Außenaufnahme des Sprengel Museums Hannover im Morgengrauen © dpa Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte

Von Lockdown zu Lockdown: Rückblick auf das Kunstjahr 2020

Stand: 21.12.2020 16:13 Uhr

Das Kunstjahr 2020 begann zunächst wie geplant - doch dann kamen die Lockdowns. Derzeit warten die Museen und Galerien auf die Wiedereröffnung ihrer Häuser.

von Anette Schneider

Dabei begann das Jahr ganz "normal": Viele Museen gingen wieder auf Nummer sicher und zeigten Altbekanntes: Impressionismus in Potsdam und Leipzig, Surrealismus in Frankfurt, David Hockney in Hamburg.

Auch Sperriges und Aktuelles in der Kunst läutet 2020 ein

Doch konnte man auch Sperriges und sehr Aktuelles entdecken: Die Kunsthalle Rostock etwa würdigte das Lebenswerk der DDR-Fotografen Ute und Werner Mahler. Angesichts der überfälligen Diskussionen um Rassismus und Kolonialismus auch im Kunstbetrieb stellte der Kunstverein Hannover aktuelle schwarze Künstlerinnen und Künstler in der Ausstellung "Beyond the Black Atlantic" vor. Und die Hamburger Kunsthalle beschäftigte sich erstmals überhaupt mit dem Thema Trauer, denn: "Das ist ein Moment, der für die Kunst ungeheuer produktiv ist: Eine Phase der Neuorientierung, die nötig ist. Eine Phase der vielleicht auch kritischen Überprüfung von dem, was ist, und was kommen soll", sagte Kuratorin Brigitte Kölle.

Schnell entdeckten die Museen die Möglichkeiten des Netzes

Wenig später kam es so schlimm, wie sich das niemand hätte vorstellen können: Ein Virus legte das Land lahm. Die Museen mussten schließen. Ob das umstrittene Mammut-Projekt Humboldt-Forum oder die x-te Kostenexplosion des Berliner Museums für Moderne Kunst - alles rückte in den Hintergrund. Doch erstaunlich schnell entdeckten die Museen die Möglichkeiten des Internets.

Kuratorinnen und Kuratoren entwickelten virtuelle Rundgänge durch ihre Sammlungen, stellten Depots und Restaurierungswerkstätten vor, boten Online-Seminare zu Moderner Kunst. Worpswede verlegte sogar ein ganzes Fotofestival ins Netz. Doch bei allem Engagement wurde vor allem eines deutlich: Den direkten Blick auf das Bild kann das Internet nicht ersetzen.

"Die Menschen sehnen sich nach Kunst"

Weitere Informationen

Die Kunsthalle Bremen rief in ihrer Aktion "Und jetzt du!" dazu auf, Kunstwerke nachzustellen. extern

Dafür gab es auch Witziges: Die Bremer Kunsthalle rief dazu auf, für eine Ausstellung Bilder aus der Sammlung nachzustellen. Die Resonanz war groß und phantasievoll, wohl auch, weil die Idee gerade in Mode ist. Doch, so betonte Kuratorin Jasmin Mickein, "wir haben festgestellt, dass sich die Menschen in Zeiten des Lockdowns nach Kunst sehnen, auch nach Aktivitäten zu Hause und nach kreativen Möglichkeiten, die Kunst nach Hause zu bringen."

Folgen der Pandemie prägen Ausstellungen im Herbst

Mit Ende des ersten Lockdowns Anfang September eröffnete endlich, was schon seit Monaten hätte laufen sollen: die Weserburg in Bremen präsentierte die erste Einzelausstellung der feministischen Künstlerin Birgit Jürgenssen. Das Sprengel Museum Hannover zeigte einzigartige sowjetische Filmplakate, die Jahrzehnte lang vergessen auf einem Schrank gelegen hatten. Und in den Bremer Museen Böttcherstraße lud Direktor Frank Schmidt mit einer Ausstellung über Berührung in der Kunst zu der Ausstellung der Stunde. "Das war eine Ausstellung, die mit Corona und vor allem mit dem Shutdown der Museen ins Leben gerufen wurde. Es war im März, wir haben die Museen geschlossen, und ich bin durch unsere Sammlungen gegangen - und mir fielen plötzlich Bilder auf, wo Menschen sich berühren, sich küssen, sich umarmen", erklärte Schmidt.

Acht Wochen später war alles wieder vorbei. Bis vor wenigen Tagen "durften" die Menschen zwar nicht nur arbeiten sondern auch shoppen, also die Wirtschaft am Laufen halten. Museen aber wurden schon Anfang November zu "Freizeiteinrichtungen" erklärt - und geschlossen.

"Wir sind Bildungsträger und keine Unterhaltungsindustrie"

Reinhard Spieler, Direktor des Sprengel Musuems Hannover © picture alliance/dpa Foto: Holger Hollemann
Für Reinhard Spieler, Direktor des Sprengel Museums Hannover, ist die Schließung von Museen "reine Symbolpolitik".

Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen reagierte auch Reinhard Spieler, der Direktor des Sprengel Museums in Hannover, empört: "Wir sind Bildungsträger und keine Unterhaltungsindustrie", sagte er. "Wir sind mit den Theatern die Plattform, auf der wir unsere Situation reflektieren. Wo die Menschen von dem, was gerade passiert, ein Bild bekommen. Für mich ist das reine Symbolpolitik."

Kultur ist ein Lebensmittel

Selten wurde so deutlich, dass Kunst und Kultur hierzulande keine Lobby haben. Höchste Zeit, dass ihre Vertreterinnen und Vertreter sich wehren. Dass sie bewusst machen: Kultur ist ein Lebensmittel. In unserer durchökonomisierten Gesellschaft bildet sie einen der wenigen verbliebenen gesellschaftlichen Freiräume, um über gesellschaftliche Missstände und Alternativen nachzudenken. Zum Beispiel über eine menschliche und gerechte Gesellschaft.

Weitere Rückblicke
Jörg-Uwe Neumann © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Jan Woitas

"Das Jahr 2020 hat mich ein bisschen an 1989/1990 erinnert"

Der Leiter der Kunsthalle Rostock, Jörg-Uwe Neumann, der selbst am Coronavirus erkrankt war, blickt zurück auf das Jahr 2020. mehr

John David Washington (rechts) am Steuer eines Schnellbootes und Elizabeth Debicki als Passagierin - Szene aus dem Film "Tenet" von Christopher Nolan © 2020 Warner Bros. Entertainment, Foto: Melinda Sue Gordon

Filme 2020: Diese Highlights waren im Kino

Große Filmstarts gab es kaum im Kinojahr 2020. Zu den Highlights zählen "Undine", "Die Wütenden" und "Tenet". Eine Übersicht. mehr

So sieht das Schwimmnudeln-Konstrukt auf der Bühne am Schauspielhaus Hamburg aus - es dient als Abstandhalter für Probenarbeit © NDR Foto: Katja Weise

Höhepunkte trotz Corona: Rückblick auf das Theaterjahr 2020

Schwimmnudeln als Abstandshalter und ein Premieren-Stau, aber trotzdem gab es 2020 große Premieren und spannende Projekte. mehr

Marcus Stäbler © Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

Ein persönlicher Rückblick auf das Klassikjahr 2020

NDR Kultur Klassikexperte Marcus Stäbler erinnert sich an seine persönlichen musikalischen Highlights im Klassikjahr 2020. mehr

Coronakontrolle in der Bahn, Bürgermeister Tschentscher und ein Sturmschaden an einer AKN (Bildmontage) © picture alliance, Westküstennews Foto: Annette Ried,  Axel Heimken, Florian Sprenger

Rückblick: Das war das Jahr 2020 im Norden

Corona beherrscht den Alltag, Sturmtief "Sabine" wirbelt über den Norden, Rot-Grün gewinnt die Wahl in Hamburg, zwei Innenminister treten zurück. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 22.12.2020 | 09:20 Uhr

weitere Rückblicke

Marcus Stäbler © Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

Ein persönlicher Rückblick auf das Klassikjahr 2020

NDR Kultur Klassikexperte Marcus Stäbler erinnert sich an seine persönlichen musikalischen Highlights im Klassikjahr 2020. mehr

Ein Junglöwe betrachtet einen Vogel auf der Erde  - Szene aus Jon Favreaus Animationsfilm "König der Löwen" © DISNEY 2019

Das waren 2019 die erfolgreichsten Filme im Kino

2019 gab es viele Kassenmagneten im Kino. Spitzenreiter waren - ohne "Star Wars" - "König der Löwen", "Eiskönigin 2", "Joker", "Das perfekte Geheimnis" und "Avengers: Endgame". mehr