Sophia Süßmilch © Apollonia T. Bitzan Foto: Apollonia T. Bitzan
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AUDIO: Künstlerin Sophia Süßmilch: "Dreistes Framing der CDU" (6 Min)

Künstlerin Sophia Süßmilch: Vorwürfe der CDU unhaltbar

Stand: 18.06.2024 11:09 Uhr

Was darf Kunst? Diese Frage stellt sich nach der Eröffnung der Ausstellung "Kinder, hört mal alle her!" an der Kunsthalle Osnabrück einmal mehr. Die Künstlerin Sophia Süßmilch bezieht Stellung zu ihren Kunstwerken.

Direkt nach der Eröffnung der Ausstellung am 15. Juni hatte die CDU zum Boykott der Schau aufgerufen und die Schließung der Schau gefordert. Die Ausstellung stelle Werke aus, die sowohl inhaltlich als auch visuell absolut inakzeptabel seien, heißt es. Im Zentrum der Kritik steht eine Performance der Künstlerin Sophia Süßmilch, die Kannibalismus thematisiert. Die Kunsthalle Osnabrück wies die Vorwürfe zurück. Es sei wichtig, auch die dunklen Seiten von Pädagogik und Familie zu zeigen, sagte die Kunsthallen-Direktorin Anna Jehle. Zudem habe das Museum von Beginn an Content-Warnungen für die Performance und eine räumliche Trennung zwischen Performance und Kinderbereich vorgenommen.

Frau Süßmilch, was sagen Sie selbst zu den Vorwürfen der CDU?

Sophia Süßmilch: Mich belustigt diese Forderung, weil niemand von der CDU in der Ausstellung war und auch nicht mit mir geredet hat. Das ist, wie wenn jemand sich über einen Film äußern würde, von dem er über Hörensagen irgendwas gehört hat, und dann fordert, dass der Film nicht mehr gezeigt wird.

VIDEO: CDU kritisiert neue Ausstellung der Osnabrücker Kunsthalle (2 Min)

Im Vorfeld gab es auch von der Kunsthalle Osnabrück eine Einstufung als "nicht kindgerecht". Die CDU fordert vor allem, das Label "Familienausstellung" nicht mehr zu verwenden. Wie weit sind Sie im Vorfeld mit der Kunsthalle in den Austausch gegangen?

Süßmilch: Das ist auch ein Framing, was sich die CDU ausgedacht hat. Die Kunsthalle hat niemals gesagt, dass das eine Dauer-Familienausstellung wird. Der Titel der Ausstellung ist "Kinder, hört mal alle her!". Das bedeutet nicht automatisch, dass das eine Ausstellung für Kinder ist und auch nicht, dass alle Teile jeder Ausstellung - da sind ja mehrere Ausstellungen - jederzeit für alle Personen zugänglich sein müssen. Ich finde durchaus, dass man da mit Kindern reingehen kann. Meiner Erfahrung nach finden Kinder das ganz schnell langweilig. Ich habe das so erlebt, dass die Kinder zu den Meerschweinchen gehen - und alles andere interessiert sie überhaupt nicht. Und was die Nacktheit angeht: Nacktheit finden Kinder nicht schlimm. Nacktheit ist zunächst mal Nacktheit und nicht ein sexueller Körper. Und das ist es auch, worum es mir ganz stark in meiner Kunst geht: dass ein Frauenkörper zunächst mal einen Frauenkörper ist. Aber ich glaube, das ist ganz schwierig für die CDU; die empfinden dadurch eine ganz starke Bedrohung.

Ich bin tatsächlich mit der Kunsthalle in Austausch gegangen. Wir haben, weil die sehr sensibel arbeiten, bevor überhaupt irgendeine Skandalisierung stattfindet, über diese Thematiken gesprochen, weil es zum Beispiel auch um Geburt geht und ich manche starke Worte verwende. Die verwende ich aber mit einem Augenzwinkern und einem schwarzen Humor, wie zum Beispiel der Sänger Georg Kreisler oder der Dichter Joachim Ringelnatz. Wir haben uns trotzdem vorsichtshalber um ein Awareness-Team gekümmert und eine Trigger-Warnung rausgegeben, so wie das mittlerweile in großen Museen der Welt auch schon üblich ist.

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Die Künstlerin Sophia Süßmilch steht in ihrer Installation "Then I’ll huff and I’ll puff and I’ll blow your house in" © picture alliance/dpa | Friso Gentsch Foto: Friso Gentsch

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Die Schau steht wegen einer Performance, die Kannibalismus thematisiert, in der Kritik. Die Künstlerin Sophia Süßmilch hat nun sogar Morddrohungen erhalten. mehr

Vermutlich hat es damit zu tun, dass man sich damit befassen muss und dass man wissen muss, worüber man spricht. Nach dem Bericht über die Ausstellung hat uns ein Hörer geschrieben, dass er das als Vater eines verstorbenen Kindes nicht gut nachvollziehen kann. Und das kann ich wiederum auch verstehen. Ich vermute aber, dass er die Ausstellung auch nicht gesehen hat.

Süßmilch: Bei dem Angriff der CDU geht es ja nicht um mich - die wollen seit zwei Jahren die Kunsthalle abschaffen. Die haben letztes Jahr jemand anderen als Kulturkampf-Spielball eingesetzt, und jetzt bin ich es nun mal. Da geht es überhaupt nicht um meine Kunst.

Zu dem Vater eines verstorbenen Kindes: Ich fühle mit diesem Vater. Ich würde sehr gerne mit dem Vater durch die Ausstellung gehen und ihm meine Ausstellung erklären. In der Ausstellung geht es mir stark darum, darauf aufmerksam zu machen, wie mit Frauen und Frauenkörpern in unserer Gesellschaft umgegangen wird. In den USA zum Beispiel werden in manchen Bundesstaaten elf- oder zwölfjährige Kinder, die vergewaltigt wurden, zum Austragen des Kindes gezwungen. Und ich habe mir in der Ausstellung erlaubt: Was wäre denn, wenn wir die Machtverhältnisse umkehren? Wenn alle Frauen sich weigern würden zu gebären und wir die Herrschaft an uns reißen? Diese Figur des Kannibalismus ist eine zwiespältige Figur, sie wird ganz oft verwendet: in "Hänsel und Gretel" zum Beispiel - das ist ja auch nichts Neues. Das Einverleiben des Kindes des Gegenübers und das gleichzeitige Beschützen dieses Lebewesens und immer bei sich behalten - das war für mich eine Metapher der Doppeldeutigkeit, der Grausamkeit und auch der unendlichen Liebe, die der Mensch in sich haben kann.

Im Moment ist viel von Provokation, von Eklat die Rede. Aber Sie würden empfehlen, sich die Ausstellung anzuschauen und sich mit dem, was dahinter steht, zu befassen und so den Horizont zu weiten.

Süßmilch: Ich würde vor allen Dingen empfehlen, nicht auf dieses dreiste und freche Framing der CDU einzusteigen. Ein CDU-Mensch hat sich geäußert: "Es bleibt jedem selbst überlassen, ob man Kannibalismus und Mütter, die ihre Kinder essen, gut findet." Denkt er denn, dass ich das gut finde? Es ist ja eigentlich die Märchenerzählung, die ich da vollbringe. Ich liebe Kritik, ich setze mich wahnsinnig gern mit Kritik auseinander. Wenn ein Vater sein Kind verloren hat, verletzt es mich, und ich setze mich gerne hin und rede mit der Person, weil es mir nicht darum geht, einzelne Personen in ihren Gefühlen zu verletzen. Aber mir geht es drum, politisch darauf aufmerksam zu machen, was in der Welt an Unterdrückung geschieht und eine Umkehrung zu schaffen. Es müssen alle Eltern für sich entscheiden, ob man in die Ausstellung gehen kann, aber ich als Künstlerin finde nicht, dass man da auf gar keinen Fall mit Kindern reingehen kann.

Das Interview führte Philipp Schmid.

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Die Künstlerin Sophia Süßmilch steht in ihrer Installation "Then I’ll huff and I’ll puff and I’ll blow your house in" © picture alliance/dpa | Friso Gentsch Foto: Friso Gentsch

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.06.2024 | 09:45 Uhr

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