Plakat vor dem Haupteingang zum documenta-Standort Fridericianum © picture alliance/dpa | Swen Pförtner Foto: Swen Pförtner

Vandalismus auf der documenta: Politisch motivierte Drohung?

Stand: 02.06.2022 17:16 Uhr

Die documenta 15 steht in den Startlöchern. Doch wegen Antisemitismusvorwürfen gegen das ausstellende Kollektiv The Question of Funding steht sie seit Monaten in der Kritik. Nun wurde in das Haus, wo das Kollektiv ausstellen soll, eingebrochen.

von Claudia Christophersen

In zwei Wochen soll es losgehen in Kassel: Die weltgrößte Ausstellung für Gegenwartskunst, die documenta 15, steht in den Startlöchern und wird am 18. Juni eröffnet. Doch es knirscht im Gebälk. Nun wurde bekannt, dass in einen Ausstellungsraum eingebrochen wurde. Was ist passiert?

Der Einbruch geschah in der Nacht vom 27. auf den 28. Mai. Tatort ist die Werner-Hilpert-Strasse 22 in Kassel. In diesem Haus soll unter anderem das Kollektiv The Question of Funding bei der documenta ausstellen. An den Wänden fand man die Schmierereien: "187 PERALTA".

Vandalismus: Code für Mord und Rechtsextremismus?

Die Zahl 187 kann als Hinweis auf das kalifornische Strafgesetzbuch, Paragraf 187, gelesen werden, der sich mit Mord beschäftigt. Besonders in der Rappkultur ist diese Zahl als Code bekannt. "PERALTA" kann ebenfalls als eine Art Code gelesen werden: Es handelt sich dabei um eine Anspielung auf den Namen von Isabelle Peralta, die Leiterin einer rechtsextremen Jugendorganisation in Spanien. Momentan stehen daher viele Mutmaßungen, Fragen und Konjunktive im Raum.

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Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

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documenta stellt Strafanzeige

Kassel reagiert mit großer Irritation. Die documenta hat Strafanzeige gestellt. Die Polizei ermittelt in alle Richtungen und die Sicherheitsbehörden wurden eingeschaltet. Zudem wird das Sicherheitskonzept der documenta nach diesem Vorfall überarbeitet und das Sicherheitspersonal aufgestockt. Auch Oberbürgermeister Christian Geselle ist alarmiert und reagierte sehr deutlich: "Diskussionen rund um die documenta fifteen zu führen ist das eine, Künstlerinnen und Künstler durch Straftaten einschüchtern zu wollen, geht jedoch weit über das Tragbare hinaus."

Antisemitismusvorwürfe gegen The Question of Funding

Bereits im Vorfeld hat die documenta für viele Diskussionen gesorgt. Im Kern der Debatte stehen Antisemitismusvorwürfe, die sich gegen das Kollektiv The Question of Funding richteten, dem man eine Nähe zur Israelkritischen Boykottbewegung BDS nachsagt. Israel wird insbesondere von einem Künstler des Kollektivs als Kolonialmacht kritisiert. Der Vorwurf: ruangrupa, die indonesischen Kuratoren der documenta fifteen, haben entweder bei der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler nicht aufgepasst oder die documenta wolle die BDS-Bewegung "salonfähig" machen. Dagegen wehrt sich die documenta. Aber der Vorwurf steht im Raum.

documenta: Neue Dimensionen der Unruhe

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte sich bereits im Januar eingeschaltet, auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth meldete sich zu Wort. Doch beruhigt hat sich die Debatte bislang nicht. Anfang Mai sollte dann über die Vorwürfe in einer Podiumsreihe diskutiert werden, doch kurz vorher wurde die Diskussion abgesagt. "Ausgesetzt", wie die documenta beteuert.

Reden wäre wohl gerade im Vorfeld sehr vernünftig gewesen, zumal die Reihe hochkarätig besetzt gewesen wäre (mit Historikern, Soziologen, Antisemitismusforschern). documenta-Ausstellungen haben immer im Vorfeld und vor allem hinterher für Unruhe gesorgt, weil man die Ausrichtung befremdlich fand, mit der Kunst nicht einverstanden war. Das ist auch richtig so. Kunst soll aufregen, provozieren. Aber: Monate vorher so viel Aufregung - und jetzt auch Beschädigung, Sachbeschädigung -, das ist in dieser Dimension neu.

Eines der ersten Werke im Stadtbild, geschwärzte Säulen mit Zeichnungen des rumänischen Künstlers Dan Perjovschi, sind am Haupteingang zum documenta-Standort Fridericianum zu sehen. © Swen Pförtner/dpa - Foto: Swen Pförtner
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documenta: Kassel steht vor großer Herausforderung

Die documenta ist also schon vor Beginn ein riesiges Problem. Wie wird sich das ab dem 18. Juni entwickeln? Die Ausstellung hat inzwischen eine starke Akzentuierung bekommen, eine politische. Da geht es um tiefliegende Fragen. Zum Beispiel: Werden israelische Künstler gar nicht mehr eingeladen? Kann und darf man historisch vergleichen: den Holocaust, die Shoah? Themen wie Kolonialismus und Rassismus. Das sind alles sehr grundsätzliche, sehr komplexe Fragen, die an unterschiedlichsten Orten aufkommen, die spürbar sind, lange schon diskutiert werden.

Es ist eine große Herausforderung, eine große Aufgabe, die sich Kassel da jetzt gestellt hat. Es wäre gut gewesen, all das im Vorfeld in einer Veranstaltungsreihe zu debattieren - vielleicht auch ein Stückweit zu klären, um diese sehr verknotete, ernste Situation zu entknoten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 02.06.2022 | 14:20 Uhr

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