert, die heute weltberühmt ist. Denn bei dem Porträt soll es sich um ein Selbstbildnis von Leonardo da Vinci handeln. Man könnte denken, dass der große Gelehrte beim Malen gerade Masern gehabt hätte. Doch der Eindruck täuscht, so Katja Sterflinger von der Akademie der Bildenden Künste in Wien: "Es gibt darauf die ganz bekannten rost-farbenen Flecken. Es wurde lange angenommen, dass diese Flecken auf Papier ausschließlich von chemischen Prozessen stammen."

Leonardo war also nicht krank, sondern das Bild nach vielen Jahrhunderten einfach schon arg ramponiert. Die Fachleute aus Wien vermuteten schon bald Pilze hinter den vielen Pickeln, die das kostbare Werk auf Dauer völlig zerstören könnten: "Diese Mikroorganismen, die vor möglicherweise Hunderten von Jahren auf den Objekten waren, können wir heute noch nachweisen, weil sie ihr Erbmaterial auf und in den Materialien hinterlassen. Das kennt man aus den Kriminal-Serien, wenn über die DNA-Spuren dann die Täter gefasst werden. Das machen wir mit der Mikrobiologie."

Kunstwerke schmecken den winzigen Organismen

Was aber haben winzige Organismen wie Pilze, Bakterien oder auch Milben überhaupt auf Kunstwerken zu suchen? Man könnte sagen: "Es schmeckt ihnen einfach", so die Mikrobiologin Karin Petersen von der Hochschule für angewandete Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. "Die futtern sich durch's Kunstwerk, jawohl", sagt sie. "Dazu kommt, dass viele Mikroorganismen Stoffwechselprodukte ausscheiden, die das Objekt schädigen. Also wir haben häufig die Ausscheidung organischer Säuren, bei bestimmten Bakterien auch starker Mineralsäuren wie Salpetersäure oder Schwefelsäure."

Art der Mikroorganismen lässt Rückschlüsse zu

Eine Frau öffnet eine historische Schrift. © picture alliance / dpa Foto: Oliver Berg
Auf alten Kunstwerken und Schriften lässt sich auch menschliche DNA finden. Die darf aber aus Datenschutzgründen nicht analysiert werden.

Das Problem ist, dass Kunstwerke nicht immer unter den besten Bedingungen aufbewahrt werden können. Das mag an Klima- und Heizungsanlagen liegen, die nicht perfekt eingestellt sind, oder daran, dass sie permanent der Witterung ausgesetzt sind wie zum Beispiel Felszeichnungen oder antike Säulen. "Wenn ich bestimmte Pilze finde oder große Mengen DNA dieser Pilze, dann weiß ich, das muss einmal wirklich nass gewesen sein. Denn nur dann kommen diese Pilze vor. Daraus kann man Rückschlüsse ziehen", erklärt Karin Petersen.

Katja Sterflinger nennt das ein "Bio-Archiv der Kunst". Und das hat einiges zu bieten. Die Forschenden konnten beispielsweise herausfinden, dass Teile eines Buches von Leonardo da Vinci wohl schon mal als Klo-Lektüre gedient haben. "Wir haben dort Fäkal-Keime gefunden und noch alles Mögliche. Das war also sicherlich in einem Haushalt, ohne dass man dort wusste, was man da eigentlich in Händen hält."

Datenschutz: Menschliche DNA nachzuweisen ist tabu

Sehr wahrscheinlich ließe sich mithilfe der Mikrobiologie auch das Erbgut von Leonardo aufspüren. Weil Kunstwerke angefasst werden und womöglich durch viele Hände gehen, haftet auch immer menschliche DNA daran. "Die wird aber quasi weggeschmissen. Sie ist Begleitmüll zu unseren eigentlichen wissenschaftlichen Fragestellungen in der Mikrobiologie. Und wir können und dürfen sie nicht analysieren. Denn über diese DNA hätten wir dann Aufschluß über jeden, der dieses Objekt mal in der Vergangenheit in der Hand hatte - und das darf natürlich nicht sein! Aber es ist prinzipiell möglich. Und es es ist auch wahrscheinlich, dass Leonardo-DNA auf den Objekten und in den Objekten vorhanden ist", so Katja Sterflinger. Auch für einen da Vinci gilt eben der Datenschutz.

Schlechte Luft oder Butterbrot als Bakterien-Ursprung

So bleibt auch die Herkunft der Bakterien, die Karin Petersen von der Hildesheimer Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst auf einem mittelalterlichen Wandgemälde in einer Kirche entdeckt hat, letztlich nicht ganz geklärt. "Das ist wie beim Rotschmierkäse! Dabei handelt es sich um ein Bakterium, das oben auf der Käserinde diesen roten schmierigen Belag erzeugt und für diesen, nicht jedem sehr angenehmen Geruch sorgt."

Vielleicht sind die stinkenden Bakterien durch Reparaturarbeiten auf das Wandgemälde gelangt oder einfach durch die Luft in die Kirche eingedrungen. Das ist jedenfalls die Erklärung der Wissenschaftlerin. Vielleicht aber hat ja auch einfach nur ein Besucher hier vor vielen Jahren einmal sein Butterbrot vergessen.

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NDR Info | Kultur | 19.05.2021 | 09:55 Uhr