Stand: 11.09.2017 12:02 Uhr

Bei Upcycling ist Müll Definitionssache

von Katrin Weller

Wenn aus gebrauchten Sportgeräten Taschen werden, aus alten Mülltonnen Sitzmöbel oder aus Leergut eine Wohnzimmerlampe - dann spricht man von Upcycling. Heißt also: Aus Abfall oder scheinbar nutzlosen Stoffen entsteht etwas Neues, etwas Höherwertiges. Ein Trend, der sich in Design und Mode wiederfindet - und in der Kunstgeschichte.

Künstler haben immer wieder mit Stoffen gearbeitet, die andere weggeschmissen haben: von Picasso, der Holzreste oder Zeitungsausschnitte verwendet hat, bis hin zu Joseph Beuys und seiner berühmten "Fettecke", die eine Reinigungskraft in den 80er-Jahren aus Versehen weggewischt hat. Was Müll ist, liegt also auch im Auge des Betrachters, des Künstlers oder der Künstlerin.

Aus kaputten Rasierapparaten wird Kunst

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Die Direktorin der Kieler Kunsthalle Anette Hüsch steht vor dem Kunstwerk "Accumulation des rasoir".

Anette Hüsch, die Direktorin der Kieler Kunsthalle, steht vor einem durchsichtigen Kasten mit kaputten Rasierapparaten. Manche Gehäuse haben einen Sprung, das ein oder andere Kabel ist gebrochen. "Wir sehen Rasierapparate, unterschiedliche Modelle. Manche haben drei Klingen, es sind einfach die handelsüblichen Modelle, die alle gebraucht sind und dann irgendwann in den Müll geworfen wurden", erzählt Hüsch.

Die Skulptur des Künstlers Arman ist entstanden, als sich in den 60er-Jahren die Müllproduktion in Frankreich vervielfachte. Zuvor hatte Arman bereits mit einem Kunstskandal Aufsehen erregt - auch hier mit Müll: "Er hat den ganzen Galerieraum mit Müll zugeschüttet, man konnte nur noch von hinten reingehen." erzählt Hüsch.

Arman: "Accumulation des rasoir" - Skulptur des Künstlers Arman mit einer Ansammlung von Rasierapparaten © Kunsthalle Kiel

Upcycling in der Kunstgeschichte

NDR Kultur -

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Konsumkritik mit Abfall

"Das Volle" nannte der Objektkünstler Arman seine Ausstellung, Konsumkritik mit Abfall. Was wir wegwerfen, kann für Künstler im wahrsten Sinne des Wortes zum Kunst-Stoff werden. Müll als Material. Hüsch erläutert: "Das kommt oft vor, aber noch nicht so lange. Es sei denn, man würde die Schalen von Krustentieren oder Austern zum Abfall zählen, denn das sind Dinge, die auf den Stillleben schon im 17. Jahrhundert dargestellt wurden. Aber erst mit der Moderne und der explosionsartigen Materialvielfalt, die sich mit den zivilisatorischen Gesellschaften im 19. Jahrhundert ausbilden, erfährt der Müll und das, was wir als Abfall bezeichnen, plötzlich die Aufmerksamkeit der Künstler."

Müll ist Definitionssache

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Dieter Roth hat für sein Kunstwerk "Das Gewürzfenster" Gewürze hinter Glas arrangiert.

Kunstwissenschaftler haben sich mit Abfall sogar theoretisch auseinandergesetzt. Anette Hüsch hat vor einigen Jahren eine Ausstellung zum Thema kuratiert, "From Trash to Treasure - Vom Wert des Wertlosen in der Kunst". Werke des in Hannover geborenen Künstlers Dieter Roth zeigten beispielsweise, was unser Müll über uns persönlich verrät. "Dieter Roth hat nicht nur mit Gewürzen und Schokoladen und Käsen gearbeitet, sondern auch seinen Abfall in Aktenordner gelegt, die wir in der Trash-Ausstellung gezeigt haben. Da war von Briefen bis zu benutzten Taschentüchern, Zigarettenstummeln alles vorhanden. Er hat Tagebuch geführt, indem er Einträge vorgenommen hat über das, was der Tag so hinterlassen hat", erzählt Hüsch.

Wenn Künstler mit weggeworfenen Materialien arbeiten, werden die Stoffe umgedeutet und immens aufgewertet. Das Thema Abfall wird die Kunstwelt auch weiterhin beschäftigen, glaubt Anette Hüsch: "Müll ist auf so vielen Ebenen ein wesentliches Thema. Das beschäftigt natürlich Künstlerinnen und Künstler, nicht, weil sie sich explizit unbedingt dem Müll verschreiben, aber weil es ein wesentlicher Bestandteil unserer Fragestellungen ist, die uns in der Zukunft sehr, sehr stark beschäftigen. Jeder weiß Bescheid, dass Müllteppiche im Meer schwere Folgen haben. Gleichzeitig sind wir alle Produzenten genau dieser Dinge, die da ins Meer gelangen."

Weitere Informationen

Im Kaffee liegt die Kunst

Regine Broscheit aus Borstel-Hohenrade bastelt in ihrer Freizeit Schmuck aus leeren Kaffeekapseln. Ihr Mann Christian unterstützt sie - mit Kaffeetrinken. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 14.09.2017 | 14:20 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/kunst/Upcycling-in-der-Kunstgeschichte,upcycling180.html

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