Stand: 06.04.2020 11:25 Uhr  - NDR Kultur

Virtueller Rundgang im Museum für Islamische Kunst

von Oliver Kranz

Das Museum für Islamische Kunst ist eine Art Untermieter. Es ist im Gebäude des Pergamonmuseums auf der Berliner Museumsinsel untergebracht. Viele Besucher nehmen es als separates Museum überhaupt nicht wahr. Dabei präsentiert es eine der bedeutendsten Sammlungen islamischer Kunst weltweit.

"Wir zeigen vor allen Dingen Objekte der Alltagskultur, der feineren ästhetischen Praktiken von Stadtgesellschaften", erklärt Prof. Dr. Stefan Weber, der Leiter des Museums. "Es geht nicht hauptsächlich um Religion, sondern wir haben diesen Namen 'Museum für Islamische Kunst' als Sammelkorb, wo Wissenschaftler vor hundert Jahren angefangen haben, alles, was zwischen Europa und Fernost ist, zu sammeln. Also, wir haben Gebetsnischen, Koranständer, aber auch viele Objekte, die jeder gehabt hat, ob er Christ oder Jude oder Muslim war." Zum Beispiel Schmuck oder Teppiche.

Virtueller Museumsbesuch

In der frei zugänglichen Online-Datenbank des Museums ist die gesamte Sammlung aufgelistet - von der kleinsten Scherbe bis zu riesigen Gebäudeteilen. Das wichtigste Ausstellungsobjekt ist die Fassade des Wüstenschlosses Mschatta aus dem 8. Jahrhundert.

Zu sehen ist ein aufwendig verziertes Wasserbecken aus dem 13. Jahrhundert, ein Exponat im Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin. © Museum für Islamische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz Foto: Johannes Kramer

Virtueller Rundgang im Museum für Islamische Kunst

NDR Kultur - Klassisch in den Tag -

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"Darauf sind wir schon sehr stolz, weil man sehr schön sehen kann, wie die Vorgängerkulturen, also das Byzantinische, das Abbasidisch-Iranische in der islamischen Kultur aufgehen und weiterentwickelt werden. Es ist deswegen wichtig, weil keine Kultur vom Himmel gefallen ist, sondern aus den Vorgängerkulturen entsteht", erläutert Prof. Dr. Stefan Weber. "Außerdem ist die Palastfassade das größte Objekt islamischer Kunst in einem Museum überhaupt. Sie ist 33 Meter lang und fünf Meter hoch. Einen Eindruck vom Saal, in dem sie präsentiert wird, bekommt man, wenn man auf der Website des Museums den Menüpunkt 'Google Arts & Culture' anklickt."

Man kann per Mausklick durch die Räume wandern und seine Blickrichtung frei wählen. Die Palastfassade mit ihren Ornamenten wird in einem separaten Menü erklärt. Mit der Zoom-Funktion kann man Details derart nah heranholen, dass man selbst kleine Unregelmäßigkeiten in der Gesteinsoberfläche erkennt. Es gibt ausführliche Kommentartexte und eine Computeranimation, die zeigt, wie der Palast als Ganzes einmal ausgesehen hat. Die Ruinen stehen in der Nähe der jordanischen Hauptstadt Amman.

Beeindruckende Ausstellungsstücke

"Aber mein Lieblingsobjekt ist das Aleppo-Zimmer aus dem Jahr 1601", sagt Weber. "Das ist eine fein bemalte Holzvertäfelung eines christlichen Kaufmanns, wahrscheinlich ein Armenier aus der Handelsstadt Aleppo."

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Das Aleppo-Zimmer ist ein beeindruckendes Kunstwerk mit vielen Zierdetails. Es dokumentiert auch eindrucksvoll einen Ausschnitt städtischer Wohnkultur und die Beziehungen zwischen verschiedenen Religionsgemeinschaften.

Auch dieses Zimmer kann man per Mausklick besuchen. In der 360°-Ansicht erkennt man den verschachtelten Grundriss. Mithilfe des Zooms lassen sich einzelne Ornamente betrachten. In einer Nische gibt es ein Bild des letzten Abendmahls: Jesus und seine Jünger sehen dort wie Asiaten aus. "Der Maler war ein Iraner, wahrscheinlich ein Schiit. Wahrscheinlich war der Besitzer ein Christ der osmanischen Verwaltung, sprach Armenisch, Arabisch, Türkisch, also viele kulturelle Einflüsse, die sich in dieser feinen Bemalung wiederfinden - atemberaubend und gleichzeitig einfach schön", schwärmt der Museumsdirektor.

Und die Bilder auf der Website geben ihm recht. Der einzige Wermutstropfen ist, dass der virtuelle Rundgang durch das gesamte Pergamonmuseum führt. Wer zur islamischen Kunst möchte, muss sich erst durch viele Museumsräume hindurchklicken. Wenn man es geschafft hat, erhält man eine solche Fülle von Informationen, wie man sie in der Ausstellung gar nicht finden würde. Nur eines kann die Website nicht liefern: die Aura des Originals.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 06.04.2020 | 10:20 Uhr