Stand: 29.01.2019 07:50 Uhr

Chaotischer Halbstart beim DAU-Projekt

Monatelang hat das Kunstgroßprojekt DAU in zwei europäischen Großstädten für aufgeregte Diskussionen und für bürokratische Probleme gesorgt. In Berlin ist die Riesen-Installation gescheitert, in Paris musste der Start verschoben werden. Am Wochenende durften sich die ersten Besucher auf die Spuren des 1968 verstorbenen russischen Physikers Lew Landau machen und sich in ein Totalspektakel an der Grenze zum Totalitarismus begeben. Zu erwarten war eine Mischung aus Kino, Installation, Vorträgen, Theater und Konzert. Der Theaterkritiker Michael Wolf vom unabhängigen Theaterportal "Nachtkritik" ist an zwei Tagen stundenlang in der Pariser DAU-Welt unterwegs gewesen.

Herr Wolf, was haben Sie in dieser Parallelwelt erlebt?

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Der Theaterkritiker Michael Wolf hat das DAU-Projekt am Eröffnungswochenende besucht.

Michael Wolf: Weniger als ich erhofft hatte. Wenn man reinkommt, geht man erst einmal auf eine Bar zu, da kann man Vodka und Essen aus Konserven bestellen. Dann gibt es in den oberen Stockwerken Räume, in denen eine typisch sowjetische Wohnung rekonstruiert ist, die kann man dann betreten, das ist aber auch schon alles. In einer engen Holzkiste habe ich ein Gespräch mit einer sogenannten Expertin geführt. Da hieß es im Vorfeld, das sei ein Geheimdienstler oder ein Priester. Wir haben dann aber nur ein bisschen geplaudert, das war sehr harmlos. So wie eigentlich mein gesamter Besuch. Bis auf die Filme, die sind durchaus eine Zumutung. Da verfolgt man die Bewohner des Forschungsinstituts, um das es geht, in ihrem Alltag: bei Streitereien, bei Verhören von KGB-Agenten, viel beim Sex tatsächlich und bei Saufgelagen. Das ist zwar durchaus anstrengend, aber es ist auch ein ganz neuer Blick auf das Lebensgefühl in der UdSSR der Vierziger und Fünfziger Jahre.

Es gab ein monatelanges Hin und Her, da ging es um Genehmigungen um Verbote, die Pariser Eröffnung musste auf letzten Drücker verschoben werden. Inwieweit hat denn dieser Vorlauf Spuren hinterlassen bei diesem Projekt?

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Die Nachbildung eines Schlafzimmers zur Zeit der Sowjetunion gehört zu den Ausstellungsstücken des "Dau"-Projekts.

Wolf: Durchaus hat es das. Ursprünglich sollte DAU in einem weiteren Theater gegenüber stattfinden, eröffnet wurde letztlich aber nur ein kleiner Teil dieser DAU-Welt und selbst dieser Teil wirkt ziemlich improvisiert. Geplant war außerdem ursprünglich, dass man von einem Smartphone geleitet wird. Also, man gibt sein eigenes Smartphone ab und bekommt ein DAU-Smartphone und wird dann auf eine persönliche Route geschickt. Das fand aber auch nicht statt, das war auch nicht möglich. Und so bewegt man sich frei durch die Räume und wird eigentlich auch ziemlich allein gelassen.

In Berlin hat man Angst gehabt, dass mitten in der Stadt die künstlerische Nachbildung eines totalitären Polizeistaats entstehen könnte - das passe da nicht so gut hin. Wie sehr geht denn jetzt das DAU-Projekt in Paris an seine Grenzen?

Wolf: Überhaupt nicht, würde ich sagen. Also zumindest, was den Polizeistaat angeht. Am Eingang geht man durch einen Metalldetektor durch, der funktioniert aber nicht mal. Und das ist im Grunde das Einzige, das im Entferntesten an einen Polizeistaat erinnern würde. Aber bei meinem Besuch war die Stimmung sehr gelöst: Es wirkte eher wie eine überambitionierte Premierenparty.

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Also, wenn ich Sie richtig verstehe, dann wäre das Ganze im Kino fast besser aufgehoben gewesen. Ist denn beim DAU-Projekt eine spezifische Haltung gegenüber der Sowjetzeit und den totalitären Tendenzen auch in unserer heutigen Zeit zu spüren gewesen?

In den Filmen schon. Die Filme sind auch wirklich das Interessante an diesem Projekt. Ich würde aber nicht unbedingt "zu totalitären Tendenzen" sagen. Ich glaube, da geht es viel grundsätzlicher darum, wie man den einzelnen mit der Gesellschaft versöhnt. Der Kommunismus war ja nicht nur ein wirtschaftliches System, sondern auch ein Kontrollsystem, bei dem es auch um soziale Ordnung ging. Und in diesen Filmen sehen wir, wie die einzelnen dagegen revoltieren: Sie versuchen, der Kontrolle auszuweichen. In ihren Streitereien, in ihren Besäufnissen und auch immer wieder beim Sex - Geilheit lässt sich nicht kollektivieren, nicht mal beim Gruppensex, um den es auch geht. Das ist durchaus auch für die heutige Zeit interessant, denke ich. Jede Gesellschaft, auch unsere von heute, steht vor der Aufgabe, einen Zusammenhalt herzustellen und den einzelnen auch auf Linie zu bringen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 28.01.2019 | 17:40 Uhr