Eröffnungsfeier des Humboldt Forums in Berlin © dpa-Bildfunk Foto: Jörg Carstensen

Humboldt Forum eröffnet: Attraktion oder Kolonialwarenladen?

Stand: 21.07.2021 11:53 Uhr

In Berlin ist das Humboldt Forum eröffnet worden. Mehr als zehn Jahre wurde daran gebaut. 680 Millionen Euro hat es gekostet. Das Kulturzentrum bleibt Gegenstand kontroverser Diskussionen.

von Anina Pommerenke

Die Reaktionen auf den großen Eröffnungstag fallen gemischt aus, denn während die ersten Besucherinnen und Besucher die neuen Räumlichkeiten erkundeten, wurde gegenüber auf der anderen Straßenseite demonstriert. Im Zentrum der Kritik steht weiterhin, dass auch koloniales Raubgut ausgestellt wird. Hartmut Dorgerloh, der Generalintendant des Humboldt Forums, hat deshalb erneut betont, dass die Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte Deutschlands zu den Aufgaben des Kulturzentrums gehöre.

Erste Tickets fürs Humboldt Forum in Berlin schnell vergeben

Das öffentliche Interesse am Humboldt Forum ist dennoch groß: die Tickets sind direkt nach der Eröffnung bis Ende Juli ausgebucht. Und die ersten Besucherinnen und Besucher stellen positive Zeugnisse aus. Aktuell können allerdings nur 2.400 Besucherinnen und Besucher pro Tag ins Humboldt Forum, eigentlich hätte es Kapazitäten für bis zu 10.000 Menschen.

Architekturkritiker: "Charme eines Lastwagenabstellplatzes"

Die Taz titelt nach der Eröffnung "Kolonialwarenladen eröffnet" und bezeichnet das Humboldt Forum darüber hinaus als "Zwingburg der falschen Gesten". Weiter heißt es: "Das Humboldt Forum prunkt also heute genauso wie zu Hochzeiten des Feudalabsolutismus. (...) Sich barocke Fassaden zurückzuholen und dazu die im 19. Jahrhundert ergänzte Kuppel mit der Aufschrift 'Daß im Namen Jesu sich beugen sollen alle, derer Knie die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind' ist nicht bloß bauliche Rekonstruktion. Es handelt sich um die Wiederholung einer Überlegenheitsgeste."

Auch der Architekturkritiker Nikolaus Bernau ist nicht besonders glücklich über die Gestaltung des Humboldt Forums. Er kommentiert bei RBB Kultur: "Die neue Umgebungsgestaltung des Humboldt Forums mit seinen nachgebauten Schlossfassaden ist selbst für Berliner Verhältnisse ein großes Ärgernis. Der Schlossplatz hin zum Staatsratsgebäude ist eine weite, von Kleinsteinpflaster geprägte Ödnis mit Steinbänken und schmucklosen Lichtmasten. Das hat den Charme eines Lastwagenabstellplatzes."

Auf der vergeblichen Suche nach dem Geist der Brüder Humboldt

Die FAZ knöpft sich die Ausstellungen vor und bemängelt, dass man den Geist der Brüder Humboldt hier vergebens suche. Besonders kritisiert der Autor, dass gleich mehrere der insgesamt sechs Ausstellungen alles zusammenwerfen, was seiner Meinung nach nicht zusammen gehört. Er schreibt: "Von einem Labor des Wissens, wie es die Gründerväter sich vorstellten, ist dieses Sammelsurium noch weit entfernt (...). Das Forum, scheint es, traut seinem eigenen Leitstern nicht mehr. Ob seine Selbstdemontage noch aufzuhalten ist, könnte sich Ende September zeigen, wenn die Staatlichen Museen den ersten Teil ihrer Dauerausstellung in den beiden obersten Geschossen eröffnen. Dann wird man sehen, wie viel Humboldt noch hinter den Schlossfassaden steckt."

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Das Berliner Humboldt Forum wird am 20. Juli mit mehreren Ausstellungen eröffnet. © picture alliance/dpa Foto: Wolfgang Kumm

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 21.07.2021 | 08:15 Uhr