Stand: 20.01.2018 07:00 Uhr

Mit Pinsel und Laptop in die Geschichte abtauchen

von Frank Hajasch

"Kopf einziehen" heißt es für Christian Leonhardt vom Restaurierungszentrum Kiel, als er in die enge Bodenluke vor dem Altar der Klosterkirche Bordesholm steigt. Die schwere Steinplatte zu seiner Rechten gibt den Weg frei in eine Gruft. Hier beginnt für den Kieler Restaurator der Arbeitstag. "Die Klosterkirche Bordesholm ist eine der schönsten und am besten erhaltenen Backsteinkirchen im Land. Aber weil sie so dicht am See steht, spielen Feuchtigkeit und Schimmel immer eine Rolle."

Zwischen uralten Särgen und Hydra-Köpfen

Über eine schmale Treppe bugsiert Leonhardt einen Koffer und seinen Laptop ins Dunkle. Automatisch geht das Licht an: Ein halbhoher Raum mit Särgen ist zu sehen. Am Gewölbe hängt ein rotes Kästchen. "Wir haben in der Kirche überall Funksensoren verteilt. Auch oben, unterm Dach. Die messen das Raumklima und übertragen die Werte online", erklärt der Restaurator.

Ein Job mit klassischem Werkzeug und High-Tech

Für Christian Leonhardt ist der Besuch der Klosterkirche Bordesholm ein typischer Wartungstermin: Wie geht es den Ölgemälden im Kirchenschiff? Was macht der goldene Rahmen ums Altarbild? Wie feucht ist das mittelalterliche Mauerwerk? Dabei kommen Pinsel, Wattestäbchen und Reinigungsmittel zum Einsatz, aber auch Lasertechnik und digitale Hand-Mikroskope. "Daran hätte ich früher nie gedacht. Ich habe mal eine Tischlerlehre gemacht. Danach war ich lange in einer Restaurierungswerkstatt in Süddeutschland. Das war alles sehr handfest."

Inzwischen ist der Laptop hochgefahren. Auf dem Display taucht das Diagramm einer Langzeitmessung auf. Rote und blaue Kennlinien hüpfen auf und ab. "Für uns sind zwei Werte wichtig: Temperatur und Luftfeuchtigkeit", erklärt Leonhardt. Die Särge sind aus Holz und mittlerweile sehr dünn: Jede Veränderung im Raumklima würde sich sofort bemerkbar machen.

40 Jahre Berufserfahrung sind ein Schatz

Seinen Lebensweg hat Christian Leonhardt eigentlich nie verlassen. Gut, es gab das zusätzliche Studium der Kunstgeschichte in Hamburg. "Aber fürs Hintergrundwissen ist das nicht verkehrt", lacht der 60-Jährige. Sein Vater kam aus der Architektur; seine Mutter war kunsthistorisch interessiert. "Gefühlt war ich schon als Kind in jeder Kirche."

Sein nächstes Ziel: das Wandgemälde oben in der Russischen Kapelle - für ihn ein Highlight. Auf dem Weg dahin geht es am gotischen Chorgestühl vorbei. Das soll in diesem Jahr restauriert werden. 500 Jahre Geschichte haben am massiven Eichenholz Spuren hinterlassen. Aber weil der Restaurator schon mal da ist, wirft er einen Blick auf die verzierten Handläufe und geschnitzten Figuren.

Seine Arbeit ist ein Blick in die Geschichte

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Gerne im Einsatz: das moderne Handmikroskop des Restaurators.

"Es interessiert mich, den Dingen auf den Grund zu gehen." Und wer sieht, wie akkurat Christian Leonhardt arbeitet, glaubt das sofort. "Das blankgewetzte, dunkle Holz des Chorgestühls war sicher im Laufe der Jahrhunderte bemalt", sagt er und nimmt sein handgroßes Mikroskop. Das schwarze Kästchen piept. Das Display leuchtet. Und statt braunem Holz sind plötzlich Farbpartikel zu sehen. Ein bisschen Orange, ein kräftiges Blau, ein sattes Grün: "Löwe und Greif an der Stuhlwand zeigen Reste einer Übermalung aus dem Barock." Der Restaurator macht sich Notizen. Die detaillierten Aufnahmen wird er ausdrucken.

Die Geißelung Christi - eine Mammut-Aufgabe  

Dann die Russische Kapelle. Wie viele Stunden, Wochen, Monate sie an der Wandmalerei gesessen haben, weiß Christian Leonhardt nicht mehr. "Damals hatte ein Maurer alten Putz abgeschlagen. Darunter waren auf einmal Umrisse eines schwarzen Fußes  zu sehen. Was für eine Aufregung!" Dass der Maurer gleich die Farbschicht traf, war Zufall. Christian Leonhardt musste sich dafür durch eine steinharte Gipsschicht arbeiten. Lange hatte der Restaurator überlegt, wie er die runternimmt. Am Ende halfen zahllose Kompressen, die vorher in Ammoniumcarbonat getaucht wurden.

Das Bild war dann irgendwann fertig, braucht jetzt aber Pflege. "Meist geht es um Schimmel. Und da gilt wie überall: Vorsorgen ist besser als Heilen." Der Restaurator klickt seinen Arbeitskoffer auf und holt Wattestäbchen raus. Vorsichtig streicht er an mehreren Stellen über die deckenhohe Wandmalerei. Die Proben werden eingetütet und beschriftet. "Wir lassen das in einem Labor untersuchen", erklärt Leonhardt.

Bordesholm ist überall 

Was der Restaurator in Bordesholm macht, passiert andernorts genauso. Nicht immer ist es eine Kirche. Nicht immer roter Backstein. In Danewerk sitzt er an der Waldemarsmauer. Im Schleswiger Dom am Schwahl, dem Kreuzgang. Dann gibt es das Werkstattgebäude in der Kieler Kaiserstraße. Und im Winter geht es oft in die Werkstatt ins Restaurierungszentrum Kiel. Dort befinden sich alle Materialien, die in der menschliche Kulturgeschichte wichtig waren und sind: Skulpturen aus Holz, edle Stahlrohrmöbel aus den zwanziger Jahren, Ledertapeten - all diese Dinge haben allerdings Macken. Ein hauchdünnes Mosaik sucht behutsame Restauratoren-Hände. Und die Stuckleiste in der Tischmitte will auch ausgebessert werden. "Wir haben viel zu tun. Aber es ist genau das, was ich immer wollte und was mich interessiert hat. Ich brenne nun mal für schöne alte Dinge", sagt Christian Leonhardt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 17.01.2018 | 20:05 Uhr

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