Kaufhäuser: Neues Leben für tote Kästen

Stand: 12.10.2021 11:13 Uhr

Im Norden gibt es derzeit 15 leerstehende Kaufhäuser in Innenstädten. Was passiert mit den ungenutzten Flächen und dem Leerstand in den begehrten Stadtzentren?

von Lennart Herberhold

Ein dunkler, großer Betonklotz mitten in der Innenstadt - leer. Ein ehemaliges Kaufhaus, einst Anziehungspunkt für viele, heute tausende Quadratmeter ungenutzte Fläche in der Innenstadt. Im Norden sind es derzeit insgesamt 15. Ein leeres Kaufhaus kann eine ganze Innenstadt nach unten ziehen: "Bei Leerständen in den Innenstädten ist immer die große Schwierigkeit, dass tote Zonen entstehen. Das ist für Fußgängerzonen eine Katastrophe", sagt Werner Schaffer, Architekt aus Flensburg.

Leerstand: Energiebilanz von Abriss und Neubau oft verheerend

Werner Schaffer steht in einer Fußgängerzone © NDR.de
Werner Schaffer ist Architekt in Flensburg und hat sich auf Umbauten spezialisiert.

Was also tun mit den alten Kaufhäusern? Abreißen? Umnutzen? Für Werner Schaffer ist die Sache klar: "Innerhalb dieser Gebäude sind riesige Flächen, die ungenutzt sind. Auf der anderen Seite suchen wir krampfhaft Flächen und müssen ständig neue erschließen." Deshalb hat er sich auch auf Umbauten spezialisiert. Ganz grundsätzlich, weil die Energiebilanz von Abriss und Neubau oft verheerend ist. Das gilt erst recht für die Masse von Stahl und Beton, die in jedem alten Kaufhaus verbaut ist: "Alles Material muss entsorgt werden. Für das neue Gebäude, das dann errichtet wird, müssen wieder Baustoffe produziert werden. Das ist aus meiner Sicht nicht mehr vertretbar. Man muss versuchen, bestehende Gebäude zu nutzen."

Wie beispielsweise in Rendsburg: Werner Schaffer hat das dortige ehemalige Kaufhaus zu einem Pflegeheim umgebaut. Manche, die jetzt in dem Heim wohnen, erinnern sich auch noch an früher, als sie hier eingekauft haben.

Lichtführung ist in leerstehenden Kaufhäusern eine Herausforderung

Kaufhaus in Rendburg © NDR.de
Ehemaliges Kaufhaus in Rendsburg

Die Herausforderungen sind groß, ein ehemaliges Kaufhaus umzubauen: Die großen Flächen sind zwar attraktiv, aber schwer zu strukturieren. Dort, wo früher die Waren wie auf einer breiten Bühne nebeneinander präsentiert wurden, sind heute im Rendsburger Pflegeheim Flure gezogen worden und Zimmer, Gemeinschaftsräume und Rückzugsmöglichkeiten für das Personal entstanden.

Wichtig dabei und genauso schwierig: die Lichtführung. Oft haben die Fassaden der alten Kästen keine Fenster und es reicht in den wenigsten Fällen, die geschlossene Fassade aufzureißen. Es braucht also auch Lichtschächte. Das alles ist in Rendsburg gelungen. Der alte Kasten lebt wieder.

"Core" in Oldenburg: Leerstand mit kreativer Nutzung

Alexis Angelis im Porträt © NDR.de
Alexis Angelis ist einer der neuen Investoren in Oldenburg und hat als Architekt den Umbau gestaltet.

Ebenso hat es mit der Wiederbelebung eines alten Kaufhauses in Oldenburg geklappt. Jahrelang starb dort der größte Konsumtempel in der Region langsam vor sich hin. Irgendwann kaufte die US-amerikanische Investment-Firma Blackstone das Gebäude. Es wurde eines von vielen im Portfolio. Eine Gruppe von lokalen Investoren machte sich schließlich auf, dem leeren Koloss in der Innenstadt neues Leben einzuhauchen. Nach zähen Verhandlungen kauften sie Blackstone das Haus ab und sanierten es.

Alexis Angelis ist einer der neuen Investoren und hat als Architekt den Umbau gestaltet: "Wir stellten uns als Unternehmer in der Region die Frage: Wie möchten wir unsere Stadt gerne haben?" Der Anspruch war und ist, ein neues Zentrum für Oldenburg zu schaffen. "Core", Kern, heißt das Gebäude jetzt. Wo früher alles auf Handel ausgerichtet war, geht es jetzt um Vernetzung, Austausch und Kommunikation. Es gibt Co-Working-Spaces, kleine Ateliers und Geschäfte, einen großen Food-Court. Ein attraktives Angebot für Oldenburg, das genutzt wird - und eine kreative Nutzung der Ressource Raum.

Karstadt in Neumünster: Kreative Lösungen für Umgestaltung

Klaus Fahrner steht vor einem Gebäude © NDR.de
Klaus Fahrner ist Leiter der Bücherei in Neumünster und will aus dem alten Karstadt-Gebäude einen Begegnungsort machen.

So einen Raum möchte in Neumünster Klaus Fahrner, Leiter der dortigen Bücherei, ebenfalls nutzen. Dort steht, in bester Innenstadtlage, das drittälteste Karstadt-Kaufhaus Deutschlands leer. Die Sparkasse Südholstein hat es gekauft, um es zu ihrem Hauptstandort umzubauen. Doch Klaus Fahrner findet, dass auf den großen Flächen noch mehr als Bankgeschäfte und Kundengespräche stattfinden sollte. Er will mit der Stadtbücherei einen Teil des Gebäudes bespielen, es für die Stadtgesellschaft öffnen und einen Begegnungs- und Geistesort schaffen.

"Für alle Menschen - nicht nur für angemeldete Leser -, wo sich Leute begegnen können. Wenn Sie sehen, dass hier, am Zentralplatz der Stadt, am Sonntagabend ab 20 Uhr nichts mehr geboten wird", sagt Fahrner und deutet auf das riesige leere Kaufhaus. Fahrners Vision: "Sie können da rein gehen, können einen Kaffee trinken, Zeitung lesen oder sich eine CD anhören. So etwas streben wir an. Ich denke, wir brauchen solche Orte, wo wir zusammenkommen können."

Miete muss nach Wiederbelebung finanzierbar bleiben

Der neue Besitzer des ehemaligen Kaufhauses, die Sparkasse, findet die Idee grundsätzlich gut. Aber sie müsste der Bücherei mit den Mietkosten entgegenkommen: "Das ist hier eine 1A Lage. Zentraler geht es nicht mehr. Wir können keine marktübliche Miete zahlen. Sonst müssten wir hier an der Stelle der Stadt mit 20 Euro pro Quadratmeter mindestens rechnen. Das wäre für uns nicht machbar." Noch ist nichts entschieden und so lange wartet das Kaufhaus auf seine Wiederbelebung. Wie so viele andere alte Kästen.

Letzte Alternative für leere Kaufhäuser oft Abriss

Manchmal erscheint Kommunen nach langem Leerstand der Abriss als die beste aller Alternativen. In Schleswig ist das ehemalige Kaufhaus schon abgerissen worden. Eine Umnutzung wäre nicht wirtschaftlich gewesen, sagt die Stadt. Im Winter 2018 kamen die Bagger. Abrisskosten: 1,5 Millionen Euro. Jetzt warten rund 2.000 Quadratmeter darauf, neu bebaut zu werden. Doch noch hat sich niemand gefunden, der sein Geld dort investieren möchte, wo das Kaufhaus stand. Denselben Weg geht jetzt auch Delmenhorst. Über zehn Jahre stand dort das Kaufhaus leer. Für den Kauf und Abriss hat der Stadtrat rund 7 Millionen Euro frei gegeben. Man spricht von einer historischen Chance, etwas Neues zu machen.

So muss jede Stadt für sich klären, wie sie mit den ehemaligen Kaufhäusern umgehen möchte und ob man ein Gebäude noch umbauen kann - nicht, dass man es unbedingt umbauen muss. Allerdings stecken in vielen alten Kästen mehr Möglichkeiten, als man ihnen auf den ersten Blick ansieht.

Weitere Informationen
Der Bunker auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg-St.Pauli. © NDR Foto: Heiko Block

Hamburg ist Bunker-Hochburg

Mehr als 1.000 Bunker gab es zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Hamburg. Einige Anlagen wurden abgerissen, andere umgebaut. mehr

Blick auf den Stadthafen der Hansestadt Rostock. © picture alliance / Zoonar Foto: Rico Ködder

Rostock: Wie wird das Archäologische Landesmuseum aussehen?

In Rostock soll in den kommenden Jahren ein Archäologisches Landesmuseum entstehen. 20 Architekturbüros konkurrieren um den Auftrag. mehr

Mehrere historische Schiffe liegen am Ponton des Sandtorhafens in der Hafencity © ELBE&FLUT / HafenCity GmbH Foto: Thomas Hampel

Hafencity: So wächst Hamburgs neuer Stadtteil

Zehn Quartiere umfasst der moderne Stadtteil an der Elbe. Ein Überblick über Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kulturjournal | 13.10.2021 | 17:00 Uhr